Von Michael Martens, Belgrad
22. Juli 2008 Diese Wahrheit übertrifft die kühnsten Spekulationen. Seit Jahren wurde gerätselt, wo der meistgesuchte Mann des Balkans wohl sei. Lebt er, mit langem Bart und in schwarzer Kutte, in einem orthodoxen Kloster? Schreibt er seine Romane in der Mönchrepublik Athos im Norden Griechenlands, in einer Klause des serbischen Klosters Hilandar, in dessen Weinkeller immerhin sein Porträt hängt?
Ist er, wie mitunter auch zu hören war, in Russland, in einem Dorf irgendwo am Baikalsee, abgeschirmt vom Rest der Welt durch die Weiten Sibiriens und die starke Hand des Kremls? Oder führt er, wie am häufigsten vermutet wurde, als fliegender Montenegriner ein unstetes, gehetztes Leben - ein Verfluchter, auf ewig unterwegs im zerklüfteten Grenzgebiet zwischen Serbien, dem serbisch beherrschten Osten von Bosnien-Hercegovina und seiner Heimat Crna Gora, dem Land der Schwarzen Berge?
Gefasst im Linienbus
Die Antwort, so wie sie uns Radovan Karadzics Anwalt nun übermittelt hat, ist derart prosaisch, dass sie schon wieder als originell bezeichnet werden kann. Ausdenken kann sich das jedenfalls keiner: Der neben dem ehemaligen General Mladic bekannteste Flüchtige des internationalen Kriegsverbrechertribunals zu Den Haag wurde nach den Worten seines Rechtsbeistands in einem Linienbus in der serbischen Hauptstadt gefasst, auf dem Weg vom Neubauviertel Novi Beograd in den Vorort Batajnica.
Fehlte noch, dass man erst deshalb auf ihn aufmerksam wurde, weil er ohne gültigen Fahrschein unterwegs war. Noch ist nicht gesagt, dass nicht zumindest ein Teil all der verwegenen früheren Vermutungen über den Aufenthaltsort Karadzics zeitweise einmal gestimmt haben, denn immerhin hat er sich länger als ein Jahrzehnt dem Zugriff der Justiz entzogen, und er wird nicht die gesamte Zeit in den öffentlichen Nahverkehrsmitteln von Belgrad zugebracht haben.
Noch ist allerdings auch nicht gesagt, ob Karadzic in all diesen Jahren wirklich untergetaucht war, oder ob er einfach nicht gefunden werden sollte. Womöglich hielt er sich in den vergangenen Jahren tatsächlich in Belgrad verborgen - vielleicht hielt er sich aber einfach nur dort auf. Dass der serbische Geheimdienst nach jahrelanger vergeblicher Suche nun urplötzlich auf seine Spur gekommen sein sollte, klingt jedenfalls nicht recht überzeugend.
Mann des großen Auftritts
Ebenfalls ist nicht zu vermuten, dass Karadzic sich unter dem Druck der neuen Regierung nun freiwillig gestellt hat, sich also aus freien Stücken in die Hände der neuen Machthaber begab. Hätte er sie selbst inszenieren können, wäre seine Verhaftung wohl glanzvoller ausgefallen, vor einer größeren Kulisse, denn Karadzic liebte den großen Auftritt. So wie nach dem 26. Februar 1993, als in der Tiefgarage des World Trade Center ein mit Sprengstoff beladener Kleinlastwagen explodiert war. Bei dieser Generalprobe für den elften September 2001, als deren Urheber ein amerikanisches Gericht im Januar 1998 einen Muslim pakistanisch-palästinensischer Herkunft zu 240 Jahren Haft ohne Bewährung verurteilte, kamen sechs Personen um, mehr als 1000 wurden verletzt.
Wenige Tage nach dem Anschlag im März 1993 meldeten Zeitungen in aller Welt, auch die Frankfurter Allgemeine, dass Radovan Karadzic, damals noch politischer Führer der bosnischen Serben, jegliche Verantwortung für den Anschlag abgestritten habe. Zuvor hatte Karadzic, der sich als Präsident der bosnischen Serben just in jenen Tagen in New York aufhielt, in einem Offenen Brief an das amerikanische Volk gewarnt, der tragische und bedauerliche terroristische Vorfall sei ein frischer Beweis für die unmittelbaren Gefahren eines direkten militärischen Eingreifens des Auslands in den Konflikt in Bosnien-Hercegovina.
Den amerikanischen Abwurf von Hilfsgütern über den von den Serben angegriffenen Gebieten in Bosnien kommentierte er mit der Bemerkung, dies könne den bisher lokalen Konflikt in Bosnien in einen Balkankrieg, vielleicht in einen Weltkrieg verwandeln. Nach einem fruchtlosen Verhandlungstag bei den Vereinten Nationen empfing er damals auch einen Reporter der New York Times in seiner Hotelsuite in Manhattan und diktierte ihm eine aberwitzige Verdrehung der Lage in Sarajevo in den Block: Die Serben belagerten Sarajevo nicht, auch wenn es so aussehen möge. Man beschütze nur die serbischen Einwohner in der bosnischen Hauptstadt vor muslimischen Übergriffen, behauptete Karadzic allen Ernstes.
Flucht aus der Poesie in die Politik
Die Meldung aus dem Jahr 1993 birgt jedoch mehr als nur vergilbtes Zeitungswissen - denn sie ist zumindest eine der vielen Erklärungen für das Phänomen Karadzic. Dazu muss man sich vergegenwärtigen, wer Karadzic sein wollte, bevor er die Provinzbühne der bosnischen Politik betrat, wo in der ersten Hälfte der neunziger Jahre Weltpolitik auf dem Spielplan stand. Lange hatte Karadzic in den achtziger Jahren versucht, sich in den Intellektuellenzirkeln der damals noch für ihre kulturelle Vielfalt gerühmten Hauptstadt von Bosnien-Hercegovina zu etablieren.
Er wollte als Dichter gelten, fand aber nie den Anschluss an Literatenszene von Sarajevo. Sein Gedichtband Ludo koplje (Verrückte Lanze) blieb unbeachtet. Erst mit dem Zerfall Jugoslawiens brach sich sein angestauter Ehrgeiz Bahn. Der bosnische Krieg wurde zur Projektionsfläche für sein exaltiertes Geltungsbedürfnis, das er nun, als Künstler gescheitert, in der Politik befriedigen konnte.
In Bosnien war es nun Karadzic, dieser dem bosnischen Land und seiner Eigenart Fremdgebliebene, ein aus Montenegro zugewanderter Bauernsohn, der die Spielregeln festlegte. Seine Gedichte hatte niemand lesen wollen, sein politisches Hauptwerk aber, die Belagerung von Sarajevo, brachte ihm Weltruhm ein. Es war der Ruhm, nach dem er sich so lange vergeblich gesehnt hatte, nach dem er gierte, den er verdient zu haben glaubte. Die Zeit der Rache an den Siegern der Friedenszeit muss unsagbar befriedigend gewesen sein für einen Mann von der Anlage Karadzics, den fast alle Beobachter als überaus eitle und selbstverliebte Persönlichkeit beschreiben: In Bosnien-Hercegovina wird unter seiner politischen Führung zehntausendfach gemordet, aber die Mächtigen der Welt wollen mit ihm über den Frieden verhandeln. Wo er auftritt, sind Kameras und Mikrofone, die großen Nachrichtenmagazine widmen ihm Titelgeschichten.
Große Auftritte auf der Weltbühne
Er, Karadzic, rückt diesen Vorort der Weltpolitik nun für einige Jahre in ihr Zentrum und genießt Auftritte wie jenen in Athen im Juni 1993, wo er mit allen Ehren von dem damaligen griechischen Oppositionsführer und späteren Regierungschef Andreas Papandreou empfangen wird: Wir haben heute nur noch zwei Freunde, die Griechen und Gott, aber das ist nicht wenig, sagt er damals. Das ist ein typischer Karadzic-Satz, einer von den vielen pathetischen Sätzen des schlechten Romans, den Karadzic nun lebt.
Es gibt einen anderen Satz, der noch mehr über seine Selbstsicht verrät: Im August 1995, drei Monate vor dem Ende des Krieges in Bosnien-Hercegovina, sagt Karadzic einer Schweizer Zeitung: Ich will mich nicht mit Jesus Christus vergleichen. Aber auch ihn hat die ganze Welt verurteilt - obwohl er Recht hatte. Ich habe auch Recht, ich diene meinem Volk. Ich hätte nach Europa fliehen können, als Psychiater hätte ich da eine Menge Geld verdient. Aber ich bin ein Patriot.
In diesem Krieg gelingt Karadzic nun endlich, was ihm im Frieden versagt geblieben war - er wird von den serbischen Intellektuellen anerkannt, jedenfalls von ihrem nationalistischen Flügel, der sich enttäuscht von dem Machterhaltungstechniker Milosevic abwendet. Einer der Intellektuellen, dessen Nähe Karadzic sucht und findet, ist der in Belgrad lebende Schriftsteller Brana Crncevic (hacek auf erstem, accent aigu auf zweitem c), ein großartiger Aphoristiker und nationalistischer Zyniker, dessen Buch Staatsexamen 1966 in der Übersetzung von Peter Urban auch im Suhrkamp-Verkag erschienen ist. Unter den darin versammelten Aphorismen ist einer, der Karadzic und Männern wie ihm auf den Leib geschrieben ist: Ein herrschsüchtiger Schreiber ist schlimmer als ein schreibwütiger Herrscher.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS