Neapels Abfallkrise

Die Unterwelt macht Müll zu Gold

Von Florentine Fritzen

10. Januar 2008 Wenn der italienische Umweltminister Alfonso Pecoraro Scanio von der Camorra spricht, dann nennt er sie manchmal „die Unterwelt“. Als das Kabinett von Ministerpräsident Prodi Anfang der Woche im Palazzo Chigi in Rom über die Müllberge in Neapel beriet, sagte Pecoraro: „Der Staat weicht nicht zurück vor der Arroganz der Unterwelt.“ Anschließend forderte der Umweltminister „eine starke Aktion des Staates gegen die Camorra“, also gegen die neapolitanische Variante der Mafia.

Wenn es denn so einfach wäre. Denn die Diener der Unterwelt paktieren im Süden Italiens so selbstverständlich und einvernehmlich mit den Angestellten der Welt der Wirtschaft und der Politik, dass es vielen kaum wie ein Pakt mit dem Teufel erscheinen mag. „Die Clans brauchen weder mit den Politikern einen Blutpakt zu schließen noch sich mit politischen Parteien zu verbünden“, schreibt Roberto Saviano. Der Schriftsteller ist 1979 in Neapel geboren, und weil sein Bestseller „Gomorrha“ aus dem Jahr 2006 von der Camorra handelt und mit einem langen Müll-Kapitel endet, ist Saviano für italienische Zeitungen in diesen Tagen der Mafia-Fachmann überhaupt.

Die Politik hat versagt

Saviano sieht die sogenannten Stakeholder als wichtigstes Rädchen im System der italienischen Müllentsorgung: Damit für Politik und Wirtschaft alles schön diskret ablaufe, würden diese Vermittler bei Industrieunternehmen vorstellig und legten ihre Preisliste vor. Dabei spiegelten sie vor, nicht etwa eine kriminelle Dienstleistung anzubieten - auch dann, wenn sie für einen Entsorgungsbetrieb der Camorra arbeiteten. Anschließend stellten sie - gegen prozentuale Beteiligung an den Kosten für die Verträge - den Kontakt zu den Entsorgungsbetrieben her.

Die Preise jener Stakeholder, die mit einem Clan zusammenarbeiteten, seien die günstigsten, zumal der Mülltransport immer schon inbegriffen sei. Das gehe schon seit Jahrzehnten so: Die Entsorgungs-Anbieter füllten die Deponien Kampaniens zu Dumpingpreisen mit Müll. Jetzt sind die Deponien voll oder geschlossen, eine seit Jahren geplante Verbrennungsanlage ist nicht fertig. Das liegt weniger an der Camorra als am Versagen der italienischen Politik, wobei diese sich nicht ganz einig darüber ist, wo die Schuldigen sitzen: in Neapel oder in Rom.

Der Notstand kurbelt die Geschäfte an

Die angesichts der Krise schon mehrfach zum Rücktritt aufgeforderte Bürgermeisterin von Neapel, Rosa Russo Iervolino, wirft Ministerpräsident Prodi jedenfalls vor, seit einem Jahr von der sich verschärfenden Lage gewusst und dennoch nicht gehandelt zu haben. Die Camorra aber scheint auch in dieser neuen Situation, in der Soldaten statt Müllmännern Plastiksäcke wegschaffen, auf Profit zu rechnen.

Denn der Notstand, so meinen viele, sei das eigentliche Element der Camorra. „Wo ein Notstand ist, da ist auch das organisierte Verbrechen“, sagte Franco Roberti, Leiter der Gruppe „Anticamorra“ der Staatsanwaltschaft Neapel, der Zeitung „La Repubblica“. Für die Camorra seien Geschäfte mit dem Abfall grundsätzlich wenig riskant und besonders einträglich, „weil der Abfall ein Dauernotstand ist“.

Ein Riesengeschäft mit dem Dreck

Im neapolitanischen Vorort Pianura, wo die Polizei gegen Demonstranten vorging, heißt es, die Camorra freue sich über die Barrikaden der erbosten Bürger und ermutige oder nötige Ladenbesitzer, ihre Geschäfte während der Demonstrationen zu schließen. Staatsanwalt Roberti sagt: „Die Camorra hat ein Interesse daran, Proteste anzuheizen und die Notstandssituation aufrechtzuerhalten, die ihnen Einkünfte verschafft.“

Im illegalen Geschäft mit dem Müll würden „enorme Summen“ verdient, sagt der Staatsanwalt. Auf Zahlen festlegen will er sich offenbar nicht. Dafür nennt er Namen, die in Italien gleichwohl altbekannt sind. In Kampaniens illegalem Müllgeschäft sei vor allem der Casalesi-Clan tätig, der seinem Entstehungsort Casal di Principe einen schlechten Ruf verschaffte. In der Stadt Neapel profitieren nach den Worten Robertis auch die Clans von Rione Traiano und Pianura vom Geschäft mit dem Müll.

Neapel eine „Bananenschalenrepublik“

Italienische Zeitungen zitieren jetzt oft den 2003 am Telefon abgehörten Satz eines illegalen Müllhändlers: „In unseren Händen wird der Müll zu purem Gold.“ Daran, dass so viel Müll in die Hände der Camorra gelangt, ist auch der Norden Italiens beteiligt. Roberto Calderoli von der rechtspopulistischen Lega Nord hatte dieser Tage mit Blick auf Dreck, Qualm und Sumpf in Kampanien gesagt: „Neapel ist nicht Italien“, und von einer „Bananenschalenrepublik“ gesprochen.

Ohne Calderoli beim Namen zu nennen, entgegnete Justizminister Clemente Mastella am Montag im Kabinett, solche Aussagen seien nicht gerechtfertigt: „Der Norden hat Kampanien als Mülleimer benutzt.“ Bestseller-Autor Saviano schreibt: „Der größte Teil des Giftmülls wird in einer Richtung entsorgt: von Nord nach Süd.“ Seit Ende der neunziger Jahre wurden nach seinen Worten achtzehntausend Tonnen Giftmüll aus dem norditalienischen Brescia in das Gebiet zwischen Neapel und Caserta gebracht: „Der Müll aus den Aufbereitungsanlagen in Mailand, Pavia und Pisa wurde nach Kampanien verschoben.“

Der Norden trennt, der Süden nicht

Die Entsorgung insbesondere von Sondermüll ist dort billiger als im Norden. Das liegt nicht nur an den Preisen von Camorra-Deponien, sondern auch an der Art der Entsorgung. Der Mailänder „Corriere della Sera“ meldet, in Neapel sei im Jahr 2007 nur 13 Prozent des Abfalls getrennt entsorgt worden - gegenüber 39 Prozent in Brescia. Nur 145 von mehr als 450 Kommunen entsorgten den Müll den Standards entsprechend getrennt.

Die Clans sind nicht allein verantwortlich für die Müllberge in und um Neapel, auch wenn sie an ihnen mitgebaut haben. Die italienische Umweltorganisation Legambiente benennt die Schuldigen an der Situation in Neapel mit den Worten: „Insgesamt ist der Müllnotstand in Kampanien kein unabwendbares Schicksal, sondern die Frucht der Unfähigkeit von Politik und Verwaltung.“ Anders als in den Reden von Umweltminister Pecoraro kommt das Wort „Unterwelt“ nicht vor.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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