Valdas Adamkus

Eine Entscheidung für das Unmögliche

Von Reinhard Veser, Vilnius

Valdas Adamkus

Valdas Adamkus

13. Mai 2009 Der alte Herr hat in seiner Jugend einen Einbruch begangen, doch Zeichen von Reue sind nicht zu erkennen, im Gegenteil. Mit einem Grinsen, das an den Stolz eines Schuljungen über einen geglückten Streich denken lässt, fragt er: „Wollen Sie, dass ich es erzähle?“ Sein jugendliches Deliktregister ist noch länger: Diebstahl, Fälschung von Dokumenten, illegaler Waffenbesitz. Er hat die Formulare für Passierscheine und Personaldokumente entwendet und selbst ausgefüllt, er hat Handgranaten in seiner Schultasche transportiert. Erwischt worden ist er nie - wäre es geschehen, wäre das womöglich sein Tod gewesen. Er wägt nicht lange ab, bevor er sagt: „Ich würde alles wieder so machen.“

Der Weg, der Valdas Adamkus bis in das Amt des litauischen Präsidenten geführt hat, ist windungsreich und scheint doch folgerichtig. Als er den Einbruch beging, war er 15 Jahre alt. Seine Beute bestand aus einem kleinen Handdruckgerät, einem Stapel Papier und etwas Druckfarbe. „Das war kriminell, aber es diente edlen Zielen“, sagt er. Man schrieb das Jahr 1941, Litauen war von deutschen Truppen besetzt, und er hatte mit zwei Klassenkameraden beschlossen, dass man etwas dagegen tun müsse. Mit ihrem Diebesgut begannen die drei Gymnasiasten, ein Untergrundblatt herzustellen, in dem sie ihre Altersgenossen aufriefen, den Anordnungen der Besatzungsmacht nicht Folge zu leisten.

Die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs miterlebt

Drei Jahre später, im Herbst 1944 schloss sich Adamkus einer spontan entstandenen litauischen Einheit an, die an der Seite der Deutschen ebenso verzweifelt wie aussichtslos versuchte, den Vormarsch der Roten Armee im Westen Litauens aufzuhalten - etwa 6000 Freiwillige, die meisten ohne Waffen und militärische Ausbildung und noch keine zwanzig Jahre alt. „Einige hatten von irgendwoher Teile deutscher Uniformen, ich trug einen zerrissenen grauen Gymnasiastenanzug“, erinnert sich Adamkus. In der einzigen Schlacht der Einheit Anfang Oktober 1944 nahe dem Städtchen Seda trieben deutsche Feldgendarmen einen Teil der Jugendlichen in Schützengräben, wo viele von den Panzern der Roten Armee zermalmt wurden. Adamkus entkam. Er floh, versteckt auf einem Zug, nach Deutschland. Für ihn wie für viele andere Litauer ging es nur noch um eines: überleben - das hieß, weder der Roten Armee in die Hände zu fallen noch von den Deutschen in deren Krieg verheizt zu werden.

Wenn Valdas Adamkus nach der Präsidentenwahl in Litauen am kommenden Wochenende mit 82 Jahren aus dem Amt scheidet, wird der italienische Präsident Giorgio Napolitano das letzte Staatsoberhaupt in Europa sein, das die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs noch als Teilnehmer erlebt hat. Doch während Geschichten wie die des Italieners zum europäischen Gründungsmythos gehören, werden solche wie die des Litauers im Westen Europas allenfalls als schwer verständliche Fußnoten abgehandelt. Napolitano war als Linker im Widerstand gegen die italienischen Faschisten aktiv. Bei Kriegsende stand er auf der Seite der Sieger, Adamkus dagegen auf der der Verlierer.

Widerstand gegen beide Besatzer

Das freilich war im Grunde schon entschieden, bevor Valdas Adamkus selbst irgendeine Entscheidung getroffen hatte. Nachdem sich das nationalsozialistische Deutschland und die Sowjetunion am 23. August 1939 - gut eine Woche bevor mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann - im Hitler-Stalin-Pakt auf eine Aufteilung der zwischen ihnen liegenden Gebiete geeinigt hatten, wurden Litauen, Lettland und Estland im Juni 1940 von der Sowjetunion, ein Jahr später von Deutschland und ab Sommer 1944 wieder von der Sowjetunion besetzt. Litauen war zwischen die beiden großen totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts geraten, und wer Widerstand gegen den einen Besatzer leistete, war stets in Gefahr, dem anderen Besatzer das Handwerk zu erleichtern.

Während die Generation, die nach dem Ersten Weltkrieg das unabhängige Litauen aufgebaut hatte, in vermeintlichem Realismus nach geringeren Übeln suchte, entschieden sich jene, die in diesem Staat groß geworden waren, für das Unmögliche: den Widerstand gegen beide Besatzer. „In den Jahren der ersten sowjetischen Okkupation und später, in den Jahren der deutschen Okkupation, hatte ich mich wie viele junge Leute meines Alters, tief in die antisowjetische und antinationalsozialistische Tätigkeit eingelassen“, schreibt der 1922 geborene Jonas Mekas, der im Exil zu einem der bedeutendsten amerikanischen Avantgarde-Filmer wurde.

„Ihre Tränen bewegen mich bis heute.“

Für Valdas Adamkus begann die Schreckensgeschichte des Zweiten Weltkriegs im September 1940 mit dem überraschenden Ende einer alltäglichen Furcht, die Schüler aller Länder und aller Zeiten kennen - der Furcht vor der Mathematik-Lehrerin. Es war am ersten Tag des ersten Schuljahres unter sowjetischer Besatzung, der am Ausra-Gymnasium in Kaunas feierlich begangen werden sollte, mit der Rede eines kommunistischen Funktionärs, in der das „blutige Regime“ des unabhängigen Litauen verdammt und Stalin gefeiert wurde, weil er den Sonnenaufgang eines neuen, freien Lebens gebracht habe. Die Schüler pfiffen zuerst den Redner aus und übertönten dann die von einer Schallplatte abgespielte „Internationale“ mit der litauischen Nationalhymne. „Diese Lehrerin, die ich wie das Feuer gefürchtet habe, stand neben mir, und als wir anfingen zu singen, hat sie geweint“, sagt Adamkus. „Ihre Tränen bewegen mich bis heute.“ Seine Stimme zittert, er muss kämpfen, um nicht von seinen Gefühlen übermannt zu werden.

Dieser Erinnerung geht eine andere voraus, ein Standbild aus einem Tag im Juni 1940, eine Momentaufnahme in Schockstarre: „Ich weiß noch ganz genau, in welcher Straße, auf welcher Straßenseite, an welcher Stelle ich in Kaunas stand, als ich den ersten Soldaten der Roten Armee sah.“ Das Ausmaß dessen, was da geschah, habe er als 13 Jahre alter Junge, der das Wort „Okkupation“ noch nicht kannte, nicht verstanden, „aber irgendetwas habe ich geahnt“. Die sorgenvollen Gespräche der Erwachsenen hatten Gestalt angenommen.

Bund der litauischen Freiheitskämpfer

Es sind solche Momente, in denen Adamkus beim Erzählen manchmal unvermittelt von der gelassenen Souveränität in Wort und Haltung verlassen wird, die er wohl später im amerikanischen Exil als ranghoher Beamter erlernt hat. Dann rutscht er nach vorne auf die Kante des Sofas in seinem Büro, und zwischen Satzteilen und Wörtern dehnen sich die Pausen. Das dauert nie lange, er fängt sich stets schnell - wieder ganz Staatspräsident, lehnt er sich dann zurück und erzählt weiter, mal im Plauderton, so als gehe es um harmlose Anekdoten aus einer normalen Schulzeit, als sei der Krieg Kulisse für eine Schelmengeschichte, mal ernst, reflektiert, mit Distanz zum eigenen Erleben, voller Verwunderung über die damalige Unbekümmertheit: „Ich hatte ja gar nichts begriffen, deshalb hatte ich auch keine Angst“, sagt er etwa, oder auch: „Oh Gott, von uns hatte wohl keiner einen Funken Verstand!“

Gabrielius Landsbergis-Zemkalnis sagt das Gleiche, nur etwas zurückhaltender, mit einem zwischen Ironie und Sarkasmus schwankenden Unterton. Der ältere Bruder von Vytautas Landsbergis, der Anfang der neunziger Jahre der Führer der litauischen Unabhängigkeitsbewegung war, hatte seinen Klassenkameraden Valdas Adamkus im Herbst 1941 in den „Bund der litauischen Freiheitskämpfer“ eingeführt: In einer kleinen Kammer im Haus der Familie Landsbergis leistete Adamkus an einem mit der gelbgrünroten litauischen Trikolore bedeckten Tisch, auf dem eine Neun-Millimeter-Pistole lag, vor einem ihm unbekannten Untergrundkämpfer mit 15 Jahren zum ersten Mal einen Eid auf sein Land.

Reiner Idealismus

Anfang 1944 kam die Gestapo der Gruppe auf die Spur. Gabrielius Landsbergis-Zemkalnis sollte sich deshalb außerhalb der Stadt verstecken, was er auch tat - bis zum 13. Mai: „An diesem Tag musste ich unbedingt in die Stadt, ich musste dringend mit einem bestimmten Mädchen in ein Konzert gehen.“ Das war ein Fehler. Aus der Verabredung wurde nichts, die Zeit bis Kriegsende verbrachte er in deutscher Haft. Valdas Adamkus erfuhr in der Schule von der Festnahme des Freundes. Der Rektor habe ihn aus der Klasse rufen lassen, erinnert er sich, und nur gesagt: „Hau ab, die Gestapo hat Gabrielius!“ Adamkus ging zum Bahnhof, setzte sich in einen Güterzug und kam Tage später bei Verwandten auf dem Land an.

Als er sechs Wochen später nach Kaunas zurückkehrte, war alles in Auflösung begriffen. Die Rote Armee war auf dem Vormarsch, die Deutschen zogen sich zurück, und mit ihnen flohen viele Litauer, die Repressionen durch die Sowjetmacht fürchten mussten, weil sie vor dem Krieg Funktionen im litauischen Staat hatten oder politisch aktiv waren. Andere, vor allem Jugendliche, gaben sich der Illusion hin, den Vormarsch der Roten Armee an der Seite der Deutschen aufhalten zu können - nicht um den Deutschen zu helfen, sondern in der irrealen Hoffnung, dass Litauen so von den Westalliierten befreit werden könnte. „Aus heutiger Sicht war das der reine Wahnsinn“, sagt Valdas Adamkus, „aber damals war das reiner Idealismus. Wir haben nicht viel nachgedacht, man musste doch Litauen verteidigen.“

Ein schlechtes Gewissen

Für das gute Ende der Geschichte waren viele glückliche Zufälle und mehrere Wunder nötig. Nach einer Odyssee durch zerbombte deutsche Städte traf Valdas Adamkus in Deutschland seinen Klassenkameraden Gabrielius Landsbergis-Zemkalnis wieder, der kurz vor der geplanten Erschießung aller politischen Gefangenen von den Amerikanern aus dem Gefängnis des Volksgerichtshofs in Bayreuth befreit worden war. Anfang der fünfziger Jahre, als die Fronten des Kalten Kriegs sich verhärtet und der Westen Europas sich in seiner Freiheit eingerichtet hatte, verloren beide die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr nach Litauen und verließen den Kontinent. Landsbergis-Zemkalnis ging nach Australien, Adamkus in die Vereinigten Staaten, wo er sich zuerst als Fabrikarbeiter durchschlug, studierte, in der Umweltbehörde Karriere machte und einer der Führer des liberalen Flügels der litauischen Exilanten wurde.

Als Valdas Adamkus, der erfolgreiche, weltgewandte Amerikaner, in den neunziger Jahren begann, sich im wieder unabhängig gewordenen Litauen politisch zu engagieren, sahen viele Litauer in ihm den Repräsentanten eines virtuellen Landes: des Litauens, das möglich gewesen wäre, wäre es nicht von der Sowjetunion besetzt worden. Er dagegen kehrte in ein Land voller Schicksale zurück, denen er knapp entgangen ist. Wäre er 1944 geblieben - wäre er nach Sibirien deportiert worden? Wäre er als einer jener Partisanen gefallen, die bis Anfang der fünfziger Jahre in den Wäldern gegen die sowjetische Besatzung kämpften? Wäre er, wie so viele, in einem der Folterkeller des KGB gebrochen worden? In seinen Erinnerungen schreibt Adamkus, manchmal habe er ein schlechtes Gewissen gespürt, weil er damals geflohen sei.

Die Beute des Einbruchs, das kleine Handdruckgerät, wurde später von der sowjetischen Staatssicherheit in der Wohnung eines Freundes in Kaunas gefunden. Die ganze Familie wurde nach Sibirien deportiert - die neuen Machthaber wussten, dass sie in den Augen der Litauer nur eine andere Besatzungsmacht waren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Felix Seuffert

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