Angela Merkels erster G-8-Gipfel

Als deutsche Kanzlerin unter Führern

Von Nikolas Busse, St. Petersburg

Gut beschirmt: Angela Merkel in St.Petersburg

Gut beschirmt: Angela Merkel in St.Petersburg

18. Juli 2006 Dem Essen wird überraschend viel Aufmerksamkeit geschenkt auf Weltwirtschaftsgipfeln. Der französische Präsident Chirac schaffte es im vergangenen Jahr, ganz Schottland gegen sich aufzubringen, als er kurz vor Beginn des Treffens, das in einem Schloßhotel in den Highlands stattfand, bemerkte, nur finnisches Essen sei noch schlechter als schottisches. Die deutsche Bundeskanzlerin ist seit dem Wochenende auch um so eine Erfahrung reicher.

Im prachtvollen Konstantin-Palast bei Sankt Petersburg wurde ihr und den anderen Staats- und Regierungschefs am Sonntag abend ein fürstliches Diner gereicht: „Kobe Beef“, bestes japanisches Rindfleisch, stand auf dem Menü, ein Fest für jeden Feinschmecker. „In der Mitte war dann aber ein Frankfurter Würstchen. Das hat den Geschmack etwas relativiert“, berichtete die Bundeskanzlerin hinterher und lachte über ihr Erlebnis.

Kein Grund, sich einschüchtern zu lassen

Wahrscheinlich hilft die Beschäftigung mit der Speisefolge, die Anspannung abzubauen. Mit einer Berliner Kabinettssitzung ist ein G-8-Gipfel schließlich nicht zu vergleichen, nicht einmal mit einem EU-Treffen. Hier treten acht Politiker zusammen, die sich nicht ohne Grund „Führer“ nennen lassen. Sie vertreten die reichsten und mächtigsten Staaten der Erde, sie beschäftigen sich mit den großen Fragen der Menschheit: Kriege, Klimawandel, Armut, Handel. Wer hier reden darf, hat es geschafft.

Angela Merkel war mit einer entspannten, abwartenden Haltung zu ihrem ersten G-8-Gipfel gefahren. Sie kannte die anderen Teilnehmer von früheren Begegnungen, den amerikanischen Präsidenten hatte sie gerade erst in Stralsund zu Besuch. Eine Frau, die sich gegen Alpha-Tiere wie Kohl, Schäuble, Stoiber und Schröder durchgesetzt hat, läßt sich auch von Männern wie Bush und Putin nicht einschüchtern. Außerdem kennt die Bundeskanzlerin die Dossiers der Außenpolitik gut. Schon lange vor ihrem Amtsantritt hat sie sich in internationale Zusammenhänge eingearbeitet, hat Kontakte geknüpft in die wichtigen Hauptstädte.

Kraftdemonstration wegen der Krise im Nahen Osten

Die deutsche Debütantin wirkte in Sankt Petersburg gleich an einer Kraftdemonstration der G 8 mit, die in der Geschichte dieses gut vierzig Jahre alten Zusammenschlusses einmalig ist. Die Gewalteskalation in Nahost veranlaßte die Staats- und Regierungschefs, eine UN-Truppe zur Stabilisierung des Südlibanon anzubieten - kein Diplomat konnte sich daran erinnern, daß auf einem Weltwirtschaftsgipfel schon einmal eine solch konkrete Reaktion auf eine aktuelle Krise vereinbart wurde. Die G-8-Runden standen lange im Ruf, viel Papier und wenig Substanz zu produzieren.

Den Staats- und Regierungschefs war Nahost sehr wichtig. Am Sonntag nachmittag schlug jemand vor, die amerikanische Außenministerin Rice und ihr russischer Kollege Iwanow sollten doch die Abschlußerklärung zu diesem Thema aushandeln - eine Aussicht, die die Diplomaten schaudern ließ, weil die beiden zusammenarbeiten wie Katz und Hund. Die „Chefs“ übernahmen die Arbeit am Schluß selbst. Dabei gelangten Begriffe wie „extremistische Elemente“ (für Hamas und Hizubullah) in die Erklärung. (Siehe auch: G8 erwägen UN-Truppe für den Libanon)

Zweite Front Teherans?

So etwas gehört nicht gerade zur Standardwortwahl der deutschen Außenpolitik. Aber die hatte in den vergangenen Tagen schon zu lernen, daß ein Land wie Iran ohnehin wenig Rücksicht nimmt auf schöne Worte und Angebote aus dem Westen. Die Eskalation im Libanon las sich in Sankt Petersburg für manche wie die Eröffnung einer zweiten Front durch Teheran, dem im Atomstreit wieder Sanktionen durch den UN-Sicherheitsrat drohen.

Die acht Autoren dürften sich im klaren darüber gewesen sein, daß solch kraftvolle Erklärungen weitgehende Verpflichtungen nach sich ziehen können. Denn sollte ein UN-Einsatz im Libanon zustandekommen, dann wird auf der Truppenstellerkonferenz daran erinnert werden, welche Regierungen die Idee dazu hatten. Stehen womöglich bald deutsche Soldaten im Libanon? „Eins nach dem anderen“, hieß es dazu in Sankt Petersburg abwiegelnd aus der Umgebung der Kanzlerin. Immerhin stehen ja schon UN-Truppen in dem Land, so daß es vielleicht nur um eine begrenzte Mission wie in Sudan ginge, wo die Bundeswehr mit wenigen Mann im Einsatz ist.

Keine Vermittlerin zwischen Moskau und Washington

Es war nicht nur Angela Merkels erster Gipfel, sondern auch der erste unter Vorsitz des russischen Präsidenten Putin. Da gab es Momente einer Sieben-gegen-Einen-Konstellation am Konferenztisch. Denn Putins halbautoritäres Rußland ist politisch ein Fremdkörper im Kreise der anderen gefestigten Demokratien. Allerdings machte die deutsche Kanzlerin die Erfahrung, daß Kritik ein wenig milder ausfällt, wenn man dem anderen gegenübersitzt, als wenn man von Berlin oder Washington aus über den Wert von Freiheit und Menschenrechten doziert - noch dazu, wenn man in der guten Stube des Gescholtenen sitzt. Außerdem kennt Putin die Gesetze seiner Gäste und verteidigte seine oft so ruppige Innenpolitik mit Hinweisen darauf, daß es doch - formal betrachtet - in den anderen Ländern ähnliche Regelungen gebe.

Es ist bekannt, daß Frau Merkel in diesem Zusammenhang eines nicht erträgt: daß Deutschland als Mittler dargestellt wird, etwa zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten. Leitende Beamte haben ihre Verärgerung schon zu spüren bekommen, wenn sie die deutsche Rolle so beschrieben haben. Für die Bundeskanzlerin sind die deutschen Interessen der Maßstab der Außenpolitik. Im Fall Putins handelt sie nach der Devise, daß wenig ohne Rußland geht - im Nahen Osten nicht, im Atomstreit mit Iran schon gar nicht.

Bald die Grande Dame der G 8?

Mit Bush ist es anders. Im Sitzungssaal des Konstantin-Palastes rüttelt der Präsident sie einmal freundschaftlich zupackend von hinten an den Schultern, während sie schon auf ihrem Platz sitzt. Sie ist überrascht, aber sie freut sich sichtlich. Sie sei ja nicht gerade eine rheinische Frohnatur, sagt ein Mitarbeiter, der sie gut kennt, deshalb wird ihr die manchmal rustikale Herzlichkeit Bushs zunächst fremd gewesen sein. Aber Frau Merkel gehört offenkundig zu den ausgewählten ausländischen Politikern, die der Präsident persönlich mag. In Stralsund hat er sie auf seine Farm nach Crawford in Texas eingeladen. Das ist eine Ehre, die er nur wenigen gewährt. Ihr Vorgänger Schröder durfte nie dorthin.

Am Montag feierte Frau Merkel in Sankt Petersburg ihren 52. Geburtstag. Unter den Staats- und Regierungschefs ist nur der kanadische Ministerpräsident Harper mit 47 Jahren jünger. Politisch bedeutender ist, daß die deutsche Kanzlerin wahrscheinlich noch viele Gipfel vor sich haben dürfte. Bush, der französische Präsident Chirac, der britische Premierminister Blair und der japanische Ministerpräsident Koizumi werden demnächst aus ihren Ämtern scheiden. So könnte aus der Debütantin bald die Grande Dame der G 8 werden. Im nächsten Sommer, wenn der Gipfel in Heiligendamm stattfindet, kann Frau Merkel dafür üben.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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