03. Mai 2005 Im Streit um die Umstände der tödlichen Schüsse auf den italienischen Geheimagenten Nicola Calipari Anfang März in Bagdad haben italienische Mitglieder der Untersuchungskommission Vorwürfe gegen die Vereinigten Staaten erhoben. Der amerikanische Kontrollpunkt, an dem Calipari erschossen wurde, sei nicht erkennbar gewesen, heißt es in dem 67 Seiten langen Dossier, das am Montag abend in Rom dem amerikanische Botschafter übergeben wurde.
In Washington wurden die Differenzen relativiert. Wichtig sei, sich daran zu erinnern, daß es eine gemeinsame Untersuchung gewesen sei und daß es in sehr vielen Fragen Übereinstimmung gebe, sagte Außenamtssprecher Richard Boucher.
Er hoffe, daß nicht nur nach den Differenzen in beiden Untersuchungsberichten gesucht werde, sondern auch nach den Gemeinsamkeiten, sagte Boucher. Er verwies auf die exzellenten Beziehungen zwischen Italien und den Vereinigten Staaten. Calipari werde nicht nur in Italien, sondern auch in Amerika als Held gesehen, der sich in schwierigen Umständen sehr mutig verhalten habe.
Unerfahrenheit und Streß
Calipari hatte Anfang März die kurz zuvor aus der Geiselhaft entlassene Journalistin Giuliana Sgrena zum Flughafen in Bagdad bringen wollen, als amerikanische Soldaten an einem Kontrollpunkt das Feuer eröffneten.
Er starb, als er bei dem Beschuß versuchte, die Journalistin mit seinem Körper zu schützen. Wahrscheinlich hätten Unerfahrenheit und Streß bei den Soldaten zu einer instinktiven Reaktion geführt, heißt es in den italienischen Schlußfolgerungen zu dem Zwischenfall.
Vorsätzlich beschossen?
Kein Zeichen oder Signal habe den ankommenden Verkehr auf den amerikanischen Kontrollpunkt hingewiesen, das heißt, es fehlte die elementarste Vorsichtsmaßnahme sowohl für den Zivilverkehr als auch für die Soldaten selbst, heißt es in dem Bericht weiter.
Die immer wieder aufgeworfene Frage, ob das Auto zu schnell gefahren sei, stelle sich unterdessen gar nicht: Die Frage scheint nicht relevant zu sein, da die Zeichen für den Kontrollpunkt fehlten. Jedoch gebe es keinerlei Anzeichen dafür, daß das amerikanische Militär absichtlich auf den Wagen geschossen habe. Sgrena, die bei dem Vorfall verletzt wurde, hatte mehrmals behauptet, vorsätzlich beschossen worden zu sein.
Dennoch weisen die Italiener darauf hin, daß die Vereinigten Staaten über den Aufenthalt Caliparis im Irak informiert gewesen seien, auch wenn sie die Einzelheiten der Operation wahrscheinlich nicht kannten. Die Regierung in Rom hatte das Dossier, in dem viele Seiten zensiert sind, am Montag abend dem amerikanischen Botschafter in Italien, Mel Sembler, übergeben. Sie wollte damit auf die amerikanische Version antworten, wonach der Tod des Geheimdienstmitarbeiters ein tragischer Unfall war.
Diplomatische Krise droht
Italien und die Vereinigten Staaten hatten sich auch nach einer gemeinsamen Untersuchung nicht auf eine einvernehmliche Erklärung zum Beschuß des Autos einigen können. Die Darstellung der Amerikaner, wonach die amerikanischen Soldaten bei dem Beschuß korrekt gehandelt hätten und sie keine Schuld trifft, sorgte in Italien für Empörung.
Um eine diplomatische Krise zu vermeiden, will Ministerpräsident Silvio Berlusconi die Angelegenheit persönlich mit dem amerikanischen Präsident George Bush besprechen. Zudem kündigte er an, am Donnerstag im Parlament über den Fall berichten zu wollen.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa/AP
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