Benazir Bhuttos Nachfolge

Die Parteikrise wird zur Familienangelegenheit

Von Jochen Buchsteiner

Asif Zardari soll als „Ko-Vorsitzender” der PPP fungieren

Asif Zardari soll als „Ko-Vorsitzender” der PPP fungieren

30. Dezember 2007 Er trägt einen schwarzen Gürtel in Teakwondo und soll, wie sein Vater, gerne reiten. Viel mehr ist über den 19 Jahre alten Bilawal Zardari nicht bekannt, der nun seiner ermordeten Mutter, Benazir Bhutto, als Vorsitzender der Pakistanischen Volkspartei (PPP) folgen soll. Dass sich die Parteifunktionäre der PPP auf eine dynastische Nachfolge geeinigt haben, war keine Überraschung. Erwartet worden war allerdings, dass man dem jungen Mann einen erfahrenen Politiker an die Seite stellen würde, etwa Makhdoom Fahim, der die Partei jahrelang in Vertretung der Exil-Vorsitzenden geführt hatte. Stattdessen fiel die Wahl am Sonntag auf Bhuttos Ehemann, Asif Zardari, der nun offiziell als „Ko-Vorsitzender“ fungieren soll.

Die Behandlung der Parteikrise als Familienangelegenheit wirft weiteres Licht auf die politische Kultur Pakistans. Immerhin gilt die PPP noch am ehesten als demokratischer Anker in dem von islamistischen Gewalttätern und machthungrigen Generälen strangulierten Staat. Weil Zardari junior, der gerade sein Studium im britischen Oxford aufgenommen hat, keine große Lust auf den Posten des Parteichefs nachgesagt wird, dürfte sein Vater Asif zur Schlüsselfigur der kommenden Monate werden. Einen demokratischen Ehrenmann hat die PPP damit nicht an ihrer Spitze.

Eine umfassende Aufklärung gilt als unrealistisch

Bilawal Bhutto tritt in die Fußstapfen seiner Mutter

Bilawal Bhutto tritt in die Fußstapfen seiner Mutter

Asif Zardari ist mehrfach wegen Korruption verurteilt worden; ein Schweizer Gericht befand ihn (und seine Frau) auch der Geldwäsche für schuldig. In seiner Zeit als pakistanischer Industrieminister – ernannt wurde er von der Ministerpräsidentin Benazir Bhutto – soll er sich die Taschen derart schamlos mit Geld gefüllt haben, dass selbst die Kummer gewohnten Pakistaner empört protestierten. In jüngster Zeit fiel er überwiegend durch öffentliche Anschuldigungen auf, die er nicht belegen konnte. Zuletzt zeigte er nach dem Mord an seiner Ehefrau in Richtung Regierung und Geheimdienst.

Die Untersuchung des Attentats gehört zu den Ereignissen, die die unruhige Phase, vor der das Land jetzt steht, prägen werden. Eine zufriedenstellende Aufklärung des Mordes gilt als absolut unrealistisch. Als sicher gilt nur, dass die regierungsamtliche Darstellung des Verbrechens deutliche Schönheitsfehler enthält. Zum einen wies der angebliche Drahtzieher des Mordes – der pakistanische Taliban-Anführer Baitullah Mehsud – jede Beteiligung zurück.

Werden Regierung und Opposition aufeinander zugehen?

Dabei hätte es ihm vermutlich zur Zierde gereicht, den Vollzug der angekündigten Morddrohung zu verkünden. Zum anderen widersprechen Aufnahmen des Attentats dem von Islamabad verbreiteten Tathergang. Offensichtlich wurde Frau Bhutto nicht von der Wucht der Bombe getötet, die der Selbstmordattentäter gezündet hatte, sondern gezielt und aus nächster Nähe erschossen. Die Bilder, die im pakistanischen Privatfernsehen gezeigt wurden, lassen auch erkennen, dass Frau Bhutto ihrem Mörder schutzlos ausgeliefert war. Vom versprochenen Personenschutz war nichts zu sehen. (Siehe auch: Video: Fernsehsender zeigt angebliche Bhutto-Attentäter)

Zur Hauptfrage der kommenden Wochen dürfte werden, inwieweit Regierung und Opposition nun aufeinander zugehen können – und wie sich letztere organisiert. Eine Einigung unter den Oppositionskräften – womöglich sogar einschließlich der Islamisten – wird mittlerweile als Voraussetzung für die Parlamentswahl angesehen. Ein derartiger Versuch war erst vor wenigen Wochen an Streitigkeiten zwischen Frau Bhutto und dem Vorsitzenden der PML-N, Nawaz Sharif, gescheitert.

Wahlen: Vorerst kein neuer Termin?

Optimisten sehen nun einen neuen Schwung, weil der Mord an Frau Bhutto die Anti-Musharraf-Kräfte zumindest kurzzeitig zusammengeschweißt habe. Dass sich die neue Führung der PPP mit den Rivalen auf eine Oppositionsfront verständigen und Musharraf einen gemeinsamen Forderungskatalog für die Wahlen vorlegen wird, wird allerdings anderswo als Wunschdenken abgetan. Zu tief sitzt das gegenseitige Misstrauen, zu hoch fliegt die Hoffnung, auch ohne verhasste Bündnispartner von der Anti-Musharraf-Stimmung im Land profitieren zu können.

Zum jetzigen Zeitpunkt halten die wenigsten die Parlamentswahl am 8. Januar für durchführbar, auch wenn Präsident Musharraf gleich nach dem Attentat auf Frau Bhutto versicherte, an dem Termin festhalten zu wollen. Vor kommendem März, heißt es nun unter pakistanischen Journalisten, sei mit Wahlen kaum noch zu rechnen. Manche erwarten sogar eine Aufschiebung ohne neuen Termin.

Musharraf wird zwar der Wunsch nachgesagt, seiner rechtlich zweifelhafte Präsidentschaft durch die Parlamentswahl einen legitimen Anstrich geben zu wollen, aber gegen eine einige Opposition wird er seine PML-Q kaum verlieren sehen wollen. Er wird daher wohl versuchen, eine solche Einigung zu hintertreiben. Das politische Tauziehen in Pakistan dürfte so noch eine Weile anhalten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP

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