Merkel in Israel

Neue Herzlichkeit

Von Jörg Bremer, Jerusalem

16. März 2008 Ein ausgesprochen freundlicher Empfang wurde am Sonntag in Israel Bundeskanzlerin Merkel und ihrer großen Delegation bereitet. Doch diese Herzlichkeit ist erst vor nicht allzu langer Zeit in die Beziehungen zwischen beiden Staaten eingezogen. Denn in der Vergangenheit fanden sich Deutsche - wie Palästinenser - in der Regel am Ende der israelischen Beliebtheitsskala wieder. Amerikaner, Franzosen und Briten konnten sich dagegen besonderer Gunst erfreuen. Das hatte auch mit der Berichterstattung israelischer Medien zu tun: Aus Deutschland berichten meist nicht mehr als zwei oder drei Korrespondenten. Die Nation der Schoa-Täter tauchte in der Regel im Zusammenhang mit antisemitischen Vorfällen auf. Freundlicher wurde das Bild nur durch das lebhafte Interesse an der Fußball-Bundesliga.

Mittlerweile hat sich das geändert, und die Vision des ersten israelischen Botschafters in Bonn, Ben-Natan, scheint Wirklichkeit geworden zu sein: Nach seiner Ansicht sollten die aus historischen Gründen „niemals normalen Beziehungen besonders eng“ sein. So war es vor einigen Jahren noch schwer, in Israel Deutsch zu lernen. Man vermutete, dass mit dem Tod der „Jeckes“, der aus Deutschland stammenden Juden, nicht nur die Brücke der Sprache wegfallen würde. Mittlerweile ist die Nachfrage so groß, dass das Goethe-Institut Deutschunterricht anbietet.

Die Minister fahren deutsche Autos

Die melancholische Bindung zwischen den beiden Nationen weicht zusehends enger Zusammenarbeit, die jeder erleben kann, der mit dem Flugzeug zwischen Tel Aviv und Frankfurt unterwegs ist und die Geschäftsleute und Fachleute im Flugzeug an ihren Computern arbeiten sieht. Gerade Lufthansa wird von den Israelis geschätzt. Die israelische Fluggesellschaft El Al versucht deshalb, die Einrichtung zusätzlicher Flugverbindungen des deutschen Konkurrenten zu erschweren.

Besonders Berlin zieht junge Israelis an: Nirgendwo sonst wächst die israelische Gemeinde so stark wie dort. Israelis sind nicht nur an deutschen Waren, sondern auch an Immobilien in den deutschen Großstädten interessiert. Nur wenige scheuen sich in Israel noch, ein deutsches Auto zu fahren.

Auch die Regierung kauft deutsche Fahrzeuge für die Minister. Über die Gründe für diesen Wandel wird in Israel nicht viel diskutiert. Dort beeindruckt wohl am meisten, dass sich die Deutschen die Debatte über den Holocaust in jeder Generation von neuem nicht leicht machen. Auch gibt es neue Berührungspunkte. In Israel gibt es mittlerweile auch Neonazis; es sind aus Russland stammende Jugendliche.

Groß ist der Wunsch nach einer Einbindung in die EU

Bei der Verbesserung der Beziehungen spielte auch Bundeskanzlerin Merkel eine Rolle. Ihr Vorgänger Schröder interessierte sich nicht besonders für den Nahen Osten. Die Vermittlungsbemühungen von Außenminister Fischer (Grüne) stießen jedoch in Israel auf Anerkennung.

Auf völlig andere Art tritt jetzt Außenminister Steinmeier (SPD) auf, der die engen Beziehungen fortzusetzen versteht. Das gilt besonders für das Militär und für Sicherheitsfragen. Geschätzt aber wird vor allem die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende Merkel: In einer Umfrage eines unabhängigen Instituts in Jerusalems gaben 60 Prozent der Befragten vor einem Jahr an, ihre Wahl zur Bundeskanzlerin verbessere das Bild Deutschlands in Israel. Diese Auffassung wurde vor allem von älteren, aus Europa stammenden Juden geteilt, die schon einmal Deutschland besucht hatten.

Die von der Konrad-Adenauer-Stiftung finanzierte Untersuchung fand auch heraus, dass 77 Prozent der Befragten „Israel in eine falsche Richtung“ gehen sehen und dass 76 Prozent die äußeren Beziehungen ihres Landes für besonders wichtig halten - die Befragten waren also durchaus kritisch und weltoffen. Groß war ihr Wunsch einer Einbindung Israels in die EU.

Zum Zeitpunkt der Befragung war noch der britische Premierminister Blair beliebter als Frau Merkel. Nach dessen Ausscheiden aus dem Amt ist wohl die Bundeskanzlerin der in Israel beliebteste europäische Regierungschef(in). Davon kann sie sich bis Dienstag in Israel nun selbst ein Bild machen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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