Von Anne Schneppen, Seoul
10. Oktober 2006 Viele Geschichten ranken sich um den unnahbaren geliebten Führer der Demokratischen Volksrepublik Korea. Das beginnt schon mit dem Mythos um seine Geburt: Als er am 16. Februar 1942 in einem Lager koreanischer Widerstandskämpfer am heiligen Berg Paektu geboren wurde, sollen sich plötzlich die Wolken aufgetan haben. Vieles spricht allerdings dafür, daß Kim Jong-il weniger ruhmesreich in einem Dorf in Sibirien zur Welt kam.
An der Universität Pjöngjang soll der Sohn des nordkoreanischen Staatsgründers Kim Il-sung Wirtschaftswissenschaften studiert und Ende der fünfziger Jahre sogar eine Militärakademie in der DDR besucht haben. Gegen mancherlei Widerstände aus Partei und Familie machte Vater Kim seinen ersten Sohn zum Erben der Macht. 1990 wurde der junge Kim sein Stellvertreter in der Nationalen Verteidigungskommission, im Frühjahr 1992 übernahm er den Vorsitz.
Er setzt auf Angst und Schrecken
In dieser Position und als Marschall der Streitkräfte wurde der junge Kim in jener Zeit immer öfter als neuer Führer von der Propaganda des stalinistischen Regimes vorgestellt. Doch erst 1997, drei Jahre nach dem Tod seines Vaters und der Einhaltung einer gebührenden Trauerfrist, übernahm Kim Jong-il offiziell die Macht in Nordkorea. Staatspräsident blieb über den Tod hinaus Kim Il-sung, der Große Führer.
Der Sohn machte sich des Vaters Führungsstil zu eigen und schrieb den einzigartigen Personenkult in die nächste Generation fort. Er erwies sich bald als ebenso geschickt und brutal wie Kim Il-sung, räumte Konkurrenten aus dem Weg und hält sein Volk in Angst und Schrecken, unterstützt von der Kommunistischen Arbeiterpartei und dem stets bevorzugten Militär.
Film-Fan und Hobby-Regisseur
Die desolate Wirtschaftslage, bestärkt durch Naturkatastrophen, dürfte Kim dazu veranlaßt haben, vor einigen Jahren zaghafte Öffnungsversuche zuzulassen, die mittlerweile allerdings vielfach zurückgenommen wurden. Bei früheren Treffen mit Südkoreas Präsidenten Kim Dae-jung, der amerikanischen Außenministerin Albright oder dem japanischen Ministerpräsidenten Koizumi entpuppte sich der vermeintlich verschrobene, menschenscheue Exzentriker als eloquenter Gesprächspartner mit Sinn für Humor. Bücher eines ehemaligen Kochs und eines Leibwächters haben inzwischen ein wenig mehr Licht auf sein Leben geworfen: Man sagt ihm eine Vorliebe für schnelle Autos, französische Weine, japanisches Sushi und preisgekrönte westliche Kinofilme nach. 20.000 Filme soll er besitzen, und angeblich führt er gelegentlich auch selbst Regie.
Von Außen ist indessen nicht auszumachen, wie absolut Kims Macht noch ist. Nordkoreanische Flüchtlinge berichten von einem Schreckensregime, dessen Überwachungsapparat allerdings nicht mehr allerorten funktioniert.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa