31. Dezember 2006 Als was er enden wird, wußte Saddam Hussein schon vor seinem Tod. Ein wahrer Märtyrer und Mann werde er sein, wenn es Gott so wolle. Er opfere sich, und seine Seele gehe zum Allmächtigen, schrieb Saddam in seinem letzten Brief. Nur mit einem war er gar nicht zufrieden: Er wollte nicht durch den Strang sterben wie gewöhnliche Kriminelle, sondern erschossen werden, wie es sich für Militärs gehörte.
Auf sein Ansehen war der irakische Diktator von Anfang an bedacht, auch wenn er sein eigenes Gesicht zuletzt nur noch wenigen zeigte. Auf dem Weg zum Galgen am Samstag morgen wollte Saddam jedoch nicht, daß die Henker seine Augen bedeckten.
Aus einem Erdloch gezerrt
Früher hatte er seine öffentlichen Auftritte sorgfältig inszeniert. Saddam zeigte sich mit der Zigarre in der Hand, ein Gewehr abfeuernd, als babylonischer Herrscher verkleidet oder als gütiger Landesvater, der die Köpfe kleiner Kinder tätschelte. Aus Angst vor Anschlägen ließ er oft lieber einen seiner drei Doppelgänger auftreten.
Als dann im Dezember vor drei Jahren amerikanische Soldaten Saddam aus einem Erdloch zerrten, wollten viele Iraker erst nicht glauben, daß dieser Mann mit dem langen zerzausten Bart, der eher einem Obdachlosen glich, der gefürchtete Herrscher sein soll, der sie mehr als zwanzig Jahre lang als Statue oder von überlebensgroßen Wandbildern aus fast überall fest im Blick hatte.
Heute stehen höchstens noch die Sockel der Denkmäler, und die Reste der Mosaike und Monumentalgemälde lassen höchstens noch die Umrisse seiner Gestalt erkennen. Von dem Machthaber, dessen autoritäres Regime die Bürger bis in die Wohn- und Schlafzimmer bespitzelte, sind nur wenige sichtbare Spuren geblieben - obwohl Saddam alles tat, um dem Land buchstäblich seinen Stempel aufzudrücken: Während der von ihm angeordneten Rekonstruktion der Ruinen von Babylon ließ er in die Steine seinen Namen prägen, so wie es Nebukadnezar und andere vor ihm getan hatten.
Tränen vor laufender Kamera
Soldaten, die ihre Truppe unerlaubt verließen oder etwas stahlen, was mehr als 12 Dollar wert war, ließ er die Stirn mit einem großen X brandmarken. Tausende Männer sollen dieses Mal tragen.
Gegenüber Feinden und Kritikern kannte Saddam keine Gnade, um die er selbst in seinem Prozeß auch kein einziges Mal gebeten hatte. Kaum war er 1979 nach einem rücksichtslosen Aufstiegskampf Präsident geworden, berief er eine Sitzung ein. Dort verlas er die Namen von 60 Mitgliedern des Revolutionären Kommandorats und der Parteiführung, die sofort abgeführt und getötet wurden. Vor laufenden Kameras weinte Saddam dann wegen des Verrats dieser Männer, doch das war kein Ausdruck von Hilflosigkeit, sondern die sorgfältig geplante Premiere seines künftigen Regierungsstils.
Nachdem später eine Gruppe Bewaffneter die Große Moschee in Mekka unter ihre Kontrolle gebracht hatte, soll Saddam dem saudischen König Fahd erklärt haben, was dieser jetzt tun müsse, damit die Menschen ihn wirklich fürchteten: Wenn Fahd jemals wieder ruhig schlafen wolle, müsse er nicht nur die Täter, sondern auch deren Väter, Söhne und Cousins töten; das wisse er aus Erfahrung.
Ratschläge für den Alltag der Untertanen
Der saudische Monarch hielt sich nicht an den Rat, den Saddam Hussein später unzählige Male in die Tat umsetzte: Für das Massaker, das er 1982 in Dudscheil nach einem fehlgeschlagenen Anschlagsversuch an der dortigen Bevölkerung anrichten ließ, wurde er am Samstag mit dem Tod bestraft. Der Prozeß wegen der Vernichtungskampagne gegen die aufbegehrenden Kurden, während der Zehntausende Menschen umkamen und 1988 in Halabdscha auch Giftgas eingesetzt wurde, sollte eigentlich in wenigen Tagen fortgesetzt werden. Mit äußerster Brutalität ließ Saddam zudem nach dem ersten Golfkrieg die Schiiten im Süden verfolgen, die es gewagt hatten, für ihre Eigenständigkeit zu kämpfen.
In den staatlichen Medien ließ er sich aber lieber in der Rolle des treusorgenden Großonkels - so hatte er sich selbst einst gerne genannt - darstellen. Liebevoll streichelte er dann Kinder und kümmert sich auch um die kleinen Sorgen seiner Untertanen. So zeigte das irakische Fernsehen immer wieder, wie der Diktator Überraschungsbesuche bei einfachen Familien machte, wo er (oder einer seiner Doppelgänger) in der Küche nachsah, ob sie genug zu essen hatten, und seinen Gastgebern Ratschläge für den Alltag gab.
Man muß aber viele Jahre in den offiziellen Fotoalben zurückblättern, um Bilder zu finden, die einen fröhlichen Saddam zeigen. Es sind Aufnahmen, auf denen er als stolzer Vater zusammen mit seiner ersten Frau und seinen fünf Kindern zu sehen ist. Bis zuletzt traute der Familienmensch nur denen, die mit ihm verwandt sind oder wenigstens aus seinem Geburtsort Takrit stammen.
Haben uns die Sonnenstrahlen gegriffen
In der Kleinstadt am Tigris hatte Saddam wohl keine glückliche Kindheit. Er wuchs ohne Vater zeitweise bei einem Onkel auf. Der soll ihn früh für den arabischen Nationalismus begeistert haben. Später zog er mit seiner Mutter in ein nahegelegenes Dorf, wo er angefeindet wurde. Seine Biografen berichten, daß er deshalb oft eine Eisenstange bei sich trug, um sich verteidigen zu können. Die Brechstange hat er auch später nicht zur Seite gelegt. Als junger Baath-Aktivist versuchte er, Staatspräsident Qassem zu erschießen, und war später an einem - erfolgreichen - Putsch beteiligt.
Aus der ärmlichen Familie aus Takrit wurde der reichste Clan im Land: Wir haben uns die Sonnenstrahlen gegriffen und werden nicht weichen, soll Saddam einmal gesagt haben. Er und seine Angehörigen bereicherten sich schamlos. Erst vertrieben sie in Takrit ihre früheren Nachbarn von den Bauernhöfen, später eigneten sie sich Firmen und Immobilien an. Viele Jahre lang flog seine Frau Sajida zum Einkaufen nach New York und London. Das Vermögen seines Clans wurde zum Ende seiner Regierungszeit auf mindestens zehn Milliarden Dollar geschätzt.
Geld und Macht brachten ihm wenig Glück. Seine erste Frau trennte sich von ihm. Zwei seiner insgesamt drei Töchter und die Enkel mieden ihn, nachdem er 1996 die Ehemänner hatte töten lassen; sie hatten versucht, sich ins Ausland abzusetzen, und Amerikaner und Briten über geheime Rüstungsprojekte informiert.
Als Kunde und Partner zunächst gefragt
Saddams ältester Sohn Udai, der lange als Kronprinz galt, war seit einem Anschlagsversuch schwerbehindert. Im Sommer 2003 wurden Udai und sein Bruder Qusai, der später als möglicher Nachfolger im Gespräch war, im Nordirak von den Amerikanern getötet. Zusammen mit Saddam wurde auch dessen Halbbruder Barzan Ibrahim al Takriti zum Tode verurteilt.
Die reichlich sprudelnden Öleinnahmen im Irak verwendete Saddam Hussein aber nur zu einem kleinen Teil für seine Familie, sondern auch, um das Land zu modernisieren. Bildung lag Saddam, dessen Eltern noch Analphabeten waren, besonders am Herzen. Das galt auch für Frauen, von denen in seiner Regierungszeit so viele wie kaum in einem anderen arabischen Land eine Ausbildung machten, studierten und berufstätig wurden. Der Irak wurde zu einem der am stärksten westlich ausgerichteten Staaten. Nicht nur deshalb, sondern auch als zahlungskräftiger Kunde und politischer Partner war Saddam in Europa und Amerika gefragt.
Unterstützung erhielt Saddams Regime, als es 1980 den Krieg gegen die Mullahs in Teheran begann. Damals besuchte ihn auch der spätere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Bagdad. Acht Jahre dauerte der Krieg, in dem auf irakischer Seite 150.000 und auf iranischer eine Million Menschen umgekommen sein sollen.
Anhaltender Realitätsverlust
Der Einmarsch in Kuweit im August 1990 und die spätere Niederlage in der Mutter aller Schlachten markierten den Anfang des Niedergangs seiner Herrschaft. Mit dem Überfall hatte sich Saddam nicht nur Amerika, sondern die meisten arabischen Nachbarn zu Feinden gemacht, auch wenn 1991 der Vater des heutigen Präsidenten Bush darauf verzichtete, seine Truppen bis nach Bagdad marschieren zu lassen. Statt dessen versuchten die Vereinten Nationen, mit Resolutionen und Sanktionen den irakischen Diktator zu weiterer Abrüstung zu zwingen - bis er die Inspekteure 1998 des Landes verwies. Nach dem Einmarsch im Irak im Frühjahr 2003 ließen sich jedoch keine Beweise für Massenvernichtungswaffen finden, die als einer der wichtigsten Kriegsgründe galten.
Ob aus politischem Größenwahn oder aus Unfähigkeit, die Weltlage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 richtig einzuschätzen, glaubte Saddam Hussein bis zuletzt nicht, daß die Amerikaner und ihre Verbündeten ihre Angriffsdrohungen wahrmachen könnten. Nichts von dem überlegenen Feldherrn, als der er zuvor gerne posierte, hatte Saddam an sich, als er nach den ersten Bombardements auf Bagdad in einem offenbar hastig improvisierten Fernsehauftritt mit einer dicken Lesebrille vor einem unordentlichen Vorhang vor die Kameras trat.
Dieser Realitätsverlust dauerte wohl an und spricht auch aus seinem Abschiedsbrief vom Dienstag. Darin macht er alleine Amerikaner und Iraner für das Blutvergießen im Irak verantwortlich: Einigkeit sei der einzige Weg, der die Iraker wieder stark mache. Davon ist das Land weiter entfernt den je. Auch sein Prozeß und sein Tod konnten nicht dazu beitragen, das Land zu versöhnen, in dem Saddam bis vor knapp vier Jahren jeden verfolgte, der es wagte, ihm auch nur zu widersprechen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS