08. Mai 2006 In Mexiko wird ein neuer Präsident gewählt. Der jetzige Staatschef und ehemalige Coca-Cola-Manager, Vicente Fox, erläutert im Gespräch mit der F.A.Z., warum sein wirtschaftsfreundlicher Kurs fortgesetzt werden müsse und redet über das Engagement privater Unternehmer in der Ölindustrie.
Bolivien will die Erdgasindustrie verstaatlichen. Mexiko, der fünftgrößte Ölproduzent der Welt, hat seine Rohstoffe in den dreißiger Jahren nationalisiert. Ist Bolivien auf dem richtigen Weg?
Meine Regierung kämpft für genau das Gegenteil. Zwar nicht für die Privatisierung. Aber wir müssen den Sektor so öffnen, daß sich private und öffentliche Investitionen ergänzen. Wir entdecken in Mexiko ständig neue Lagerstätten, haben aber nicht die öffentlichen Mittel, um diese Energie zu nutzen. Würden wir uns allein auf den Staat verlassen, ginge uns mit dramatischer Geschwindigkeit das Öl aus.
Der linke Kandidat Andres Manuel Lopez Obrador könnte die mexikanischen Präsidentenwahlen gewinnen. Viele fürchten eine linkspopulistische Allianz von Bolivien über Venezuela und Kuba bis nach Mexiko. Besteht diese Gefahr wirklich?
Das entscheidet sich am 2. Juli. Die Gesetze verbieten, daß ich mich zu den Kandidaten äußere. Ich bin sicher, daß die Wahlen demokratisch verlaufen und die Mexikaner einen guten Präsidenten wählen werden. Wir haben gelernt, wie verheerend Demagogie, Populismus und die fehlende Verantwortung für öffentliche Finanzen sind.
Umfragen sehen den Bewerber Ihrer Partei Accion Nacional (PAN), Felipe Calderon, FRAGE: leicht vorn. Doch viele Mexikaner haben den Eindruck, daß die jetzige PAN-Regierung nicht sehr viel erreicht hat.
Mexiko hat heute die besten Wirtschaftsindikatoren seiner Geschichte. Wir sind die siebtstärkste Handelsnation und die zwölftgrößte Volkswirtschaft. Seit 1995 ist das Pro-Kopf-Einkommen von 3100 auf 7500 Dollar gestiegen, das ist der höchste Wert in Lateinamerika. Unser Außenhandel ist größer als der aller anderen lateinamerikanischen Länder zusammen. Wir haben das Finanzsystem wiederaufgebaut, Schulden getilgt oder in langfristige Peso-Verbindlichkeiten umgeschichtet. Die Währung ist fest, der Haushalt fast ausgeglichen. Die Inflation ist die niedrigste seit 37 Jahren.
Was hat der Mann auf der Straße davon?
Jeder Mexikaner hat heute Zugang zu den Finanzsystemen, kann Geld sparen oder zu annehmbaren Sätzen Kredite aufnehmen. Das Realeinkommen ist so gestiegen, daß es eine Mittelschicht gibt, die sich Autos, Kühlschränke oder Computer kaufen kann.
Aber die Armut bleibt riesig ...
In sechs Jahren kann man aus einem armen Land kein reiches machen. Dennoch: Wir haben die extreme Armut um 30 Prozent verringert und die sozialen Sicherungssysteme so verbessert, daß statt der Hälfte jetzt alle Mexikaner Zugang dazu haben: zu den Wohnungsbauprogrammen etwa, zum staatlichen Gesundheitswesen oder zu den Hochschulstipendien.
Mexiko geht es nur so lange gut, wie der Preis für das Öl hoch ist, von dem mehr als 30 Prozent der Staatseinnahmen abhängen. Was wurde aus der Steuerreform?
Diese Reform und die Öffnung der Energiewirtschaft sind unverzichtbar. Weil meine Regierung keine Mehrheit im Kongreß hat, sind wir damit nicht so vorangekommen wie erhofft. Hätte der Kongreß die Gesetze im ersten Regierungsjahr verabschiedet, wüchse unsere Wirtschaft jedes Jahr um 6 bis 7 Prozent.
Der mexikanische Wohlstand ist von Amerika abhängig, das mehr als 80 Prozent der Exporte aufnimmt. In der amerikanischen Konjunkturdelle fiel Mexiko in die Rezession, Hunderttausende Jobs gingen verloren. Hat das Freihandelsabkommen mit der EU die Verwundbarkeit beendet?
Ein Anfang ist gemacht, aber ich bin nicht zufrieden. Ich hoffe, daß wir ein Handelsvolumen erreichen, das dem von Amerika und Kanada in der Nafta entspricht.
In wenigen Tagen beginnt in Wien der EU-Gipfel mit Lateinamerika. Dort werden Sie erstmals auch zu bilateralen Gesprächen mit Kanzlerin Merkel zusammenkommen. Was versprechen Sie sich davon?
Der Gipfel ist sehr wichtig, weil das riesige Potential unserer Beziehungen bisher nicht ausgeschöpft wird. Wir verstehen, daß sich die EU mit der Integration der neuen Mitglieder beschäftigt. Aber wir bestehen darauf, daß Europa den Blick zurück auf Lateinamerika lenkt, damit beide Seiten stärker voneinander profitieren.
Das Gespräch führte Christian Geinitz.
Text: F.A.Z., 08.05.2006, Nr. 106 / Seite 15
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