Organisierte Kriminalität

Organhandel im Kosovo?

Von Michael Martens, Belgrad

Anklägerin: Carla del Ponte im Dezember 2007 in Brüssel

Anklägerin: Carla del Ponte im Dezember 2007 in Brüssel

11. April 2008 Über Carla Del Ponte, die frühere Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien, haben die meisten Serben eine feste Meinung. Nicht allein in nationalistischen Kreisen heißt es, sie habe sich bei ihren Ermittlungen nur für Verbrechen interessiert, die während der jugoslawischen Kriege von, nicht aber für solche, die an Serben begangen wurden. Ihre Aussagen wurden daher als Äußerungen einer politisierenden Juristin abgetan, die niemand für bare Münze nehmen könne.

In einem Fall war aber zumindest das nationalistische Establishment Serbiens bereit, eine Ausnahme zu machen. Sie betrifft jene Passagen in Frau Del Pontes jüngst erschienenem Buch über ihre Jahre als Chefin der Haager Anklagebehörde, die sich mit dem Verdacht beschäftigen, die albanischen Freischärler im Kosovo hätten etwa 300 entführte Serben nach Albanien deportiert und dort von Chirurgen regelrecht „ausweiden“ lassen, um ihre Organe zu verkaufen.

Serbische Herzen in reichen Patienten

Aus der Haft entlassen: Der frühere Freischärler und Ministerpräsident des Kosovo, Ramush Haradinaj, mit seiner Tochter im April in Prishtina

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Die Vorstellung, dass in manch einem reichen westlichen Patienten nun ein serbisches Herz schlägt, war vor allem für die nationalistische Belgrader Krawallpresse so verlockend, dass sie die üblichen Zweifel an allem, was Del Ponte sagt, überwinden konnte. Deshalb vielleicht fand eine Nuance ihrer Darstellung in der serbischen Berichterstattung auch wenig Beachtung: Beweise für das vermutete Verbrechen, die für eine Aufnahme in die Anklageschrift gereicht hätten, hat Del Ponte nämlich nach eigener Aussage nicht auftreiben können.

In Serbien beschränken sich die Folgen dieser unvollkommenen Enthüllung allerdings nicht auf unvollkommene Medienberichte. Die Anklage des für die Verfolgung von Kriegsverbrechen zuständigen Gerichts in Belgrad hat die Aufnahme von Ermittlungen angekündigt, in deren Verlauf auch Del Ponte und ihre ebenfalls zur Buchautorin gewordene ehemalige Sprecherin Florence Hartman befragt werden sollen. Ein Sprecher des Gerichts kündigte eine „ernsthafte Untersuchung“ an, sagte dem Belgrader Sender B92 allerdings auch, noch liege außer der Darstellung von Frau Del Ponte kein Beweismaterial vor.

Dass es sich bisher als unmöglich erwiesen hat, Zeugen oder die Leichname der vermissten Opfer ausfindig zu machen, muss nicht bedeuten, dass die mutmaßlichen Verbrechen nicht stattgefunden haben. Das legt beispielhaft der Freispruch des ehemaligen regionalen Befehlshabers der albanischen „Befreiungsarmee Kosovo“ (UÇK) Haradinaj, nahe.

Zeugen wurden ermordet

So hatte einer der Richter des Haager Tribunals von den „bezeichnenden Schwierigkeiten“ gesprochen, die es bei der Sicherung von Zeugenaussagen gegeben habe. „Die Kammer gewann den starken Eindruck, dass der Prozess in einer Atmosphäre stattfand, in der sich die Zeugen unsicher fühlten“, so der Richter. Diese Schwierigkeit wird sich auch bei möglichen Ermittlungen im Fall des vermuteten Organhandels stellen.

Haradinaj, damals Ministerpräsident des Kosovos, war im März 2005 vom Tribunal angeklagt worden, woraufhin er umgehend zurücktrat und sich stellte. Kaum drei Monate später wurde er jedoch bis zum Prozessbeginn freigelassen und kehrte ins Kosovo zurück, wo er sich mit Erlaubnis des Gerichts später sogar wieder politisch betätigen durfte. Erst Anfang 2007 musste er unmittelbar vor Beginn des Prozesses gegen ihn wieder nach Den Haag. In der Zwischenzeit waren im Kosovo Zeugen der Anklage getötet und andere so weit eingeschüchtert worden, dass sie nicht mehr auszusagen wagten.

Schwere Vorwürfe: Del Pontes bislang nur auf Italienisch erschienenes Buch “Die Jagd“

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Die kosovarische Presse hat sich in diesen Tagen darauf beschränkt, serbische Medienberichte über den angeblichen Organhandel wiederzugeben. Haradinaj selbst, der von Frau Del Ponte in ihrem Buch nicht mit dem mutmaßlichen Verbrechen in Verbindung gebracht wird, hat sich ebenfalls nicht dazu geäußert.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

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