Mit der Kanzlerin in Lateinamerika, Tag 4

Zeit für Zeremonien

17. Mai 2008 Sieben Tage in Lateinamerika. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich aufgemacht zu einer ungewöhnlich langen Reise, die sie von Brasilien über Peru nach Kolumbien und schließlich nach Mexiko führt. In der peruanischen Hauptstadt Lima hat die deutsche Regierungschefin am Gipfeltreffen der EU und der Staaten Lateinamerikas teilgenommen. Wer eine Reise nach Lateinamerika plane, treffe allein wegen der Entfernungen auf einen „herausfordernden Kontinent“ hatte die Kanzlerin vor Ihrer Abreise gesagt. F.A.S.-Redakteur Eckart Lohse begleitet sie und schildert in einem Tagebuch seine Eindrücke.

Tagebuch - Teil 4: Lima

Die Journalisten hatten anderes erwartet. Das Gipfeltreffen der Europäischen Union mit den Staaten Lateinamerikas und der Karibik in der peruanischen Hauptstadt Lima würde der Inbegriff des Chaos werden - so hatte man aus den Ankündigungen in Berlin vor der Abreise schließen müssen. 60 Delegationen für einen Tag zusammengebracht in einem Konferenzzentrum in Peru - das klang nach ewigen Wartezeiten und schwierigen Arbeitsbedingungen. Schon vor dem Abflug nach Lateinamerika sehnten manche Journalisten sich nach den zwar unspektakulären, aber berechenbaren Umständen auf EU-Gipfeln in Brüssel.

Freitagvormittag, ein erster Blick aus dem Fenster des Hotelzimmers lässt Böses ahnen. Über das Glasdach des Hotels in Lima klettern drei Angestellte, die mit Plastikfolie versuchen, undichte Stellen abzudecken. Es regnet zwar nicht, aber die Luft ist sehr feucht, in Peru ist um diese Zeit Winter. Es scheint gerade die richtige Stimmung für einen Tag im Pressezentrum zu sein. Bevor die Bundeskanzlerin ins Nationalmuseum aufbricht, wo der fünfte EU-Lateinamerika-Gipfel stattfindet, spricht sie im Hotel noch ein paar Worte in die Mikrophone. Das Treffen biete die Chance, dass die beiden Kontinente sich näher kommen. Fängt so ein guter Tag an?

Eine Überraschung nach der anderen

Die erste Überraschung beginnt gegen 8.30 Uhr und endet zwanzig Minuten später. Die Fahrt vom Hotel zum Gipfel ist nicht ein endloses Warten im Stau, sondern eine zügige Veranstaltung. Die peruanische Regierung hat vorsorglich den Donnerstag und den Freitag für die Einwohner der Hauptstadt Lima zum Feiertag erklärt, damit möglichst viele von ihnen die Gelegenheit zu einer Reise oder einem Ausflug nutzen und die Stadt verlassen. Außerdem sorgt eine gigantische Zahl von Polizisten dafür, dass der Gipfel reibungslos verläuft. Die Angaben schwanken zwischen 50.000 und 95.000.

Die zweite Überraschung ist das Gipfelzentrum selbst. Keine Wartezeiten am Eingang, entspanntes Sicherheitspersonal, ein lichtdurchfluteter Arbeitsraum. Fehlt ein Adapter für's Laptop? Fünf Minuten später haben es die freundlichen Helferinnen besorgt. Einen Cappucino an den Arbeitsplatz? Wird gebracht. Schwierigkeiten mit dem Internetzugang? Schnell behoben. Die Erinnerung an die zähen Baguettes und das lauwarme Mineralwasser im zweiten Untergeschoss des Arbeitsraums für die Journalisten auf EU-Gipfeln in Brüssel verliert gerade ihren Charme.

Doch für die teilnehmenden Politiker läuft das Treffen nicht so glatt ab. Wegen überbordend lang dauernder Begrüßungs- und Eröffnungszeremonien ist der Zeitplan schon kurz nach dem Beginn das Papier nicht mehr wert, auf das er gedruckt wurde. Schnell ist man eine Stunde hinter dem ohnehin knappen Plan zurück. Als Gastgeber sucht der peruanische Präsident Garcia sein Heil in dem Vorschlag, die für den Vormittag angesetzte Pressekonferenz schlicht ausfallen zu lassen, um Zeit zu gewinnen. Die Staats- und Regierungschefs oder die sie vertretenden Minister stimmen sofort zu. Zu berichten gibt es ohnehin noch nichts. Den ganzen Tag über bleiben Uhrzeiten für den Beginn von Arbeitssitzungen oder bilaterale Treffen vage. Auch die Bundeskanzlerin weiß nicht genau, wann sie welchen der gewünschten Gesprächspartner treffen wird. 60 Delegationen - das ist eine große Zahl.

Am Abend ist Angela Merkel doch fast pünktlich ins Hotel zurückgekehrt, wieder warten die Mikrophone auf sie. Sie hat zahlreiche Regierungschefs sprechen können, mehr als es der ausschließlich Besuch einzelner Länder erlaubt hätte. Das Treffen in Lima sei „sehr nützlich und sehr weiterführend“ gewesen, sagt sie gegen 19 Uhr am Freitagabend. Na, immerhin.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa, Michael Kappeler/ddp

 
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