Portrait Lech Kaczynski

Auftrag ausgeführt

Von Konrad Schuller, Warschau

24. Oktober 2005 Wenige Minuten nach seinem Wahlsieg hat Lech Kaczynski, der künftige Präsident Polens, Meldung an seinen Zwillingsbruder gemacht. Jaroslaw Kaczynski, Chef der Präsidentenpartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), gilt schon immer als der eigentliche Stratege des unzertrennlichen Paars, das in steter Parallelität aus einer Kindheit im kommunistischen Polen über den Widerstand der Gewerkschaft „Solidarität“ jetzt an die Spitze der „Dritten Republik“ gewachsen ist.

Und weil das so ist, weil Jaroslaw der Konzeptionellere der beiden ist, aber auch der Strengere und Unduldsamere, nennt man ihn bis heute im Hauptquartier der PiS in humoristischer Verdrehung des Familiennamens den „duzy kaczor“, den großen Enterich. Lech dagegen, der jetzt Präsident wird, hat die Rolle des „maly kaczor“, des kleinen Entleins, immer hingenommen und findet nichts dabei, als kommender Präsident erst mal seinem Bruder Rapport zu leisten.

Geprägt vom Bild des kompromißlosen Patrioten

Die gemeinsame Welt dieser Brüder ist in scharfe Kontraste getaucht. Geboren 1949 im von Deutschen zerstörten und von Russen unterjochten Warschau der Nachkriegszeit, war der Begriff des „Bösen“ von Anfang an eine Grundkategorie ihrer Wahrnehmung. Ihre Eltern hatten im Warschauer Aufstand gegen die Deutschen gekämpft. Das Bild des kompromißlosen Patrioten, der sich gegen Kommunisten und Nazis, Russen und Deutsche notfalls bewaffnet wehrt, hat sie geprägt.

In den Zeiten der „Solidarität“ hat sich die Fähigkeit, den Gegner zu erkennen und keinen Kuhhandel zu dulden, in den Brüdern Kaczynski glänzend bewährt. Die Erfahrung aus der Welt der Eltern stählte ihren Siegeswillen. Tiefe Verwurzelung in der polnischen Nationalkirche stählte ihre Bereitschaft zum Bekennertum. An der Seite Walesas organisierten sie 1980 die streikenden Arbeiter von Danzig. An seiner Seite ging Lech, der jetzt Präsident wird, in die Internierung, und an seiner Seite erkämpfte er die Wende von 1989.

Scharon als Vorbild in Sachen Versöhnung

Diese spezifisch kaczynskische Sicht, die biblische Atmosphäre des „Ja, ja, nein, nein“, wird jetzt in den Warschauer Präsidentenpalast einziehen, und sie wird auch Polens Außenpolitik prägen. Wie die Rollen verteilt sind auf dieser Bühne, ist seit langem klar. Deutschland ist der Nachtmahr zur Linken, die stets bedrohliche Nation, die die Niederlage im Weltkrieg nicht verschmerzt hat und nach wie vor Entschädigungsforderungen an Polen richtet. Rußland dagegen ist der Koloß zur Rechten, wie zu Zeiten Hitlers und Stalins der potentielle Partner der Deutschen in Absprachen zu Lasten der ewig bedrohten Polen.

Kaczynski hat am Wahlabend schon erkennen lassen, wie er nach innen und außen polnische Politik gestalten will. Versöhnung müsse sein, doch solle die Welt wissen, daß in puncto Versöhnung der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon sein Vorbild sei: Scharon nämlich habe als „Friedenspolitiker“ deswegen soviel Erfolg, weil er nie gezögert habe, dem Feind in offener Konfrontation zu begegnen.

Den Deutschen sollten die Ohren klingen, wenn der Präsident so spricht - und besonders, wenn er dann noch hinzufügt: „Manchen Ländern gegenüber kann man eben nicht nur nach der Methode des Lächelns und Kopfnickens Politik machen.“



Text: F.A.Z. vom 25. Oktober
Bildmaterial: REUTERS

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche