17. September 2006 Nach den heftigen Reaktionen in der muslimischen Welt auf seine Äußerungen zum Islam hat sich Papst Benedikt XVI. am Sonntag erstmals wieder der Öffentlichkeit gezeigt. Bei seinem traditionellen Angelus-Gebet in Castel Gandolfo bei Rom nahm er erstmals persönlich zu seinen umstrittenen Äußerungen Stellung. Er sei tief betrübt über die Mißverständnisse, so der Papst. Er habe in der Rede zum Thema Islam und Gewalt lediglich einen mittelalterlichen Text zitiert, den er sich in keiner Weise zueigen mache. Seine Rede sei als Einladung zu einem offen Dialog gedacht gewesen.
Die Äußerungen Benedikts am Sonntag gingen nicht über die Erklärung des Vatikans vom Vortag hinaus. Der Papst nahm keine Aussagen zurück und entschuldigte sich auch nicht, wie es muslimische Geistliche gefordert hatten. Muslimische Organisationen begrüßten gleichwohl Benedikts Worte. Sowohl der Zentralrat der Muslime in Deutschland als auch die ägyptische Muslim-Bruderschaft zeigten sich mit seiner Erklärung zufrieden.
Drohungen gegen den Papst
Zu dem traditionellen Mittagsgebet waren die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt worden; Polizisten beschlagnahmten Regenschirme mit Metallspitzen und Flüssigkeiten. Das staatliche italienische Fernsehen berichtete am Samstag abend, im Irak habe eine Gruppe Armee der Mudschaheddin im Internet mit Angriffen auf den Vatikan gedroht. Ihr Kreuz in Rom wird vernichtet, hieß es darin. In Somalia gebe es einen Aufruf zur Jagd auf den Papst, berichtete das staatliche Fernsehen in Rom. Italienische Geheimdienste hätten auch auf mögliche Gefahren für italienische Soldaten im Ausland hingewiesen. Italien hat etwa im Irak, in Afghanistan und im Libanon UN-Truppen stationiert. Zudem habe der Privatsender Tg5 am Samstag abend ein Anti-Vatikan-Video gezeigt, das Al Qaida zugeschrieben werde, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa.
Benedikt verwies beim Angelus-Gebet darauf, daß das Vatikan-Sekretariat am Samstag die umstrittene Passage erläutert habe. Ich hoffe, daß dies die Herzen besänftigt und die wahre Bedeutung meiner Rede klarstellt, die in ihrer Ganzheit eine Einladung zum offenen und ernsthaften Dialog im großen gegenseitigen Respekt war und ist, sagte er. Ich möchte jetzt hinzufügen, daß ich zutiefst die Reaktionen in einigen Ländern auf einige wenige Passagen meines Vortrags an der Universität von Regensburg bedauere, die als beleidigend für die muslimische Empfindsamkeit aufgefaßt wurden.
Aufruf zur Beruhigung
Der Zentralrat der Muslime in Deutschland begrüßte die persönliche Klarstellung des Papstes. Sie sei der wichtigste Schritt gewesen, um die Proteste der letzten Tage in vielen Teilen der Welt zu beruhigen, erklärte der Zentralrat in einer in Köln verbreiteten Erklärung. Der Zentralrat rief die Muslime, die Gelehrten und verantwortlichen Politiker in der ganzen Welt auf, nach den klärenden Worten des Papstes weiterhin zu einer Beruhigung der Lage beizutragen. Beleidigungen und die Androhung von Gewalt gegen Papst Benedikt XVI. verurteile der Zentralrat aufs Schärfste.
Auch Ägyptens Muslim-Bruderschaft hat die bedauernden Worte Benedikts am Sonntag als ausreichend bezeichnet. Wir verstehen die neue Erklärung als ein Rückzug von dem, was zuvor geschehen ist, sagte der stellvertretende Chef der radikal-sunnitischen Bewegung, Mohammed Habib, am Sonntag. Wir können das als ausreichende Entschuldigung akzeptieren, obwohl wir uns gewünscht hätten, daß der Papst seine Ideen und Visionen zum Islam dargelegt hätte. Die Muslim-Bruderschaft gehört zu den einflußreichsten Bewegungen des sunnitischen Islam und hat in Staaten wie der Türkei oder Syrien Ableger.
Eine zivilisierte Haltung
Bereits nach der von Kardinalsstaatssekretär Tarcisio Bertone veröffentlichten Klarstellung gab es aus der islamischen Welt Zeichen der Entspannung. Hohe Geistliche in Indien begrüßten das von Benedikt ausgedrückte Bedauern. Der Vorsitzende des türkischen Religionsamtes, Ali Bardakoglu, der den Papst zunächst scharf kritisierte hatte, lenkte ebenfalls ein. Ja, diese Erklärung des Papstes ist zu begrüßen, sagte Bardakoglu Spiegel Online. Er sagt, daß er den Islam achtet und die Gefühle der Muslime nicht verletzen wolle. Für mich ist dies eine zivilisierte Haltung.
Am Wochenende hatten zahlreiche Politiker und Geistliche der muslimischen Welt Benedikts Redepassage kritisiert, in der er aus einem Streitgespräch zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos und einem gelehrten Perser über den Dschihad zitiert hatte. Dort hieß es, der Prophet Mohammed habe mit seiner Anordnung, seine Lehren auch mit Gewalt zu verbreiten, der Welt nur Schlechtes und Inhumanes gebracht.
Kein Einfluß auf Türkei-Besuch
Einen Einfluß auf den für Ende November geplanten offiziellen Papst-Besuch in der Türkei werde die Empörung über die Worte Benedikts in der islamischen Welt nicht haben, zitierte die türkische Zeitung Hürriyet Kreise des Außenministeriums in Ankara. Auch der Präsident des französischen Muslim-Dachverbandes CFCM, Dalil Boubakeur, und der Generalsekretär des Muslimrats von Großbritannien, Muhammad Abdul Bari, begrüßten die Klarstellung des Vatikans.
Irans Präsident Mahmud Ahmadineschad forderte eine Analyse der Äußerungen. Die Bemerkungen sollten zunächst von Theologen und Islamwissenschaftlern analysiert werden, zitierte das staatliche Fernsehen den Regierungschef. Es gab jedoch auch weiter heftige Kritik. Das iranische Außenministerium forderte Benedikt auf, seinen Standpunkt zu Islam und Gewalt schnellstens zu revidieren. Damit könnte die Solidarität innerhalb der Religionen wieder hergestellt werden, sagte Außenamtssprecher Mohammed-Ali Hosseini.
Text: FAZ.NET mit dpa, Reuters, AP
Bildmaterial: AFP