Knochen des Paulus

Ein gut gehütetes Geheimnis

Von Jörg Bremer, Rom

Ein Mosaikbildnis des Paulus in den römischen Katakomben - es gilt als das älteste Abbild des Apostels

Ein Mosaikbildnis des Paulus in den römischen Katakomben - es gilt als das älteste Abbild des Apostels

30. Juni 2009 Gerüchte hatte es gegeben, aber noch am Freitag hatte sie der Hausherr der Basilika „Sankt Paulus vor den Mauern“ dementiert. Die Einführung einer Sonde in den Sarkophag des Heiligen sei aus technischen Gründen gescheitert. Die Wände seien mit mehr als 25 Zentimetern zu dick, hatte der frühere Nuntius in Jerusalem, Kardinal Lanza di Montezemolo gemeint.

Nur einige Stunden später gab Papst Benedikt XVI. dann die archäologische Sensation bekannt: Zu Beginn seiner Predigt am Sonntagabend sagte er in kargen Worten, im Inneren des Sarkophages „befanden sich unter anderem Knochenfragmente, die mit der C-14-Methode untersucht wurden, und zwar von Fachleuten, die nichts von der Herkunft dieser Fundstücke wussten. Sie stellten fest, dass die Knochenteile von einer Person stammen, die zwischen dem ersten und zweiten Jahrhundert lebte.“

„All das erfüllt unsere Seele mit tiefer Bewegung“

Die Wissenschaftler hätten ein kleines Loch in den Sarkophag treiben können, berichtete Benedikt XVI. Im Sarkophag hätten sie auch Körner von Weihrauch, „Eiweiß und Kalkubstanzen“ sowie textile Reste gefunden: ein kostbares Stück purpurfarbenen Leinenstoffes mit Goldbesatz und ein blaues Leinengewebe. Für die Kirche „scheint sich so die einhellige und bisher nicht widersprochene Tradition zu bestätigen, dass es sich hier um die sterblichen Überreste des Apostels Paulus handelt. All das erfüllt unsere Seele mit tiefer Bewegung“, sagte der Papst. Tatsächlich gibt es solche Funde nicht alle Tage: Nach langjährigen forensischen Untersuchungen hatte Papst Paul VI. 1976 feststellen lassen, dass sich im Grab des heiligen Petrus unter dem Petersdom tatsächlich seine Knochen befinden. Nun wird Benedikt XVI. mit der Aufklärung des Sarkophages von Paulus verbunden bleiben.

Nicht nur in Rom, wo der Namenstag von Petrus und Paulus am Montag wie in jedem Jahr als ein allgemeiner Feiertag begangen wurde, sondern für das gesamte Christentum sind diese beiden Heiligen zentrale Zeugen der Lehre Christi. Während Petrus aber am See Genezareth von Jesus selbst als „Fels“ auserwählt worden sein soll, um auf ihm seine Kirche zu bauen, war Saulus zunächst ein Christenverfolger - geboren als Sohn einer jüdischen Familie in der heute türkischen Hafenstadt Tarsus.

Er war schon immer ein Paulus

Der Toralehrer Saulus soll nach der christlichen Tradition in Jerusalem zu den militanten Verfechtern des jüdischen Tempelkults der Pharisäer gehört haben. Er sei es „nicht wert, ein Apostel zu heißen, weil er die Gemeinde Gottes verfolgt habe“, schrieb Paulus später über sich selbst. Saulus habe die Steinigung des ersten christlichen Märtyrers Stephanus beaufsichtigt, berichtet der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte. Als Saulus mit Geleitbriefen des Oberrabbinats von Jerusalem in Damaskus gegen die neuen „Christianoi“ vorgehen wollte, ist ihm vor dem Stadttor Christus erschienen, heißt es in der Apostelgeschichte. „Saul, Saul! Warum verfolgst Du mich“, soll der Auferstandene ihn gefragt haben.

Saulus wurde bekehrt, freilich nicht zum Paulus, wie es gemeinhin hieß. Mutmaßlich trug er stets beide Namen, Saulus mehr in jüdischer und Paulus mehr in hellenistischer Tradition. Seit der so oft in der Kunstgeschichte dargestellten Bekehrung des Paulus missionierte dieser im griechischen Sprachraum vor allem in Kleinasien.

Im Schatten Petrus'

Im Jahr 67 soll Paulus ein Opfer der Christenverfolgungen in Rom geworden sein. Er musste sich einem Prozess wegen der Zugehörigkeit zu einer verbotenen Religion stellen. Die Tradition will es, dass er enthauptet und nicht weit von jener Stelle entfernt an der Straße zum Hafen von Ostia beerdigt wurde. Erst am Ende des 4. Jahrhunderts wurde unter Kaiser Theodosios, ein Jahrhundert nach Kaiser Konstantin und seiner Errichtung der Lateransbasilika und der Kirche für Petrus, die damals zweitgrößte Kirche in Rom errichtet: „Sankt Paulus vor den Mauern“.

Diese Kathedrale wie jene auf dem Vatikans-Hügel für Petrus lag noch „vor den Mauern“ des damaligen Rom, inmitten vieler Friedhöfe. Der Tradition nach war Petrus etwa zur selben Zeit wie Paulus umgekommen und unweit davon beerdigt worden. Weil aber Petrus als „erster Bischof“ der Stadt verehrt wurde und mithin ein „Mann der Hierarchie“ war, nahm sich die frühe Christenheit seiner früher an. Es stimme mithin nicht, dass Kaiser Konstantin auch für Paulus eine Kirche gebaut habe, sagen die Archäologen heute und widersprechen damit einer alten Tradition.

Ein gebildeter Mann aus wohlhabender Familie

Petrus und Paulus werden gerne in einem Atemzug genannt, wegen des nah beieinander liegenden Todesdatums und ihres gemeinsamen Namenstages. Tatsächlich aber waren sie ganz verschiedene Persönlichkeiten: Petrus war ein direkter Zeuge Jesu. Er wurde aus seinem Alltagsleben heraus Jünger. Er war ein wahrscheinlich nicht besonders gebildeter Fischer vom See Genezareth. Paulus dagegen stammte aus einer wohlhabenden Familie mit römischem Bürgerrecht. Er war ein in der Tora gebildeter Mann. Als Zeltmacher oder Sattler verdiente er sich nach der Apostelgeschichte sein Brot. Petrus hingegen wirkte zunächst in Jerusalem unter den Juden; während Paulus in Jerusalem nur die Stadt des einzigen jüdischen Tempels sah, der ihm aber nach der Bekehrung nicht mehr viel bedeutete. Ihn zog es in die Ferne. Petrus gilt nicht gerade als begnadeter Theologe; wohl aber als tatkräftiger Menschenfreund. Paulus dagegen tritt uns in seiner Theologie als Philosoph, Seelsorger und einfühlsamer Hirte seiner zahlreichen Gemeinden entgegen.

Die Paulus-Kirche mit dem Sarkophag, der vor 500 Jahren in der Krypta verschlossen worden war, brannte 1823 bis auf die Mauern ab und musste neu errichtet werden. Die Kenntnis vom genauen Ort des Grabes ging bei den Umbauten verloren. Erst 2002 legten Archäologen den römischen Grabkasten wieder unter dem Hauptaltar frei. Nun soll er nach den Worten von Kardinal Lanza di Montezemolo geöffnet und untersucht werden.

Der Vatikan wusste seit Monaten Bescheid

Man habe schon seit Monaten gewusst, dass sich die Knochen des Heiligen in jenem Sarkophag befinden, sagte der Kardinal am Montag. Aber es sei allein dem Papst vorbehalten gewesen, diesen „sensationellen Fund bekannt zu machen“, passend zum Abschluss der Feiern für den 2000. Geburtstag des Apostels. Die Identität der Knochen in dem Sarkophag konnte natürlich nicht festgestellt werden, denn das Genom des Apostels kennt niemand. Dennoch es ist eine Sensation, dass die Archäologen auf etwa 2000 Jahre alte Knochen stießen, die einer besonderen Person gehört haben müssen, da sie mit einem kostbaren Tuch umhüllt und mit Spezereien beerdigt wurde. Auch diese Tradition ist 2000 Jahre alt und aus dem Geschehen der Frauen bekannt, die in Jerusalem drei Tage nach der übereilten Bestattung Jesu - vor Anbruch des Pessachfestes - an sein Grab kamen, um ihn noch einmal zu salben. Sie fanden im leeren Grab nur die Grabtücher.

Der Sarkophag in Rom hingegen ist voll. Die Stadt Rom war immer schon stolz auf ihre beiden Heiligen. Auch wenn der Apostel Paulus im Zeichen der Ökumene aller Kirchen gefeiert wird, Rom bleibt für seine Bürger und den Vatikan die heilige Stadt, in der die beiden wichtigsten Apostel tatsächlich starben und begraben wurden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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