Indien

Gute Muslime, böse Muslime

Von Erhard Haubold

Rund 130 Millionen Muslime leben in Indien

Rund 130 Millionen Muslime leben in Indien

01. März 2005 „Sie wollen eine Keimzelle des Terrorismus besichtigen, bildungsfeindliche, fundamentalistische Muslime sehen?“ fragt Adil Siddiqui. Der Mann in der abgewetzten Lederjacke ist das öffentliche Gesicht der Koranschule Darul Uloom in Deoband, die man getrost die Mutter der Islamseminare in Südasien nennen kann, ein Hort sunnitischer Bildung seit 1866.

An die 80.000 Absolventen hat die Darul Uloom seither hervorgebracht, rund 3.500 vorwiegend junge Männer studieren derzeit in dem nordöstlich von Delhi gelegenen Ort, der sich seit dem 11. September 2001 über neugierige westliche Besucher nicht beklagen kann.

Westliche Länder, vor allem Amerika, glauben, daß in manchen Seminaren, ob sie nun „Madrasah“ (Südasien) heißen oder „pesantren“ (Indonesien), militante Islamisten herangezogen werden. Andererseits berufen sich militante Gruppen wie die Taliban auf Deoband, wo aber afghanische Studenten schon seit vielen Jahren nicht mehr ausgebildet werden. „Wir lesen nur die gleichen Bücher“, heißt es dazu in Deoband an der Darul Uloom.

Strikt getrennte Erziehung

Nicht mehr nur die arabische Welt ist führend im Transfer religiösen Wissens, immer stärker werden die Einflüsse aus Südasien, wo dreimal mehr Muslime leben (450 Millionen in Indien, Pakistan und Bangladesh), mehr auch als in Indonesien, dem größten islamischen Land der Welt, und in Malaysia zusammen.

In Indien gibt es rund 10.000 Koranschulen, möglicherweise aber auch 30.000 oder 60.000, wenn man Institute im Schlafzimmerformat mitrechnet. Überall findet man in kargen Räumen, oft von „Hausmeistern“ überwacht, junge Menschen, die ziemlich weltabgewandt wirken. Unter gefaßten Terroristen, unter bekannten militanten Islamisten oder Kämpfern in Kaschmir findet sich kein Absolvent eines indischen Instituts.

Eher als die bescheidenen Deobandi, so Siddiqui, neigten „moderne“, akademisch gebildete und dann arbeitslos gewordene Muslime zur Gewalt. Maulanas und Maulvis kommen in den Terrornachrichten nicht vor. Was aber nicht heißt, daß Siddiqui und seine vorgesetzten Dekane und Vizerektoren die afghanischen Taliban in Grund und Boden verdammen würden. Diese „Studenten“ folgten dem auch in Deoband gelehrten Kanon Dars-e-Nizami, den sie freilich in pakistanischen Koranschulen gelernt hatten. Unter den Taliban sei es in Afghanistan besser zugegangen als unter dem heutigen Präsidenten Karzai, lautet die einhellige Meinung an der Darul Uloom, wo man die Verschleierungspflicht für Frauen ebenso gutheißt wie die strikt getrennte Erziehung der Geschlechter und das Verbot von Film und Fernsehen, von Sport und Spielen. In der Bibliothek (1,5 Millionen Exemplare, die meisten in arabisch) macht Siddiqui auf Spezialbände mit Themen wie „Frauen unter Kontrolle halten“ oder „Ein gottesfürchtiges Leben führen“ aufmerksam.

„Wir wollen leben“

Usama bin Ladin sei „nie hiergewesen“, er sei „für das Sterben“ - „wir aber wollen leben“, heißt es unter den mehr als 250 Lehrern, die in ihm „keinen Helden“ sehen, anderseits aber seine „Haltung gegenüber Amerika völlig unterstützen.“ Das sagt der Vizerektor Maulana Abdul Khaliq Madrasi, der im übrigen alle jene Meinungen vetritt, die in der islamischen Welt spätestens seit dem amerikanischen Einmarsch im Irak üblich sind: Die Amerikaner führten einen Krieg gegen den Islam; Usama bin Ladin und Saddam Hussein seien von Amerika erst benutzt und dann zu Terroristen erklärt worden; Präsident Bush arbeite für die Juden, die mit Hilfe der Globalisierung die Könige der Welt werden und die ganze arabische Halbinsel kontrollieren wollten; in Afghanistan wie im Irak würden die Amerikaner mit ihrer „Nationenbildung“ scheitern; die Schuld bin Ladins an den Terrorattacken von 11. September sei nicht erwiesen; die Taliban mögen ihm Unterschlupf gewährt haben, Verbrechen gegen die Menschlichkeit seien ihnen aber nicht nachzuweisen; immerhin hätten sie den heute wieder florierenden Opiumanbau verboten.

Geteilt sind die Meinungen zum Dschihad. Während Vizerektor Madrasi die Amerikaner gerne „angreifen“ würde, „weil sie so viele Muslime umgebracht haben“, sagt sein Kollege Qari Maulana Mohammed Usman, daß der Islam blutige Rache in keiner Form kenne. Vielmehr seien Gewalttäter keine Dschihadis, sie begingen vielmehr „fassad“ (Aufruhr, Mord), nicht Dschihad, „das am häufigsten falsch verstandene islamische Wort“. Der wahre, „große“ Dschihad richte sich nicht gegen andere Menschen, Gemeinschaften oder Religionen, sondern sei der Kampf gegen das eigene, egoistische und schwache Selbst auf dem Weg zu Gott, Kampf auch gegen Sucht, Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Analphabetentum und Ignoranz.

Puristischer als der Sufismus

Wer Deoband, eine typisch indische Provinzstadt mit Slums, Schmutz und Verkehrschaos, hinter sich gebracht hat, steht plötzlich vor einem Meer sorgfältig aufgereihter Sandalen und einem Bau, in dem sich ein islamisches Kloster verbergen könnte, wenn es so etwas denn gäbe. Eine neue Moschee für 8.000 Gläubige ist gerade fertig geworden, sonst aber ist wenig verändert an dem kurz nach dem 1857 niedergeknüppelten Aufstand gegen die Briten und dem Ende des Mogul-Imperiums begonnenen Bau.

Damals füllte Darul Uloom eine Lücke im zusammengebrochenen Erziehungssytem der indischen Muslime und wurde schnell die neben Kairo bedeutendste sunnitische Koranschule, die eine führende Rolle im indischen Unabhängigkeitskampf spielte und sich frühzeitig gegen die Teilung des Subkontinents stellte, die sie auch heute noch vehement ablehnt.

Was in Deoband gelehrt wird, strahlt nicht nur nach Pakistan, sondern auch nach Malaysia und Indonesien aus, und über indische Immigranten selbst nach Süd- und Ostafrika. Die ungefähr gleich starke, aber weniger auffällig auftretende Barelwi-Konkurrenz, benannt nach dem ebenfalls in Uttar Pradesh gelegenen Ort Bareilly, ist stärker am Sufismus ausgerichtet, an mystischen Traditionen wie dem Gräberkult, den die Deobandi strikt ablehnen. Sie sind insgesamt puristischer als die orthodoxeren Leute aus Bareilly, akzeptieren aber den Sufismus, insoweit er der Scharia entspricht.

Kein Einfluß auf den Lehrplan

Die meisten Madrasen, im Plural auch Madaris genannt, verzichten auf jedwede staatliche Unterstützung und verlassen sich lieber auf Spenden und auf Wohltäter unter indischen Emigranten im Ausland. Deoband beispielsweise lebt von Spenden und der eigenen Landwirtschaft und kommt mit einem Budget von rund 1 Million Euro im Jahr für 3.500 Schüler und 250 Lehrer zurecht. Entsprechend unabhängig sind die Madaris. Das macht es dem Staat schwer, sie zu registrieren oder ihren Lehrplan zu beeinflussen. Entsprechende Versuche von amerikanischer Seite weisen sie höhnisch zurück. „Wer ein Unrechtssystem wie in Guantanamo betreibt, soll uns nicht in unsere Lehrpläne hineinreden“, heißt es in Deoband.

Auf dem indischen Subkontinent beziehen die theologischen Seminare ihre relativ starke Stellung aus der Tatsache, daß es eine allgemeine Schulpflicht auch mehr als fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeit nicht gibt, daß in Indien die Eliten die Unversitäten fördern, die Grundschulbildung aber vernachlässigen. Ohne die Madaris wären Millionen junger Muslime in Indien und Pakistan zum Analphabetentum verurteilt. Das ist Sozialhilfe für Muslime, geleistet von Muslimen, die in Indien mit 130 Millionen Menschen eine der größten islamischen Gruppen nach Indonesien und Pakistan, aber nur 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen und in den Koranschulen auch ein Bollwerk gegenüber der zunehmend nationalistisch auftretenden Hindu-Mehrheit sehen. Deren Behauptung, daß Moscheen und Madaris sich vor allen in Grenzgebieten pilzartig ausbreiteten, wird von Fachleuten bestätigt, die angebliche Unterwanderung durch den pakistanischen Geheimdienst aber ins Reich der Phantasie von Hindunationalen verwiesen.

Vorsichtige Modernisierung

In Deoband wird jeder aufgenommen, so er männlich und zwischen „acht und achtzig“ ist. Unterricht, Kost und Logis sind kostenlos, höchst attraktiv für die Kinder aus armen muslimischen Familien. In dreizehn Jahren lernt der Schüler vor allem den Koran (Memorieren im Frontalunterricht), er liest ihn auf arabisch und Urdu und er lernt die Auslegung (Hadith) der Propheten-Sprüche, lernt eine Fatwa zu formulieren. Das ist eine Erziehung, die von keiner staatlichen Stelle anerkannt wird und für keinen „modernen“ Beruf qualifiziert. „Madrasen sind nicht dazu da, Ärzte, Ingenieure oder Manager zu produzieren. Vielmehr sollen sie die Studenten durch Dars-e-Nizami auf das ewige Leben nach dem Tod vorbereiten“, sagt Vizerektor Qari Maulana Mohammed Usman.

Kaum einer der Absolventen wird arbeitslos. Er kann islamischer Schriftgelehrter (Maulana) werden, oder Imam einer Moschee; er kann Texte für Madrasen schreiben oder dort als Lehrer wirken. Oder er kann studieren. Besonders begabten Deoband-Absolventen stehen islamische Universitäten offen, etwa in Aligarh oder an der Jamia Millia Islamia in Delhi. Mit einer vorsichtigen Modernisierung ist an der Darul Uloom und an einigen anderen Koranschulen begonnen worden. Sie bieten neuerdings Kurse in Englisch oder Computerwissenschaften an.

Text: F.A.Z., 01.03.2005, Nr. 50 / Seite 3
Bildmaterial: ap

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