10. Dezember 2006 Bei den Ermittlungen zum Giftmord an dem russischen Ex-Agenten und Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko hat die Polizei jetzt in Hamburg definitiv Spuren des hochgiftigen Poloniums 210 entdeckt. Damit war Litwinenko in London vergiftet worden.
Es handelt sich definitiv um Spuren des Polonium 210, sagte Einsatzleiter Thomas Menzel am Sonntag zum Stand der Untersuchungen des Wohnhauses von Litwinenkos Kontaktmann Dmitri Kowtun in Hamburg-Ottensen. Der 41jährige Kowtun hatte Litwinenko am 1. November in London getroffen. Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen war Litwinenko an diesem Tag vergiftet worden.
Radioaktive Spuren in einem Auto
Spuren von Polonium 210 seien in der Wohnung der Ex-Frau Kowtuns in dem Haus in Ottensen nachgewiesen worden. Ebenso seien die Ermittler auf radioaktive Spuren in einem Auto sowie auf dem Anwesen der ehemaligen Schwiegermutter Kowtuns in Haselau im Kreis Pinneberg in Schleswig-Holstein gestoßen. Man kann davon ausgehen, daß es sich auch dort um Polonium handelt, sagte Menzel, der die Sonderkommission Dritter Mann leitet. Auch auf einem Formular, das Kowtun Ende Oktober auf der Ausländer-Behörde in Altona ausgefüllt habe, seien entsprechende Spuren gefunden worden.
Kowtun war am 28. Oktober von Moskau nach Hamburg gekommen. Nach Ansicht der Ermittler war er schon in der russischen Hauptstadt in Kontakt mit dem Polonium gekommen. Ob er die Substanz bei seiner Ankunft in der Hansestadt am oder im Körper getragen hatte, ließ sich nach Angaben der Experten nicht rekontruieren. Wenn es in einer Verpackung war, dann war das schlampig, sagte Gerald Kirchner vom Bundesamt für Strahlenschutz. Ein Rückschluß auf die Menge ist nicht möglich.
Der Fall hat seine Wurzeln eher nicht hier
Von den russischen Behörden habe es bisher keine Informationen über den Aufenthaltsort Kowtuns gegeben, bedauerte Menzel. Nach Berichten russischer Medien soll der Geschäftsmann mit Vergiftungserscheinungen in einem Moskauer Krankenhaus liegen. Dort wird auch der Geschäftsmann und ehemalige Agent Andrej Lugowoj behandelt, der ebenfalls bei dem Treffen mit Litwinenko in London am 1. November dabei war.
Eine mögliche Täterschaft oder Tatbeteiligung Kowtuns an der Ermordung Litwinenkos sah der Leitende Oberstaatsanwalt Marin Köhnke gegenwärtig als nicht zwingend. Das muß noch mit den britischen Behörden geklärt werden, sagte er. Die Frage, ob er Opfer oder Täter war, läßt sich nicht eindeutig klären. Nach Meinung von Hamburgs Polizeipräsident Werner Jantosch hat der Litwinenko-Fall eher nicht seinen Ausgang in der Hansestadt genommen. Der Fall hat seine Wurzeln eher nicht hier.
Vorwürfe der Witwe Litwinenkos
Die Witwe Litwinenkos äußerte unterdessen den Verdacht, daß russische Behörden für den Tod ihres Mannes verantwortlich sein könnten. Der britischen Sonntagszeitung Mail on Sunday sagte Marina Litwinenko (44): Offensichtlich war es nicht (Wladimir) Putin selbst, natürlich nicht. Doch was um den russischen Präsidenten herum geschehe, mache es möglich, einen Menschen auf britischem Boden zu töten. Litwinenko selbst hatte in einer posthum veröffentlichten Erklärung Putin für seinen Tod verantwortlich gemacht.
Marina Litwinenko äußerte sich zuversichtlich, daß die britische Polizei den Mörder ihres Mannes findet. Mit russischen Ermittlern wolle sie jedoch nicht zusammenarbeiten. Ich glaube nicht, daß sie die Wahrheit sagen werden. Ihr Mann war am vergangenen Donnerstag in einem strahlensicheren Sarg in London beerdigt worden.
Kowtun hinterließ viele Spuren in Hamburg
Der Litwinenko-Kontaktmann mit deutschem Wohnsitz, Dimitri Kowtun, hat bei seinem Kurzaufenthalt Ende Oktober in Hamburg zahlreiche Spuren des Strahlengifts Polonium 210 hinterlassen. Die Polizei bemüht sich, ein Bewegungsprofil des 41jährigen russischen Geschäftsmanns zu erstellen, der am 1. November an dem Treffen mit dem russischen Ex-Spion Alexander Litwinenko teilgenommen hat, bei dem diesem das Gift verabreicht worden sein soll. Im folgenden eine kurze Chronik des Hamburger Aufenthalts Kowtuns nach den Erkenntnissen der Polizei vom Sonntag ergänzt mit Daten zum Fall Litwinenko.
16. Oktober - Kowtun trifft Litwinenko in London zum ersten Mal.
28. Oktober - Er fliegt mit einer Maschine der Aeroflot von Moskau nach Hamburg. Das Auto, mit dem er vom Flughafen abgeholt wird, weist Strahlenspuren auf.
29. Oktober - Er übernachtet in Haselau, Kreis Pinneberg, im Haus seiner ehemaligen Schwiegermutter. An einem Stuhl und einem Bett wurden Strahlenspuren festgestellt.
30. Oktober - Er nimmt tagsüber einen Termin in der Ausländerbehörde in Hamburg-Altona wahr. An seiner Ausländerakte, in der er eine Unterschrift geleistet hat, wird eine Kontamination festgestellt. Der Mitarbeiter und der weitere Raum sind nicht kontaminiert. Danach hält er sich für jeweils kurze Zeit an verschiedenen Orten im Hamburger Stadtgebiet auf. Zwei bekannte dieser Örtlichkeiten, ein Restaurant und eine Spielhalle, sind nicht kontaminiert. Kowtun übernachtet bei einem Bekannten in der Kieler Straße, Hamburg-Altona-Nord. Hier gibt es bisher keinen Hinweis auf Kontamination. Abschließende Untersuchungen stehen noch aus.
31. Oktober - Er hält sich wiederum an verschiedenen Orten im Hamburger Stadtgebiet auf und übernachtet in der Wohnung seiner Ex-Frau in Hamburg-Ottensen, in der auf einem Sofa im Wohnzimmer eindeutig Polonium nachgewiesen wird.
1. November - Um 6.40 Uhr fliegt er mit einer Maschine der Germanwings von Hamburg nach London. Das Flugzeug weist keine Strahlenspuren auf. Gemeinsam mit zwei weiteren Männern trifft Kowtun Litwinenko in einem Londoner Hotel. Laut einem britischen Zeitungsbericht werden an einer Tasse und einer Spülmaschine des Hotels Polonium-Spuren nachgewiesen.
2. November - Litwinenko sagt ein für diesen Tag geplantes weiteres Treffen mit Kowtun wegen Gesundheitsbeschwerden ab.
23. November - Litwinenko stirbt an einer Polonium-Vergiftung.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa und AP
Bildmaterial: dpa