03. August 2006 Nach einer gefährlichen Panne im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark in der vergangenen Woche, die zum Abschalten von zwei Werken führte, sind am Mittwoch abend zwei weitere Kernreaktoren in Oskarshamn heruntergefahren worden, weil deren Sicherheit nicht gewährleistet sei. Ein Sprecher der Betreiberfirma OKG sagte, die Sicherheit habe Vorrang und man habe nicht mehr garantieren können, daß die Sicherheitseinrichtungen so funktionierten, wie sie es sollten. Am späten Mittwochabend war nach mehreren Sicherheitstests festgestellt worden, daß von drei Reaktoren nur einer eine Panne wie in Forsmark bestehen würde.
Mit dem Abschalten von Forsmark 1 und 2, sowie Oskarshamn 1 und 2 sind insgesamt fünf der 10 verbliebenen schwedischen Kernkraftwerke außer Betrieb, da auch ein Reaktor in Ringhals wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet ist. In der Anlage von Forsmark hatte am Dienstag vergangener Woche ein Stromausfall dazu geführt, daß ein Reaktor abgeschaltet werden mußte, wobei anschließend Notaggregate ausfielen. Später wurde der Vorwurf erhoben, daß eine Atomkatastrophe nur durch Glück gerade noch einmal vermieden worden sei. In Schweden, das etwa zur Hälfte mit Atomstrom versorgt wird, haben die Abschaltungen zu einer Verdoppelung der Strompreise geführt, auch wenn versichert wird, daß die Versorgung nicht gefährdet sei, da man vom Ausland Strom kaufen und die Produktion der eigenen Wasserkraftwerke steigern könne.
Bundesumweltministerium prüft Situation in Deutschland
Es sei nicht gesichert, daß ein Vorfall wie in Forsmark in Oskarshamn vermieden werden könne, sagte der OKG-Sprecher. Deshalb sollten nun die weiteren Sicherheitsuntersuchungen abgewartet werden. Wann die Reaktoren nach den nötigen Umbauten wieder in Betrieb genommen werden können, ist völlig offen.
Die schwedische Umweltministerin Lena Sommestad will eine Sicherheitsprüfung aller schwedischen Atomreaktoren veranlassen, sobald eine von der Regierung eingeleitete Untersuchung des Vorfalls in Forsmark abgeschlossen ist. Auch Führer der Umweltpartei sowie der bürgerlichen Zentrumspartei haben eine gründliche Untersuchung der Kernkraftsicherheit unter Einbeziehung ausländischer Fachleute gefordert. Schweden hat im Zuge seines geplanten Ausstiegs aus der Atomenergie seit 1999 bereits zwölf Atomreaktoren komplett geschlossen. Meinungsumfragen zeigen jedoch, daß eine wachsende Zahl der Bürger an der Atomtechnologie festhalten will.
Nach dem Störfall in einem schwedischen Atomkraftwerk prüft auch das Bundesumweltministerium, ob ähnliche Probleme auch in deutschen Atomkraftwerken auftreten können. Das Bundesumweltministerium ermittelt zur Zeit den genauen Sachverhalt und wird so schnell wie möglich klären, ob die zu Grunde liegenden sicherheitstechnischen Mängel auch in deutschen Atomkraftwerken vorliegen können, teilte das Ministerium am Donnerstagabend mit. Der Vorfall in Schweden werde als sicherheitstechnisch ernstes Ereignis eingestuft.
Vorfall in Kernkraftreaktor Forsmark
Kurz vor 14 Uhr am Dienstag vergangener Woche wurde der Kernkraftreaktor Forsmark heruntergefahren. Bei Wartungsarbeiten war eine Panne passiert, und das Sicherheitssystem stoppte die gesamte Elektrizitätsproduktion. Die Ersatzversorgung der Steuerungs- und Sicherheitsanlagen durch vier Generatoren funktionierte jedoch nicht. Zwei der vier Diesel-Notstromaggregate sprangen nicht automatisch an und konnten erst nach 20 Minuten per Handsteuerung angeworfen werden.
Die Panne hätte nach Ansicht vieler Fachleute fatal enden können, da mit den Generatoren auch die Kühlpumpen, beim Ausfall der externen Stromversorgung, betrieben werden. Ein anhaltender Ausfall aller vier Generatoren hätte zur Kernschmelze geführt, sagte der frühere Konstruktionschef von Forsmark, Lars Olov Höglund. Mit seiner Bemerkung, man habe gerade noch einmal Glück gehabt, es handele sich um den schlimmsten Zwischenfall seit Harrisburg und Tschernobyl, widersprach er anfänglichen Abwiegelungsversuchen bei Forsmark, aber auch der Staatlichen Kernkraft-Inspektion, die inzwischen jedoch ebenfalls den Zwischenfall als höchst ernst einstuft und Inspektionsteams in die Kernkraftwerke entsandt hat. Ingvar Berglund, Forsmarks Sicherheitschef, wies die Warnungen als übertrieben zurück. Zwei der Generatoren hätten schließlich funktioniert. Im Regierungsbezirk Uppsala, der bei einer Katastrophe in Forsmark für Evakuierungen zuständig wäre, hat man mit Verärgerung festgestellt, daß man von dem Zwischenfall erst nach einem Tag und dann durch die Zeitung erfahren habe.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
