Von Reinhard Müller
23. Juli 2008 Es weht ein neuer Wind. So empfinden es jedenfalls Mitarbeiter des Haager UN-Kriegsverbrechertribunals für das frühere Jugoslawien. Seit Anfang dieses Jahres leitet Serge Brammertz die Anklagebehörde des Gerichts - und das spürt man im Gericht. Der Nachfolger der im persönlichen Umgang durchaus charmanten, aber im öffentlichen Auftritt sehr forschen Carla Del Ponte hat einen anderen Führungsstil. Das gilt zum einen für seine eher stille Reisediplomatie, die der Festnahme des sei 13 Jahren gesuchten Serbenführers Karadzic vorausging; westliche Botschafter auf dem Balkan machten kein Hehl aus ihrer Abneigung gegen das als kontraproduktiv empfundene Auftreten der Schweizerin.
Der Belgier Brammertz wirkt aber auch nach innen anders: Die Konzentration auf die wesentlichen Anklagepunkte ist spürbar und wird auch im Verfahren gegen Karadzic wichtig sein. Nicht nur, weil der Angeklagte betagt ist, sondern auch, weil die Prozesse nicht die ganze Wahrheit über den Balkan-Krieg und seine politisch-historischen Hintergründe ans Tageslicht fördern können und sollen - der Fall des in Haager Haft während seines Prozesses verstorbenen Milosevic dient als warnendes Beispiel. Es geht vielmehr um die Suche nach individueller Schuld.
Steile Karriere von Serge Brammertz
Brammertz ist dafür gut gerüstet. Der drahtige Jurist war schon im Alter von 40 Jahren oberster Strafverfolger seines Landes und baute eine Behörde mit 200 Mitarbeitern auf. Wie schon seine Vorgängerin spricht auch der neue Chefankläger Deutsch. Er wurde 1962 in Eupen geboren, das nach einer zweifelhaften Volksabstimmung 1920 Belgien zugeschlagen worden war. In Freiburg wurde er mit einer Arbeit über die grenzüberschreitende polizeiliche Zusammenarbeit promoviert, später war er mit dem Kampf gegen Terrorismus und Menschenhandel befasst, bevor er 2003 als Stellvertreter des Argentiniers Moreno-Ocampo an den noch jungen Internationalen Strafgerichtshof wechselte.
Das war Neuland für ihn und seine nicht selten wechselnden Mitstreiter aus aller Welt. Bis heute hat das Gericht nur wenige - afrikanische - Fälle. Der allererste Prozess (gegen einen kongolesischen Rebellenführer) droht zu scheitern. Freilich hatte es Brammertz offenbar auch nicht einfach mit seinem sprunghaften, oft kritisierten Chef Ocampo. Im Januar 2006 folgte der Belgier dem Ruf, als Sonderermittler den Anschlag auf den früheren libanesischen Regierungschef Hariri aufzuklären. Zwei Jahre später kehrte er als Chefankläger des Jugoslawien-Tribunals nach Den Haag zurück - im Fall Hariri wird derweil weiter ermittelt.
Auch das gehört zur steilen Karriere von Serge Brammertz. Er hat viel angefangen und wenig zu Ende gebracht. Der Fall Karadzic wird auch insofern eine Bewährungsprobe. Eine große Hürde ist genommen. Doch erst nachdem Brammertz im Focus der Weltöffentlichkeit die Anklage verlesen haben wird, beginnt die eigentliche Arbeit - bei in der Regel abnehmendem allgemeinen Interesse: ein faires Verfahren und die Überzeugung des Gerichts, dass der mutmaßliche Völkermörder tatsächlich einer ist.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP