Unruhen

Nachbeben im Kosovo

Von Michael Martens

Die Lage gerät außer Kontrolle

Die Lage gerät außer Kontrolle

17. März 2008 Ähnliche Bilder gab es schon einmal aus diesem Ort: Als es vor vier Jahren zuletzt zu Unruhen in der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica kam, stand kurz darauf das gesamte Kosovo in Flammen. Serbische Kirchen und Klöster wurden zerstört, einige tausend Serben verließen das Amselfeld. Die Kosovo-Albaner hatten mit dem Gewaltausbruch ihr Ziel erreicht: Die Statusfrage kam wieder auf die Tagesordnung der Staatengemeinschaft – und vier Jahre später kam die Unabhängigkeit.

Deshalb ähneln die Bilder der Unruhen vom Montag denen von vor vier Jahren auch nur dem Anschein nach. Heute stehen sich im Norden Mitrovicas Serben und Kfor-Soldaten gegenüber. Mit der Besetzung eines Gerichtsgebäudes hatten die serbischen Demonstranten versucht, die Teilung der Stadt – die gleichzeitig die Teilung des Kosovos bedeutet – zu vertiefen. Dass sie auf Weisung aus Belgrad handelten, ist unumstritten. Der UN-Polizei und der Kfor blieb nichts anderes übrig, als einzuschreiten. Hätte man die von Serbien ausgehende Störaktion geduldet, wäre dies ein Eingeständnis des Scheiterns gewesen.

Serbien dürfte für den Norden des nunmehr unabhängigen Krisenstandorts Kosovo weitere Pläne haben. Im Mai wird Belgrad versuchen, die serbische Parlamentswahl auch auf dem Territorium des nun eigenständigen Staates Kosovo abzuhalten. Das können die westlichen Schutzmächte des Kosovos nicht hinnehmen. Doch will man Serben im Kosovo zur Not mit Gewalt daran hindern, ihre Stimme abzugeben? Das sähe übel aus.

Dennoch: Die Unabhängigkeitserklärung des kosovarischen Parlaments und deren internationale Anerkennung werden langfristig zur Stabilisierung der Region beitragen. Dass es kurzfristig zu politischen Nachbeben in der Region kommen würde, war zu erwarten. Gemessen an dem, was hätte geschehen können (und noch vor einem Jahrzehnt auf dem Balkan tatsächlich geschehen ist), sind diese Beben bisher harmlos gewesen.

Allerdings steht der EU das Management eines „eingefrorenen Konflikts“ von langer Dauer ins Haus. Serbien wird dem Westen noch für lange Zeit Sorgen bereiten. Das Kosovo, so wird in Brüssel und Washington gern behauptet, sei ein Fall sui generis. Wer das so sehen will, muss allerdings auch den Umkehrschluss akzeptieren: Auch Serbien wird ein Fall für sich bleiben – womöglich auf Jahre hinaus.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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