26. April 2006 Es war der GAU, von dem alle gehofft hatten, daß er nie eintreten würde: Am 26. April 1986 erschütterte ein furchtbarer Unfall im Kraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine das Vertrauen in die friedliche Nutzung der Kernenergie.
Bis heute ist das Gebiet um Tschernobyl verseucht, noch immer sind Tausende Menschen damit beschäftigt, kontaminiertes Material zu entsorgen. Die Hülle um den explodierten Reaktor 4, der sogenannte Sarkophag, ist instabil und vom Einsturz bedroht. Zahlreiche Menschen erkranken an den Folgen der Verstrahlung. Bis heute ist strittig, wie viele Opfer die nukleare Katastrophe gefordert hat. (Siehe: Tschernobyl: Streit über Opferzahlen)
Nach dem Unfall mußten Tausende Menschen ihre Heimat in Teilen des heutigen Weißrußlands, der Ukraine und Rußlands verlassen. Eine Wolke mit radioaktivem Fallout erreichte den Westen und lenkte die Aufmerksamkeit der Welt auf Tschernobyl, wo die Verantwortlichen in der ehemaligen Sowjetunion den Vorfall zunächst vertuschen wollten. (Siehe: Chronik des Reaktorunfalls von Tschernobyl)
Wirre Nachrichtenflut im Westen
Noch immer herrscht Entsetzen darüber, wie damals mit dem Unglück umgegangen wurde. Erst Tage nach der Explosion wurde das Ausmaß des Unfalls im Westen bekannt. Ein Ministerium, das Informationen bündeln und verbreiten konnte, gab es noch nicht: Das Bundesumweltministerium wurde am 6. Juni als Reaktion auf den GAU gegründet.
Viel zu spät wurden die Menschen im näheren Umkreis von Tschernobyl evakuiert. Sie wußten nicht, daß es ein Abschied für immer werden würde, als sie ihr Hab und Gut zurückließen. Zigtausende Hilfskräfte wurden bei Aufräumarbeiten eingesetzt. Wieviel davon starben und noch sterben werden ist strittig: Eine Studie des von den Vereinten Nationen (UN) zusammen mit Rußland, der Ukraine und Weißrußland initiierten Tschernobyl-Forums nimmt an, daß insgesamt etwa 9000 Menschen an strahleninduzierten Krankheiten sterben werden. Die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) dagegen hält allein bei den Rettungsmannschaften mindestens 50.000 Opfer für wahrscheinlich. Wissenschaftler bemängeln heute, daß die sogenannten Liquidatoren über Risiken und über die Frage, was radioaktive Verstrahlung eigentlich bedeutet, nicht aufgeklärt wurden.
Bereits 1971 sei man mit Notfallplänen auf einen nuklearen Zwischenfall in der Sowjetunion vorbereitet gewesen, erklärt der Leiter eines strahlenmedizinischen Instituts. Doch die verantwortlichen Stellen in Tschernobyl hätten zum Zeitpunkt des Unglücks von den Studien mit den entsprechenden Anweisungen nichts gewußt. (Siehe: Mangelndes Katastrophenmanagement in Tschernobyl)
Leben im Sperrgebiet
Allein in Weißrußland wurden rund 135.000 Menschen umgesiedelt. Vor allem ältere Menschen sind bis heute in ihre Heimatdörfer in der ehemaligen Sperrzone zurückgekehrt: In den Plattenbauten der Großstädte, die ihr neues Zuhause werden sollten, konnten sie nicht Fuß fassen. Doch das Leben im Sperrgebiet ist einsam: Wegen der fehlenden Infrastruktur müssen die Heimkehrer von fliegenden Händlern mit dem Nötigsten versorgt werden. (Siehe: Die Geisterstädte der Sperrzone um Tschernobyl)
Tschernobyl ist noch heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die gesamte Region. Noch 3.800 Ingenieure, Physiker und Bauarbeiter sind dort beschäftigt, um die stillgelegten Blöcke zu überwachen. Ein neuer Sarkophag und verschiedenen Endlager sind in Planung. Bisher gibt es etwa 1000 provisorische Atommülldeponien. (Siehe: Tschernobyl: Zu Besuch am Sarkophag)
Auch außerhalb der ehemaligen Sperrzone sind die Folgen des Reaktorunfalls bis heute spürbar: Die Landwirtschaft liegt brach, die Industriebetriebe haben geschlossen. Der Staat wirbt darum, daß frühere Bewohner in die Gebiete zurückzukehren. Die Region Bragin in Weißrußland bietet mittlerweile Steueranreize für Firmen, sich in den kontaminierten Regionen niederlassen. Auch den Bewohnern wird staatliche Hilfe zuteil.
Sarkasmus als Überlebensstrategie
Einige der Kinder von Tschernobyl bieten Reiseführungen durch das Sperrgebiet an. Auch sie haben Familien zu ernähren und die Wirtschaft in der Region lahmt. Sie zeigen nicht nur den Reaktor selbst, sondern auch Pripjat - heute eine Geisterstadt. Eine traurige Reiseroute - nicht zu empfehlen ohne ein Dosimeter, ein Gerät zum Messen der Strahlendosis. (Siehe: Tschernobyl: makaberes Ziel für Individualreisen)
Auf eine ganz andere Art haben sich junge Kreative aus Kiew ihrer Vergangenheit genähert: Sie entwickelten ein Computerspiel - Pripjat ist der Schauplatz. Die fotorealistische Spielewelt deckt sich zu sechzig Prozent mit dem echten Territorium. Sogar der Sicherheitschef des Kernkraftwerks half beim Nachbau des Sarkophags. Der ukrainische Geheimdienst geriet in Panik, die Entwickler mußten die Eingänge verändern. (Siehe: Zu Besuch bei den Entwicklern eines Tschernobyl-Computerspiels)
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, F.A.Z., REUTERS