Vereitelte Terroranschläge

Die Verwandlung der höflichen jungen Männer

Von Claudia Bröll, London

High Wycombe bei London: Nichts ist mehr wie es war

High Wycombe bei London: Nichts ist mehr wie es war

13. August 2006 Hepplewhite Close, Folkstone Road und Walton Drive. Kaum jemand hätte noch vor drei Tagen vermutet, daß hinter solch gutbürgerlichen Fassaden vermutlich einer der schlimmsten Terroranschläge der Geschichte geplant wurde. In den frühen Morgenstunden am Donnerstag nahm die Polizei 23 Männer und eine Frau fest. Sie lebten in typischen Wohngegenden der britischen Mittelklasse in Ostlondon, in Birmingham und in der 120.000-Einwohner-Stadt High Wycombe.

Mehr noch als das Ausmaß des furchtbaren Plans, bis zu zehn Flugzeuge in die Luft zu sprengen, entsetzt die Briten, daß die Festgenommenen auf der Insel geboren und aufgewachsen sind. Die meisten haben pakistanische Eltern, leben ein Leben wie Millionen anderer Muslime auf der Insel. Die Männer gehen in die Moschee und tragen wallende Gewänder. Und begeistern sich wie die meisten ihrer Landsleute für Fußball und Kricket. Im Alltag haben sie ganz normale Jobs. Zu den Verhafteten gehören beispielsweise der Chef einer Musikfirma, ein Arbeiter in einer Pizzeria, ein Gebrauchtwagenhändler und ein Sicherheitsmann des Flughafens Heathrow.

Gläubige müssen auf der Straße beten

Polizisten vor dem Haus eines Verdächtigen in High Wycombe

Polizisten vor dem Haus eines Verdächtigen in High Wycombe

Die meisten - so etwa der 25 Jahre alte Ibrahim Savant - stammen aus der britischen Mittelschicht. Der Sohn eines iranischen Architekten und einer britischen Buchhalterin konvertierte vor acht Jahren zum Islam, als er seine muslimische Frau Atika Sidyot kennenlernte. Er änderte seinen früheren Namen Oliver in Ibrahim und ließ sich einen langen Bart wachsen. Savant lebt mit seiner hochschwangeren Frau in Walthamstow. Der Stadtteil ist für seine große muslimische Gemeinde bekannt. Die Freitagsgebete in den Moscheen werden von so vielen Gläubigen besucht, daß einige auf der Straße beten müssen.

Viele Eltern schicken ihre Kinder an eine der Madrassas, die islamischen Schulen. Gemeinsam mit seinem Bruder führt Savant eine Musikfirma im Osten Londons. Er ist seit Kindertagen als leidenschaftlicher Fußballspieler bekannt. In jungen Jahren lernte er Trompete spielen.

„Wir sind entsetzt und zornig“

„Er ist ein sehr netter, höflicher junger Mann“, erzählt ein pensionierter Feuerwehrmann, der ihn seit seiner Geburt kennt. Verwandte reagierten geschockt auf die Festnahme: „Wir sind entsetzt und zornig“, sagt sein Bruder Adam, „Ibrahim ist verheiratet. Das jung verheiratete Paar erwartet ein Baby. Unsere Eltern sind traumatisiert. Es gibt überhaupt keine Anzeichen dafür, daß er mit den Terrorplänen etwas zu tun hat. Ich bin zuversichtlich, daß die Polizei ihn schon bald freilassen wird.“

Ein enger Freund von Savant, Waheed Zaman, wurde einige Stunden später ebenfalls in Walthamstow in Handschellen abgeführt. Er hatte mit seiner Schwester ferngesehen. Der 90 Jahre alte Vater der beiden schlief, als 30 Polizisten, einige bewaffnet, vor der Tür standen. Waheed Zaman spielt mit Savant Fußball. Beide besuchen in ihren weißen Gewändern die Moschee.

Fußball im Fernsehen, Burger und Pommes frites

Allerdings engagiert sich Zaman stärker für den Glauben. Der Biomedizinstudent an der London Metropolitan University leitet die „Islam Society“ der Universität und schreibt in Studentenzeitungen über den Islam. Außerdem nimmt er an Treffen der „Tablighi Jamaat“-Bewegung teil, einer konservativen muslimischen Gruppe, die junge Leute vor den schädlichen Ausprägungen der westlichen Welt warnt. Dazu zählt beispielsweise die Popmusik.

Freitagsgebet in der Zentral-Moschee von Birmingham

Freitagsgebet in der Zentral-Moschee von Birmingham

Freunde erzählen, daß der mutmaßliche Terrorist trotzdem keinen konservativen Lebensstil pflegt. Am liebsten schaue er Fußball im Fernsehen und esse Burger und Pommes frites. Einen Tag vor der Festnahme soll er sich noch mit Freunden per SMS zum Essen verabredet haben.

„Wir kommen alle gut miteinander aus“

Sein früherer Schuldirektor kann es nicht fassen, daß Zaman mit den Anschlagsplänen in Verbindung gebracht wird. „Ich habe 48 Jahre lang unterrichtet, und er ist einer derjenigen, die ich als sehr nettes Kind in Erinnerung habe, auch wenn er miserabel im Kricket war.“ Den Stadtteil Walthamstow, in dem in den vergangenen Tagen mehrere Polizeirazzien stattfanden, hält er nicht für eine Brutstätte für Terroristen. „Das ist eine multikulturelle Gegend, und wir kommen alle gut miteinander aus. Es gibt hier niemanden, den ich als Rassisten oder Fundamentalisten bezeichnen würde.“

Ausnahmezustand für die Anwohner

Ausnahmezustand für die Anwohner

Unweit von Savant und Zaman nahmen die Beamten weitere Männer fest, unter ihnen Muhammed Usman Saddique und Amin Asmin Tariq. Auch diese beiden führen ein unauffälliges Leben. Der 24 Jahre alte Saddique besuchte die gleiche Grundschule wie Savant, lebt in einer Doppelhaushälfte aus den dreißiger Jahren. Er arbeitet in einem Pizza-take-away-Geschäft. Der gleichaltrige Tariq wohnt nicht weit entfernt in einem zweistöckigen Reihenhaus mit seiner Frau und einem drei Wochen alten Baby. Er ist am Flughafen Heathrow als Sicherheitsmann beschäftigt.

Sein Vater weiß nicht mehr, wo sein Sohn wohnt

Die Polizei weitete die Ermittlungen weit über die Londoner Grenzen hinaus aus. Etwa 30 Meilen nördlich der Hauptstadt, in High Wycombe, faßte sie Umar Islam und Abdul Waheed. Beide sind erst vor kurzem zum Islam konvertiert. Islam, der früher Brian Young hieß, war christlich getauft. Er wechselte den Glauben, als er vor drei Jahren eine Muslimin heiratete. Seine Familie, die aus der Karibik eingewandert war, hat seitdem den Kontakt zu ihm verloren. Sein Vater weiß nicht einmal mehr, wo sein Sohn wohnt.

Sein Kompagnon Abdul Waheed, früher Don Stewart-Whyte, entschied sich erst vor sechs Monaten für den Islam. Wie die britische Presse jetzt feststellte, ist der ernste bärtige Mann ein Halbbruder des früheren Supermodels Heather Stewart-Whyte. Diese ließ sich mehrfach für den Dessous-Händler Victoria's Secret ablichten.

„Ich kann es nicht fassen, was gerade passiert“

Der 21 Jahre alte Mann soll als Jugendlicher einiges auf dem Kerbholz gehabt haben. Drogen, Alkohol, einmal wurde er von der Schule verwiesen. Waheed versuchte sich in mehreren Jobs, unter anderem bei einem Friseur und einer Curry-Fast-food-Kette. Die Mutter eines früheren Mitschülers sagt: „Er gab zu, daß er früher ein schlimmer Junge gewesen war, er nahm Drogen, trank viel, aber jetzt ist er in Ordnung. Ich kann es nicht fassen, was gerade passiert.“ Ein Nachbar fügt hinzu: „Nachdem er konvertierte, wurde er ein anständiger junger Mann. Er schien friedfertiger.“ Vor kurzem heiratete er eine Muslimin, gab bekannt, daß er das College besuchen wolle.

Seine Mutter, eine frühere Lehrerin und aktive Kirchgängerin, soll nicht glücklich über die Wandlung ihrer Kinder gewesen sein. Sie akzeptierte den neuen Glauben jedoch, als sie sah, daß er ihrem Sohn offenkundig guttat. Waheeds Vater, der in der britischen Konservativen Partei aktiv war, starb vor neun Jahren. Freunde sagen, daß sein Sohn den Tod nicht verkraftet habe. Mehrmals versuchte er sich umzubringen. „Der Tod hat ihn aufgewühlt. Sein Vater war ein Idol für ihn“, erzählt ein Freund. „Er weinte die ganze Zeit. Vielleicht ist er ein Muslim geworden, weil er eine große Familie zurückhaben wollte.“

Reise nach Pakistan veränderte Verdächtigen

Die britische Polizei geht davon aus, daß etliche der Verdächtigen Verbindungen nach Pakistan hatten. Der 26 Jahre alte Shazad Khuram Ali beispielsweise soll für mehrere Monate in Pakistan verschwunden sein. Als er zurückkam, brachte er so viel Geld mit, daß sich die Familie einen Bungalow für umgerechnet 450.000 Euro in bar kaufen konnte. Der Bungalow wurde an Asylbewerber vermietet. Zeitweise sollen dort 15 Leute gelebt haben.

Außerdem betrieb die Familie von ihrer Garageneinfahrt aus einen regen Handel mit Gebrauchtwagen, die aus den Vereinigten Staaten importiert wurden. Zwei bis drei Autos hätten sie pro Woche verkauft, berichtet Nachbar Tim Wilmington. Dann habe die Gemeinde das Geschäft verboten, weil sich Anwohner beschwert hätten. Die Reise nach Pakistan erleichterte Khuramali aber nicht nur den Start als Unternehmer. Er soll verändert zurückgekommen sein, erzählen Bekannte.

Mit gefälschten Pässen hin und her gereist

In Pakistan sitzt auch der Mann, der nach den neuesten Erkenntnissen als Drahtzieher des Terrorkomplotts gilt. Rashid Rauf, 29 Jahre alt und aus Birmingham, soll ein hochrangiges Mitglied von Al Qaida sein. Er half nach Informationen der britischen Medien bei der Ausbildung Tausender islamischer Kämpfer in geheimen Trainingscamps, darunter auch zwei der Selbstmordattentäter, die an den Anschlägen vom 7. Juli 2005 in London beteiligt waren.

Auch an dem geplanten Attentat auf den pakistanischen Präsident Musharraf in diesem Sommer soll er mitgewirkt haben. Lange Zeit sei Rauf zwischen Pakistan und Großbritannien mit gefälschten Pässen hin und her gereist, um Mitstreiter für sein nächstes grausames Terrorvorhaben zu finden. Der „Daily Mirror“ schreibt, daß er seine Kumpane zum Zelten, Kanufahren und Wandern einlud, um den Teamgeist zu stärken. Rauf stammt wie die anderen Verdächtigen aus einer islamischen Mittelklassefamilie.

„Sie leben für den Islam und sind friedfertig“

Sein Vater besitzt eine Konditorei. Ein enger Freund der Familie erzählte dem Blatt, daß alle tief religiös seien. „Sie beten fünfmal am Tag und gehen jeden Tag in die Moschee. Sie leben für den Islam und sind friedfertig.“ Dennoch, ein Bruder von Rauf, Tayib, wurde ebenfalls festgenommen.

Auf den ersten Blick erscheinen die Männer wie typische Vertreter der muslimischen Gemeinde in Großbritannien. Das schürt jetzt auch Zweifel, ob nicht die Falschen den Behörden ins Netz gegangen sind. Die Briten erinnern sich noch zu gut an die Verhaftung zweier muslimischer Brüder im Londoner Stadtteil Forest Gate vor wenigen Wochen. Beide erwiesen sich als unschuldig. Nach der Verhaftungswelle vom Donnerstag hat die Polizei zwei der Verdächtigen schon wieder freigelassen.

Die Verhafteten:

Achmed, Samih, geboren 1986, Walthamstow

Ali, Abdula Achmed, geboren 1980, Walthamstow

Ali, Cossor, geboren 1982, Walthamstow

Ali, Shazad Khuram, geboren 1979, High Wycombe

Hussain, Nabeel, geboren 1984, London E4

Hussain, Tanvir, geboren 1981, Leyton

Hussain, Umair, geboren 1981, London E 14

Islam, Umar, geboren 1978, High Wycombe

Kayani, Waseem, geboren 1977, High Wycombe

Khan, Assan Abdullah, geboren 1984, London E 17

Khan, Waheed Arafat, geboren 1981, London E 17

Khatib, Osman Adam, geboren 1986, Walthamstow

Patel, Abdul Muneem, geboren 1989, London E 5

Rauf, Tayib, geboren 1984, Birmingham

Saddique, Muhammed Usman, geboren 1982, Walthamstow

Sarwar, Amjad, High Wycombe

Sarwar, Assad, geboren 1980, High Wycombe

Savant, Ibrahim, geboren 1980, Walthamstow

Tariq, Amin Asmin, geboren 1983, Walthamstow

Uddin, Shamin Mohammed, geboren 1970, Stoke Newington

Waheed, Abdul, geboren 1985, High Wycombe

Zaman, Waheed, geboren 1984, London E 17

Die Namen von 19 der 24 Verdächtigen veröffentlichte die Bank of London. Drei weitere Namen wurden aus anderen Quellen bekannt.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.08.2006, Nr. 32 / Seite 2 und 3
Bildmaterial: AP, dpa

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