Unabhängigkeitserklärung des Kosovo

Serbien klagt Kosovaren wegen Hochverrats an

Von Michael Martens, Prishtina

Protest gegen Kosovos Unabhängigkeit: Serbiens Präsident Tadic

Protest gegen Kosovos Unabhängigkeit: Serbiens Präsident Tadic

18. Februar 2008 Als Reaktion auf die von einem wesentlichen Teil der Staatengemeinschaft geförderte Unabhängigkeitserklärung des kosovarischen Parlaments hat Serbien die politische Führung des Kosovos wegen Hochverrats angeklagt. Der kosovarische Ministerpräsident Thaçi, Präsident Sejdiu sowie Parlamentspräsident Krasniqi hätten durch die Ausrufung der Unabhängigkeit eine schwere Straftat gegen Verfassung und Sicherheit Serbiens begangen, hieß es in einer Mitteilung des serbischen Innenministeriums. Für Montagabend ist in Belgrad eine Dringlichkeitssitzung des Parlaments einberufen. Die einst von Slobodan Milosevic geführten Sozialisten forderten ein Verbot aller serbischen Parteien und Organisationen, die das Kosovo anerkennen.

In mehreren serbischen Städten ist es unterdessen in der Nacht zum Montag zu antiwestlichen Protesten und zum Teil auch zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen. Am Montag protestierten in Belgrad etwa zehntausend Personen gegen die Unabhängigkeit des Kosovos. Am Donnerstag wollen Regierung und Opposition eine gemeinsame Großkundgebung in der serbischen Hauptstadt abhalten. Bei Zusammenstößen zwischen Randalierern und der Polizei sowie bei Angriffen auf Journalisten gab es mehrere Dutzend Verletzte.

Bitte „an alle Regierungen der Welt“

Präsident Sejdiu und Ministerpräsident Thaçi mit der neuen Flagge des Kosovo

Präsident Sejdiu und Ministerpräsident Thaçi mit der neuen Flagge des Kosovo

Der kosovarische Ministerpräsident Thaçi rief die Staatengemeinschaft zur Anerkennung der am Sonntag vom kosovarischen Parlament proklamierten Unabhängigkeit des Kosovos auf. Prishtina habe sich mit dieser Bitte „an alle Regierungen der Welt“ gewandt, sagte Thaçi am Montag in Prishtina. Thaçi zeigte sich optimistisch und teilte mit, er erwarte erste Anerkennungen schon am Montag. Er kündigte an, das Kosovo werde nun umgehend ein Außenministerium und Botschaften in den wichtigsten Staaten einrichten.

Zuvor hatten sich im Zentrum Belgrads in der Nacht zum Montag etwa 7000 Demonstranten versammelt. Zu Gewalt griffen indes nach Berichten aus der serbischen Hauptstadt nur einige hundert Teilnehmer, die dem Hooliganmilieu zuzurechnen seien. Es kam unter anderem zu Angriffen auf die Botschaften Sloweniens und der Türkei. In der slowenischen Botschaft wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Die größte Menschenmenge hatte sich vor der amerikanischen Botschaft versammelt, die von Einheiten der Bereitschaftspolizei geschützt wurde. Die Filiale einer Schnellimbisskette in der Innenstadt wurde mit Sprengkörpern angegriffen, Autos mit westlichen Nummerschildern wurden demoliert.

Vorfälle auch in Provinzstädten

Auch aus serbischen Provinzstädten wurden Vorfälle gemeldet, ebenso aus der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica im Kosovo, der vojvodinischen Hauptstadt Novi Sad sowie aus Banja Luka, dem Machtzentrum der Serbenrepublik von Bosnien-Hercegovina. Der kosovarische Serbenführer Jaksic forderte die Regierung in Belgrad indirekt auf, im Kosovo das Militär einzusetzen. „Serbien muss entscheiden, ob es seine Armee einsetzen will, um Serben im Kosovo zu verteidigen, wenn sie von Albanern angegriffen werden“, so Jaksic.

In Banja Luka hätten mehrere tausend Demonstranten versucht, das amerikanische Konsulat zu stürmen, seien nach Berichten aber von Polizeikräften daran gehindert worden. Auf den Demonstrationszügen bosnischer Serben wurde demnach vereinzelt auch zur Ermordung von Albanern aufgerufen und der mutmaßliche Kriegsverbrecher Mladic gerühmt.

Text: F.A.Z., 19.02.2008, Nr. 42 / Seite 2
Bildmaterial: AFP, dpa

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