Naher Osten

Irak in der Krise

Von Günther Nonnenmacher

Schiiten demonstrieren in “Sadr-City“, Bagdad

Schiiten demonstrieren in "Sadr-City", Bagdad

24. Februar 2006 Die Zerstörung der „goldenen Moschee“ in Samarra, eines Heiligtums der Schiiten, und die darauf folgenden Angriffe gegen fast hundert sunnitische Gebetshäuser, mit vielen Toten auf beiden Seiten, sind ein dramatischer Höhepunkt der gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen den beiden islamischen Glaubensrichtungen im Irak.

Nach den Wahlen am 15. Dezember, die von den Sunniten - im Gegensatz zu den vorhergehenden Abstimmungen - nicht boykottiert worden waren, kam die Hoffnung auf, nun könne ein die ethnischen Fronten und die Religionsgruppen übergreifender demokratischer Prozeß in Gang kommen. Doch der Versuch, eine Regierung der nationalen Einheit, zusammengesetzt aus Vertretern der Kurden, Schiiten und Sunniten, unter der Führung des schiitischen Premierministers Dschaafari zu bilden, kommt nicht voran.

„Todesschwadronen“ gegen Sunniten

Dagegen ist die Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten eskaliert. Teile der von Schiiten beherrschten Sicherheitskräfte sind offenbar als „Todesschwadronen“ gegen Sunniten unterwegs; von sunnitischer Seite gibt es im Gegenzug eine Steigerung der Anschläge.

Wie sehr die Lage außer Kontrolle geraten ist, haben in den vergangenen Tagen Interventionen der Besatzungsmächte gezeigt. Der britische Außenminister Straw forderte die irakischen Parteien dringlich zur Bildung einer Regierung auf; der amerikanische Botschafter im Irak, Khalilzad, drohte gar mit dem Entzug der finanziellen Unterstützung aus Washington. Die neuerliche Eskalation siganalisiert für den Irak nun eine Krisis im Wortsinn: die Lage könnte ins Chaotische, in einen offenen Bürgerkrieg umkippen.

Perverse Interessengemeinschaft

Es bleibt die Hoffnung, daß die Gemäßigten nun den Ernst der Lage begreifen. Daß die Sunniten die Gespräche zur Regierungsbildung vorerst abgebrochen haben, ist allerdings kein gutes Zeichen.

Was den Anschlag von Samarra angeht, richtet sich der Verdacht gegen die irakische Al Qaida unter Führung des Terroristen Al Zarqawi. Er hat die Schiiten zu Feinden erklärt, weil sie mit den Amerikanern und Briten kooperieren; zu seiner Strategie gehört es, einen religiösen Bürgerkrieg anzufachen, um Kämpfer für den weltumspannenden Dschihad zu rekrutieren. Wen wundert es, daß in einer perversen Interessengemeinschaft auch der iranische Präsident Ahmadineschad Öl in das irakische Feuer gießt?

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS

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