Von Jochen Buchsteiner, Delhi
30. Januar 2008 Dass es ernst um Suharto stand, wusste man spätestens, seit der indonesische Präsident Yudhoyono vor gut zwei Wochen einen Besuch in Malaysia abbrach, um den sterbenden Diktator im Krankenhaus in Jakarta zu besuchen. Suharto war längst nicht mehr der Mann, dem man in Indonesien eine Ehre erwiesen hätte - außer der letzten.
32 Jahre lang hatte der General mit eiserner Faust über das Inselreich geherrscht, bevor er im Frühjahr 1998 zum Rücktritt gezwungen wurde. Sein autokratischer Führungsstil, vor allem die maßlose Bereicherung seiner Familie hatten das Volk gegen ihn aufgebracht. Als Katalysator diente die Asienkrise, die große Teile des Volkes ihres bescheidenen Wohlstandes beraubt hatte. Zorn besiegte erstmals Furcht und trieb die Menschen auf die Straße.
Gleichwohl trauern bis heute manche der Ära Suharto nach. Trotz korrupter und menschenrechtswidriger Praktiken gilt sie vielen Indonesiern als Phase der Stabilität und der wirtschaftlichen Entwicklung. Suharto galt vielen auch als der Babak, der Vater, unter dem das alte, javanisch geprägte Gesellschaftssystem unverwüstlich bleiben würde.
Mit an der Front
Wenige Politiker haben ihr Land so lange regiert und so tief geprägt. Mao Tse-tung in China, Lee Kuan Yew in Singapur, Fidel Castro in Kuba - mit ihnen verglich sich der indonesische Herrscher. Die Rolle des Staatsgründers war dem zwanzig Jahre älteren General Sukarno zugefallen. Suharto aber hatte mit an der Front gestanden, als die Befreiungstruppen in den späten vierziger Jahren den Sieg über die niederländische Kolonialmacht erkämpften.
Bis heute sind die Umstände nicht geklärt, unter denen Suharto 1967 die Macht an sich riss. Mehrere Generäle putschten gegen Sukarno, der gegen Ende seiner Regierungszeit das junge, als Demokratie entworfene Land immer willkürlicher regierte und dabei an den kommunistischen Machtblock heranführe. Suharto schlug den Aufstand nieder, dessen Motive im Dunkeln liegen. Er ließ einem Pogrom gegen die chinesische (angeblich kommunistische) Minderheit mindestens freien Lauf und wurde bald darauf zum zweiten Präsidenten der Republik vereidigt. Die Tochter des Staatsgründers, Megawati Sukarnoputri, hielt Suharto bis zuletzt vor, ihren Vater perfide entmachtet zu haben; als Suharto drei Jahrzehnte später unter ihrer maßgeblichen Mitwirkung fiel, war ihr das auch eine persönliche Genugtuung.
Suharto öffnete das Land für Auslandsinvestoren
Suharto repräsentierte die Phase des frühen Aufbruchs in Südostasien. In seiner Person verdichtete sich die eigentümliche Mischung aus Autorität und Offenheit, Traditionsbewusstsein und Experimentierfreude. Auf zuweilen brutale Weise führte er das mehrheitlich muslimische Land auf prowestlichen Kurs. Die kommunistische Partei Indonesiens, die in den sechziger Jahren mehr Mitglieder als die sowjetische hatte, wurde verboten, ihre Anhängerschaft verfolgt und inhaftiert, zum Teil auch gefoltert und ermordet. Das Militär, auf das Suharto sich stützte, begann eine enge Zusammenarbeit mit Amerika. Suharto öffnete das Land für Auslandsinvestoren, die zunächst aus dem Westen, später aus der asiatischen Nachbarschaft kamen.
Innenpolitisch hielten ihn zwei Entwicklungen in Atem, die manche auch als Reaktionen auf seinen autokratischen Herrschaftsstil begriffen: Separatismus und Islamismus. Mitte der siebziger Jahre befahl er die Annexion Osttimors, das erst nach seinem Sturz den Status als 17. Provinz Indonesiens loswurde und die Unabhängigkeit erreichte. Das Militär unterband auch Freiheitsbestrebungen in anderen Provinzen. Nicht nur das nordsumatranische Aceh, wo das meiste Blut floss, ist heute dank größerer Autonomie befriedet.
Mit letzter Kraft die Gerichtsverfahren vom Leib halten
Keinen Raum gewährte Suharto den Islamisten. Fanatiker wie den Prediger Abu Bakar Baschir trieb er ins malaysische Exil. Erst in den letzten zehn Jahren seiner Amtszeit versuchte Suharto, selbst ein Muslim, die Kraft des politischen Islams zu nutzen und gemäßigte Kräfte - unter der Führung seines Ziehsohnes und späteren Nachfolgers Jusuf Habibie - einzubinden. Welch unheilvolle Mächte er jahrzehntelang in Schach gehalten hatte, zeigte sich in der zunächst führungsschwachen Nach-Suharto-Zeit, als Extremistengruppen wie Pilze aus dem Boden schossen und sich mit der Jemaah Islamiah eine tödliche Terrororganisation in Indonesien etablierte.
Suhartos letzte Jahre standen im Zeichen des Überlebenskampfes und der Demütigung. Die Rupienscheine mit seinem Konterfei wurden aus dem Verkehr gezogen. Das bisschen Kraft, das dem kranken General noch geblieben war, investierte er in Anwälte, die ihm Gerichtsverfahren vom Leib hielten. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit und umsorgt von seiner Familie, verteidigte der Rentner seine Beute zäh bis zum Schluss: Auf dreißig bis vierzig Milliarden Dollar wird das Vermögen geschätzt, das seine Frau und seine Kinder dank ihrer Machtstellung angehäuft haben. Ohne einen einzigen Tag im Gefängnis zu verbringen, ist Suharto am Sonntag im Alter von 86 Jahren in einem Krankenhaus der indonesischen Hauptstadt an Organversagen gestorben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
