Merkel in der Türkei

Fastenbrechen unter europäischem Sternenkranz

Von Johannes Leithäuser, Istanbul

„Treffen am Schnittpunkt der Zivilisationen”: Merkel und Erdogan

„Treffen am Schnittpunkt der Zivilisationen”: Merkel und Erdogan

06. Oktober 2006 Ein Abendessen in Brüssel hätte nicht auffälliger ausstaffiert sein können mit europäischen Insignien als das Mahl zum abendlichen Fastenbrechen, zu dem der türkische Ministerpräsident Erdogan seinen deutschen Gast, Bundeskanzlerin Merkel, in das größte Konferenzzentrum Istanbuls geladen hat.

Mehr als zweitausend Gäste von Erdogans AK-Partei an mehr als hundert Tischen, Europafähnchen zwischen den Vorspeisen-Schüsseln, Banner mit den Porträts Erdogans und Merkels an den Wänden, zwischen ihnen die Flaggen beider Länder, und wieder der europäische Sternenkranz im Zentrum, schließlich vor und nach den angekündigten Reden die lautstark eingespielte Europa-Hymne, Beethovens Schlußsatz aus der neunten Sinfonie, Freude schöner Götterfunken.

„Nur mit Kooperationswillen“

Und der Gastgeber nimmt seinen Gast ganz undiplomatisch für die eigenen EU-Hoffnungen in Anspruch: Er dankt der Kanzlerin für ihre Unterstützung des türkischen Weges in die Europäische Union - wissend, daß sie das Gegenteil, eine „privilegierte Partnerschaft“ verfocht, solange sie als CDU-Vorsitzende auftrat. Erdogan bindet die Erwartung daran, im nächsten Halbjahr, wenn Berlin die EU-Ratspräsidentschaft innehat, werde die Türkei erst recht weitere Unterstützung finden.

Frau Merkel ignoriert die Überschwenglichkeit in ihrer Antwort, bleibt beim Text ihrer Rede und sagt vorsichtig, es gelte, Ankara immer weiter an die EU heranzuführen. Sie sagt zusätzlich aber, eine Behauptung von Erdogan teilend, die großen politischen Aufgaben könnten nur gemeinsam, mit Kooperationswillen, bewältigt werden, und zählt auf: die Erhaltung von Frieden, Sicherheit, Kampf gegen den Terror.

Viele Themen für vier Treffen

Solche Momente geben Hinweise, daß sich die Themenliste binnen eines Jahres ziemlich verändert hat im deutsch-türkischen Verhältnis. Trotz der europablauen Fahnen und der dröhnenden Hymnen stand der Antrittsbesuch der Bundeskanzlerin am Bosporus nicht mehr vorrangig im Zeichen des türkischen In-die-EU-Drängens.

Die vier Begegnungen Frau Merkels und Erdogans binnen zweier Tage in Ankara und Istanbul waren stärker bestimmt von aktuellen gemeinsamen Sorgen und Zielen, von den Integrationsschwierigkeiten der Türken in Deutschland, vom religiös-gesellschaftlichen Dialog zwischen Christentum und Islam, von der Entwicklung in der arabischen Welt und dem Nuklearstreit mit Iran, vom Nahost-Konflikt und der UN-Mission im Libanon, zu der sowohl Deutschland wie die Türkei Einsatzkräfte beisteuern, und schließlich auch von deutsch-türkischen Wirtschaftsfragen.

Zusammengenähte Nationalflaggen

Zwar sprachen Merkel und Erdogan auf dem Oberdeck einer Ausflugsyacht während ihrer Schiffstour auf dem nächtlichen Bosporus auch über die drohende Krise in den Beitrittsverhandlungen wegen der türkischen Weigerung, zyprische Waren in türkischen Häfen löschen zu lassen. Doch die Kanzlerin bat später einen großen Zuhörerkreis aus der türkischen Unternehmerschaft am Freitag ausdrücklich darum, sie sollten die Hartnäckigkeit der EU in diesem Punkt bitte nicht mißverstehen als einen Versuch, der Türkei neue Steine in den Weg nach Europa zu rollen. Sie wagte überdies die öffentliche Äußerung, sie habe den Eindruck, die Türkei sehe ihren Reformkurs nicht länger vorwiegend als ein notwendiges Übel, um den EU-Eintritt zu erlangen, sondern als eine Voraussetzung, um den Wirtschaftserfolg der letzten Jahre zu stabilisieren und fortzuführen.

Deutsch-türkisches Fastenbrechen im Ramadan

Deutsch-türkisches Fastenbrechen im Ramadan

Der türkische Ministerpräsident begann seine Gesprächsserie mit der Kanzlerin am Donnerstag in Ankara nicht mit Forderungen oder Beschwerden bezüglich der EU, sondern verblüffte seine deutschen Gäste mit der Ankündigung, das türkische Erziehungsministerium werde sich bemühen, Deutschkurse für junge Türkinnen anzubieten, die Ehen mit Türken in Deutschland eingehen - damit sie nicht unvorbereitet an ihren neuen Lebensort kämen.

Ausführlich beschrieb er, welches Integrationsziel die zweieinhalb Millionen in Deutschland ansässigen Türken verfolgen sollten, und nahm dazu das Bild zu Hilfe von den jungen Kreuzberger Fußballfans, den in Berlin geborenen Kindern türkischer Eltern, die die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit den zusammengenähten Nationalflaggen Deutschlands und der Türkei anfeuerten.

„Die Muttersprache“ zuerst

Erdogan schwärmt über zusammengenähte Nationalflaggen deutsch-trükischer Fußballfans

Erdogan schwärmt über zusammengenähte Nationalflaggen deutsch-trükischer Fußballfans

Aber Erdogan machte auch keinen Hehl daraus, daß er die Türken in Deutschland als wichtige Verbündete für den weiteren Weg der Türkei nach Europa empfindet und sie als solche erhalten und nutzen will. „Der Ort, wo ich geboren bin, hat ein Recht auf mich“, sagte Erdogan unter dem Beifall seiner Anhänger beim abendlichen Fastenbrechen, und er schloß den Wunsch an, die in Deutschland aufwachsenden Kinder türkischer Eltern müßten zwar zweifelsfrei gut Deutsch sprechen, um eine zukunftsweisende Schulbildung erhalten zu können, zuerst aber sollten sie bitte Türkisch lernen, „die Muttersprache“.

Daß die Bundeskanzlerin während der Vorbereitungen der Reise den Wunsch äußerte, für die Fragen des religiösen Dialogs nicht nur einem staatlichen Gesprächspartner zu begegnen, sondern auch islamischen Geistlichen, und daß dann überdies noch die religiösen Oberhäupter dreier Minderheiten - Armenier, Juden und orthodoxe Christen - hinzugeladen wurden, erzeugte kein öffentliches Mißfallen bei den Gastgebern, im Gegenteil.

Erdogan und Frau Merkel auf dem Flug von Istanbul nach Ankara

Erdogan und Frau Merkel auf dem Flug von Istanbul nach Ankara

Auch an diesem Punkt suchte der türkische Ministerpräsident sich in der Offensive zu halten, sprach von selber das bevorstehende Treffen an, lobte es als wertvollen Austausch und nutzte es gleich für die Warnung, er sehe mit Sorge, daß die (türkischen) Muslime in Deutschland immer stärker isoliert zu werden drohten. Wie in der Integrationsfrage lautete die Grundbotschaft an Deutschland und Europa, auf die es ihm ankam, auch hier: Die Türkei ist an eurer Seite, hat Verständnis, will mit Hilfsangeboten wahrgenommen werden.

„Treffen am Schnittpunkt der Zivilisationen“

In anderen Fragen wird dieser Service unterdessen mit Selbstverständlichkeit in Anspruch genommen. Die Bundeskanzlerin verwendete einen guten Teil ihrer Gesprächszeit mit ihrem türkischen Kollegen darauf, sich über die akuten Krisen in der Region auszutauschen und zu informieren. Von deutscher Seite wurde die Bedeutung hervorgehoben, die der türkische Regierungschef als Mitglied der Konferenz islamischer Staaten erhält.

Erdogan ist in dieser Rolle jemand, der etwa dem iranischen Staatspräsidenten Ahmadineschad häufiger begegnet als viele andere und der dadurch die Funktion eines Auskunftgebers an die westliche Welt erhält. Die Kanzlerin würdigte in Istanbul mindestens in Andeutungen durchaus die bedeutsame regionale Kooperationsrolle, die die Türkei zunehmend zu spielen versucht, indem sie etwa den türkischen Beitrag zur Unifil-Mission im Libanon mit der Formulierung honorierte, dort hätten Deutschland und die Türkei „gemeinsam Verantwortung übernommen“.

Auf vielfältige Weise erkannte und anerkannte Frau Merkel so die türkischen Bemühungen, die eigene Zugehörigkeit zu Europa nicht länger vor allem auf politische Zusagen oder auf die Erfüllung gesetzlicher Normen zu stützen, sondern dafür in der politischen Praxis Beweise zu liefern. Daß der Brüsseler Verhandlungsprozeß momentan durch türkischen Nationaltrotz akut in Gefahr geraten ist, wurde zwischen Frau Merkel und Erdogan erörtert, aber der Konflikt bestimmte nicht das Klima des Besuches. Eher galt das Motto, das sich die AK-Partei für das stürmische abendliche Europa-Mahl ausgedacht hatte: „Treffen am Schnittpunkt der Zivilisationen“.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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