Nach Nordkoreas Atomtest

Schlimme Szenarien in Asien

Von Anne Schneppen, Seoul

Nordkoreas Diktator Kim Jong-il hält die Welt in Atem

Nordkoreas Diktator Kim Jong-il hält die Welt in Atem

09. Oktober 2006 Nordkorea hat wieder einmal den großen Auftritt gewählt und diesen zur Steigerung der Spannung sogar noch angekündigt. Just zur ersten Auslandsreise des neuen japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe, bei dessen Gesprächen in Peking und Seoul das nordkoreanische Atomwaffenprogramm ohnehin ganz oben auf der Agenda stand, gab das Regime von Kim Jong-il seinen ersten unterirdischen Atombombentest bekannt.

Die Koreakrise ist auf einem kritischeren Niveau angelangt als 1994, als schon der damalige amerikanische Präsident Clinton die nuklearen Ambitionen des kommunistischen Regimes in Pjöngjang zu bändigen versuchte. Trotz vieler Initiativen ist der koreanische Atomkonflikt in diesen zwölf Jahren nicht gemildert worden. Das Kedo-Programm zur Lieferung von Leichtwasserreaktoren an Pjöngjang ist eingestellt worden, und die Sechsergespräche der beiden koreanischen Staaten, der Vereinigten Staaten, Japans, Chinas und Rußlands verharren seit gut einem Jahr im Stillstand.

Die an nordkoreanische Provokationen gewöhnte Region steht nicht unter Schock, im nahen Seoul herrscht keine hysterische Aufregung. Doch die möglichen Auswirkungen sind immens.

Die Wunden des Weltkriegs sind nicht geheilt

Das Entstehen der neuen Atommacht, umgeben von China, Rußland, Südkorea und Japan, verändert Balancen und Sicherheitsstruktur in Fernost. Konservative und nationalistische Kräfte in Japan, deren Einfluß weit in die Regierung des neuen Ministerpräsidenten Abe hineinreicht, werden nun möglicherweise eine atomare Abschreckung auch für Japan selbst und unter Tokios Kontrolle fordern werden. Abe hatte schon bevor er gewählt war, kurz nach den nordkoreanischen Raketentests Anfang Juli, laut über die Zulässigkeit von Präventivschlägen oder gar einer begrenzten nuklearen Bewaffnung Japans nachgedacht. Dies wiederum würde in China und auch Südkorea auf Argwohn stoßen: Das schlimmste Szenario wäre ein atomares Wettrüsten in einer Region, in der die Wunden des Zweiten Weltkriegs bis heute nicht verheilt sind und in der gerade auf nahezu allen Seiten der Nationalismus auflebt.

Negative Konsequenzen müssen auch für die Wirtschaft der Region befürchtet werden, die in den vergangenen Jahren ein wichtiger Motor der Weltwirtschaft geworden ist. Nachdem die Kurse in Seoul am Montag schon gefallen sind, sprechen Fachleute derzeit von einem „milden ökonomischen Schock“ für Südkorea.

Noch schärfere Sanktionen?

Viel wird freilich davon abhängen, wie die internationale Gemeinschaft auf die nordkoreanische Provokation reagiert, ob es Gespräche mit der Führung in Pjöngjang oder noch schärfere Sanktionen gibt. Südkorea jedenfalls dürfte von den ökonomischen Folgen des Atomwaffentests am stärksten getroffen werden - weniger Auslandsinvestitionen und fallende Immobilienpreise werden vorausgesagt. Hinzu kommt, daß die Südkoreaner möglicherweise Investitionen im Norden verlieren; auch die Bedingungen für das ehrgeizige südkoreanische Kaesong-Projekt werden schwieriger werden, bei dem südkoreanische Unternehmen kurz hinter der Demarkationslinie billige nordkoreanische Arbeitskräfte nutzen - in mehr als zwanzig Fabrikhallen wird heute schon produziert.

Als vor wenigen Wochen Außenminister Ban Ki-moon, wahrscheinlich künftiger UN-Generalsekretär, zu den wirtschaftlichen Folgen eines möglichen nordkoreanischen Atomtests gefragt wurde, antwortete er für seine Verhältnisse ungewöhnlich direkt: Die südkoreanische Regierung sei sich durchaus bewußt, daß dies ernste Folgen für ausländische Investitionen in Südkorea und die Wirtschaft des Landes haben könnte.

Rückschlag für die Aussöhnung

Politisch hat Präsident Roh Moo-hyuns Aussöhnungspolitik gegenüber dem Norden den bisher schwersten Rückschlag erlitten; er hat nun noch weniger Spielraum als zuvor. Im Süden der geteilten Nation, dessen 60 Kilometer von der Grenze entfernte Hauptstadt ständig von der konventionellen Artillerie des Nordens bedroht ist, wird nun sogar die Entspannungspolitik in Frage gestellt, die zuvor als alternativlos galt.

Im ohnehin schon sensibilisierten Japan bestätigt der nordkoreanische Atomwaffentest jene Kreise, die in Nordkorea nur einen Feind erkennen können. Er liefert neue Argumente für eine weitere Aufrüstung, wenn nicht sogar für die Streichung des Pazifismus-Artikels aus der Verfassung. Ohnehin ist die Stimmung gegenüber Nordkorea in der japanischen Öffentlichkeit selten so ablehnend, wenn nicht gar hysterisch gewesen wie in den vergangenen Jahren. Dies liegt unter anderem an der nordkoreanischen Rakete Taepodong, die 1998 japanisches Territorium überflog, und dem Eingeständnis des Regues in Pjöngjang, in den siebziger Jahren japanische Bürger entführt zu haben.

Gleichauf mit dem Erzfeind

Nordkorea dürfte in seiner relativen Abschottung sich bereits auf neue Sanktionen eingestellt haben. Wissenschaftler vermuten, daß die Einnahmen des Landes zu etwa einem Drittel aus ausländischer Hilfe bestehen. Ein Drittel werde aus konventionellem Export und das letzte Drittel aus unkonventionellem Export, zum Beispiel Waffen- oder Drogenschmuggel erzielt. Ohne Zweifel werden die Folgen der jüngsten Provokation den Außenhandel der Wirtschaft Nordkoreas weiter schwächen. Wie sehr dies auch das Regime von Kim Jong-il schwächen könnte, ist von außen nicht zu beurteilen. Schließlich demonstriert die Führung gerade auch nach innen Stärke, indem sie sich ihren Untertanen nun als Atommacht präsentieren kann, quasi gleichauf mit dem Erzfeind Amerika.

In Südkorea ist es nicht nur der ehemalige Präsident und Initiator der Sonnenscheinpolitik, Kim Dae-jung, der in jüngster Zeit forderte, daß sich die Vereinigten Staaten bewegten, um den gefährlichen Stillstand zu überwinden. Dieses Argument gewinnt an Gewicht, da sich mit den Raketenabschüssen und dem Atomwaffentest offenkundig zeigt, daß die mahnenden Stimmen aus Peking und Moskau in Pjöngjang weit weniger Gehör finden, als man gehofft hatte. China, das letzte Land, das Nordkorea noch einen Verbündeten nennen kann, ist von Nordkorea vor aller Augen brüskiert worden.

Doch China und vor allem die Vereinigten Staaten haben es in der Hand, Pjöngjang wieder an den Verhandlungstisch zu bringen. Ganz offensichtlich, und das ließ das Regime über seine Nachrichtenagentur KCNA des öfteren verlauten, liegt ihm an direkten Verhandlungen mit Washington. Die Ausgangslage ist nun schlechter als noch 1994. Nordkorea nennt sich jetzt Atommacht, und nun braucht es wirkliche Initiative, um die Eskalationen Pjöngjangs, wo das Regime womöglich um sein Überleben ringt, nicht weiter zu treiben.

Bildmaterial: dpa

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