Iran und die Bombe

Angst am Golf

Von Rainer Hermann, Kairo

“Iran hat nie einen Krieg vom Zaun gebrochen“ - Soldaten in Teheran

"Iran hat nie einen Krieg vom Zaun gebrochen" - Soldaten in Teheran

01. Februar 2006 Je näher ein arabisches Land an Iran liegt, desto mehr fürchtet es sich vor dem Griff Teherans nach der Atombombe. Im Nahen Osten halten dagegen viele Israel für die größere Gefahr. Ambivalent ist daher das Verhalten der arabischen Welt gegenüber dem iranischen Streben nach einer Bombe: Die arabischen Ölmonarchien fordern für den Golf eine atomwaffenfreie Zone, die Arabische Liga will sie für den gesamten Nahen Osten.

Erst in den vergangenen Tagen hatten der iranische Staatspräsident Ahmadineschad und sein Verteidigungsminister Mohammad-Nadschar die arabischen Golfanrainer wieder einmal wissen lassen, daß sie die amerikanische Militärpräsenz vor ihrer Haustür nicht schätzen und daß „die Sicherheit dieser Staaten auch die Sicherheit Irans“ sei. Mohammad-Nadschar, ein erfahrener General der Pasdaran, hatte schon Ende Dezember die kleinen Golfmonarchien in Aufregung versetzt, als er sie aufforderte, angesichts der militärischen Stärke Irans die Anwesenheit amerikanischer Soldaten in ihren Staaten zu überprüfen.

Naher Osten ohne Atomwaffen

Ahmadineschad: Mit Provokationen in die Schlagzeilen

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Mohammad-Nadschar reagierte damit auf das Gipfeltreffen des Golfkooperationsrats (GCC) in Abu Dhabi. Er hatte eine Erklärung zurückgewiesen, in dem die Außenminister des Rats vorschlugen, die Golfregion von Massenvernichtungswaffen zu befreien. Da davon auch die Waffen auf amerikanischen Flugzeugträgern und in Militärstützpunkten betroffen gewesen wären, wollten die Staatschefs aber nicht zustimmen. Um die Vereinigten Staaten nicht zu verärgern, verzichteten sie auf die Erklärung. Sie gingen auch nicht auf die Anregung des Generalsekretärs der Arabischen Liga, Amr Musa, ein. Er hatte ihnen vorgeschlagen, die Arabische Liga in ihrem Bestreben zu unterstützen, - mit Blick auf Israel - einen von Massenvernichtungswaffen freien Nahen Osten zu fordern.

Die GCC-Staaten wollen eine iranische Atombombe aus vielen Gründen verhindern. Sie würde das Gleichgewicht am Golf zugunsten Irans verändern. Die arabischen Golfstaaten müßten sich dann noch stärker auf die Schutzmacht Amerika verlassen. Das könnte neue innenpolitische Krisen verursachen. Ägypten wiederum fordert einen atomwaffenfreien Nahen Osten. Lange hatte Kairo darauf bestanden, im Gouverneursrat der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) nur dann einer Überweisung des Atomstreits mit Iran an den Sicherheitsrat zuzustimmen, wenn in einem Junktim Israel zur Offenlegung seiner vermuteten nuklearen Kapazitäten gezwungen würde.

„Iran hat nie einen Krieg vom Zaun gebrochen“

Ägypten unterhält zwar keine diplomatischen Beziehungen zu Iran. In Kairo ist aber häufig die Meinung zu hören, daß sich Iran bisher nicht wie ein Schurkenstaat benommen habe, sondern verantwortungsvoll. Zudem habe Iran nie - „anders als der Irak und die Vereinigten Staaten“ - einen Krieg vom Zaun gebrochen.

Nur der jordanische König Abdullah hat bisher vor einem „schiitischen Halbmond“ gewarnt, mit dem das schiitische Iran seine Macht auf Kosten der sunnitisch-arabischen Welt ausbauen würde. Einige ägyptische Intellektuelle sehen hinter dem neuen Machtstreben Teherans einen erstarkten und gefährlichen persischen Nationalismus, den es rechtzeitig in die Schranken zu weisen gelte.

Muslime beklagen doppelte Meßlatte

Als riskant wird jedoch ein Militärschlag gegen Iran eingestuft. Zum einen könnte ein militärischer Angriff gegen iranische Atomanlagen zu einer Solidarisierung der Schiiten in angrenzenden arabischen Ländern führen. In 70 Prozent der arabischen Ölförderregionen wohnen Schiiten. Ferner würde allein ein Ausfall des iranischen Ölexports, der 2,8 Millionen Faß am Tag erreicht, bei den bereits ausgeschöpften freien Förderkapazitäten den Ölpreis noch weiter in die Höhe treiben.

Ahmandineschad: Gebete und Diplomatie?

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Zum anderen wird befürchtet, daß sich im Fall eines Militärschlags die arabischen Sunniten mit den persischen Schiiten solidarisieren könnten. Nicht wenige würden sich dann eher als Muslime definieren und nicht als Araber, heißt es. Als Grund nennen ägyptische Intellektuelle die doppelte Meßlatte, die nach Ansicht der arabischen Bevölkerung an Israel und an die islamische Welt angelegt werde. Denn das nukleare Monopol Israels in der Region und die Doppelmoral des Westens verhinderten, daß ein Gleichgewicht zwischen Israel und der arabischen Welt eintreten könne, argumentieren viele. Ein Vorgehen gegen Iran hätte daher um so mehr Chancen auf Erfolg, je stärker sich der Palästinakonflikt auf eine Lösung zubewegt.

Text: F.A.Z., 02.02.2006 / Seite 2
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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