Umwelt

Die chinesische Wasserkrise

Von Petra Kolonko, Peking

Der verschmutzte Gelbe Fluss in Lanzhou

Der verschmutzte Gelbe Fluss in Lanzhou

06. Juli 2007 Es ist die schärfste Warnung, die Chinas Umweltminister Pan Yue je ausgesprochen hat. Die Entwicklungspolitik habe China an den Rand des Zusammenbruchs seiner Umwelt und seiner Ressourcen gebracht. Das Leben der Menschen sei in großer Gefahr. Chinas Wasser, seine Seen und Flüsse seien in alarmierendem Maß verschmutzt.

312 Millionen Bewohner ländlicher Regionen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. 70 Prozent aller Flüsse und Seen sind verschmutzt. 20 Prozent der Trinkwasserquellen erreichen nicht den nationalen Sauberkeitsstandard. Von 661 Städten haben 278 keine Kläranlagen und leiten ihre Abwässer direkt in die Flüsse. Zwei Drittel aller chinesischen Städte leiden unter Wasserknappheit. Jedes Jahr verschwinden in China an die dreißig Seen.

Giftige Rinnsale in merkwürdigen Farben

Wasser aus dem Taihu-See in Ostchina

Wasser aus dem Taihu-See in Ostchina

Die offiziellen Zahlen von Umweltbehörden, Bauministerium und Wasserbehörden addieren sich zu einem alarmierenden Bild. China hat eine Wasserkrise. Durch die rapide Industrialisierung, das ungeplante Wachstum der Städte und veränderte Lebensgewohnheiten wird mehr Wasser verbraucht, mehr Wasser verschmutzt als je zuvor. Die Flüsse in Chinas Städten gleichen stinkenden Kloaken, auf dem Land schäumenden giftigen Rinnsalen in merkwürdigen Farben.

Um jeden Preis sind die lokalen Behörden bemüht, Industrien in ihre Region zu bringen, die Steuereinnahmen und Arbeitsplätze generieren und den örtlichen Kadern Erfolgszahlen, Schmiergelder und andere Leistungen „dankbarer“ Betriebe einbringen. Umweltverträglichkeit der Produktion ist selten ein Kriterium.

Arsenhaltige Abwässer direkt in einen Fluss geleitet

Nun gibt es in Peking zwar eine andere Politik: Nach der „wissenschaftlichen Entwicklung“ soll mehr auf Nachhaltigkeit geachtet werden. Doch in den Provinzen ist dies allenfalls in Parteisitzungen und Parteidokumenten angekommen. Im Tai-See und im Chao-See, die Trinkwasser für ganze Regionen liefern, wuchern besonders im Sommer Algen, die Wasseroberfläche ist mit einem grünen Teppich überdeckt.

Die Plage führte dazu, dass in diesem Sommer zwei Millionen Menschen in der Stadt Wuxi für Tage ohne Trinkwasser waren. Peking musste sich einmischen, der Ministerpräsident persönlich hinfahren und Maßnahmen fordern.

Am nordchinesischen Songhua-Fluss nahm man andauernde Verschmutzung erst zur Kenntnis, als nach einem Giftunfall die Wasserversorgung der Millionenstadt Harbin für Tage unterbrochen war. In der Provinz Hunan wurden zwei Chemiefabriken geschlossen, weil sie über mehr als ein Jahr arsenhaltige Abwässer in einen Fluss leiteten, der Trinkwasserquelle für 80.000 Menschen ist.

Behörden vertuschen gerne die Krankheiten

Landbewohner trinken täglich belastetes Wasser

Landbewohner trinken täglich belastetes Wasser

Für die Landbewohner, die täglich belastetes Wasser trinken, weil sie kein Geld zum Kauf von aufbereitetem Trinkwasser haben, ist die Verschmutzung eine dauernde Gefahr, von der nur in krassen Fällen etwas nach außen dringt. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation erkranken jedes Jahr etwa zwei Millionen Menschen an Krankheiten, die von verschmutztem Wasser verursacht werden.

Eine neue Studie der Weltbank, die demnächst veröffentlicht werden soll, beziffert erstmals auch die Todesfälle aufgrund von Umweltverschmutzung in China. Danach sterben jedes Jahr 66.000 Menschen an Durchfall- und Krebserkrankungen, die durch verschmutztes Wasser verursacht werden.

Die Weltbank-Erhebung dürfte Opfern von Umweltschäden und Umweltaktivisten helfen, denn über die Auswirkungen auf die Gesundheit gab es bisher kaum Daten. Der Nachweis gesundheitlicher Schäden ist immer schwierig zu führen. Lokale Behörden vertuschen gerne das vermehrte Auftreten von Krankheiten. Recherchen von Journalisten und Umweltaktivisten werden vielerorts von den örtlichen Behörden verhindert.

38 Unternehmen wurden an den Pranger gestellt

Sogar die Umweltbehörden sind Feindseligkeiten ausgesetzt. Nach offiziellen Angaben gab es 2006 in 12 Provinzen 4440 Fälle, in denen Beamte der Behörde bedroht oder unter Druck gesetzt wurden. In 120 Fällen gab es gewaltsamen Widerstand gegen die Beamten.

Die Menschen, die sich des Problems allmählich bewusst werden, können jetzt im Internet nachsehen, wie es um die Wasserqualität in ihrer Provinz bestellt ist. Eine Umweltorganisation hat einen Wasserverschmutzungsindex erstellt. Dort ist zu sehen, wie die Verschmutzungslage in den einzelnen Provinzen ist und auch, wer die Hauptverschmutzer sind.

Auch die chinesische Umweltbehörde Sepa, allen voran ihr streitbarer Minister Pan Yue, arbeitet jetzt mit der Öffentlichkeit. Am Mittwoch hat die Behörde sechs Städte, zwei Kreise, fünf Industriezonen und 38 wasserverschmutzende Unternehmen an den Pranger gestellt. Sie werden aufgefordert, binnen drei Monaten etwas zu unternehmen, sonst werde Sepa neue Projekte nicht mehr genehmigen.

Die Umweltbehörde ist schwach

Die Zentralregierung hat die Wasserkrise zur Kenntnis genommen. In den nächsten fünf Jahren will sie umgerechnet 125 Milliarden Dollar für Wasserschutz und Kläranlagen ausgeben. Doch schon jetzt sind viele bereits fertiggestellte Klärwerke nicht in Betrieb. Die Aufbereitung von Wasser verursacht Kosten, die die Fabriken sich lieber sparen. Die Hälfte der kürzlich von Sepa überprüften Kläranlagen war nicht in Betrieb.

Die Umweltbehörde ist schwach, mit ihren gerade 200 Mitarbeitern kann sie nicht allen Fällen nachgehen. Ständig werden ihre Auflagen nicht durchgesetzt und Anordnungen ignoriert. Und die regionalen Umweltbehörden sind handzahm, weil sie von den regionalen Behörden abhängig sind, die die Verschmutzer decken. Pan Yue ist pessimistisch: Das Verfolgen kurzfristiger Ziel führe trotz Maßnahmen der Umweltbehörde zu immer weiter wachsender Verschmutzung, sagte er der Zeitung „China Daily“.

Pan Yue weiß, dass Umweltfragen ein politisches Problem sind. Mehr Demokratie und öffentliche Kontrolle könnten helfen. Doch da zögert die Regierung. Gleichzeitig muss sie aber die zunehmenden Proteste, die sich an Umweltproblemen entzünden, fürchten. Pan Yue warnt, der Kampf gegen die Wasserverschmutzung sei ein Testfall für die Führungs- und Durchsetzungskraft der Regierung geworden und dafür, ob sie fähig sei, eine „harmonische Gesellschaft“ aufzubauen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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