Michail Saakaschwili

Der Heißsporn aus dem Kaukasus

Von Oliver Hoischen

08. August 2007 Das war wieder typisch Michail Saakaschwili: Kaum war der Einschlag einer Rakete auf einem Acker nahe der Grenze zur abtrünnigen Republik Südossetien bekanntgeworden, da schnappte er sich ein paar ausländische Diplomaten und Journalisten und fuhr mit ihnen raus aus der Hauptstadt an den Ort des Geschehens. „Wir erwarten eine starke internationale Reaktion“, sagte der georgische Präsident in Hemdsärmeln. „Diese Sache geht nicht nur Georgien an. Sie stellt ein Risiko für die europäische Sicherheit dar.“

Er befragte die Dorfbewohner, welches Flugzeug sie am Himmel gesehen hätten, sprach von einer „Bombardierung“ und beschuldigte Russland der „Provokation“. Denn nach georgischer Darstellung handelt es sich um eine Anti-Radar-Rakete AS-11 russischer Produktion, die von einem russischen Kampfflugzeug des Typs SU-24 abgefeuert wurde, glücklicherweise aber nicht explodierte.

Wird der Fall je aufgeklärt?

Russland hat die Anschuldigungen zurückgewiesen. Was genau geschah, wurde am Mittwoch noch untersucht. Die Georgier zappten derweil von den georgischen zu den russischen Fernsehnachrichten und fragten sich, ob der Vorfall wohl überhaupt eines Tages aufgeklärt werde.

Sicher ist, dass die Spannungen zwischen den beiden Staaten in den vergangenen Jahren gefährlich zugenommen haben. Das liegt nicht nur daran, dass Moskau den Verlust der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien bis heute nicht verschmerzt und Abchasien und Südossetien, die beiden abtrünnigen Republiken auf georgischen Territorium, nach Kräften militärisch und wirtschaftlich unterstützt. Es liegt auch an der Entschlossenheit, mit der sich Saakaschwili diesem neu-alten russischen Großmachtstreben entgegenstellt und stattdessen ein anerkannter Verbündeter des Westens sein möchte, vor allem Amerikas. So hat Tiflis erst vor wenigen Wochen entschieden, die Zahl seiner im Irak stationierten Soldaten von 850 auf 2000 zu erhöhen.

Saakaschwili studierte, so wie viele andere Mitglieder der jungen, oft ungestümen Elite seines Landes, nicht nur in Kiew – heute ein anderer Ort entschiedener Moskau-Kritik –, sondern vor allem in New York, bevor er unter Eduard Schewardnadse Justizminister wurde, diesen dann aber aus Ärger über die grassierende Korruption und gefälschte Wahlen Ende 2003 stürzte. Diese Tat ging als „Rosenrevolution“ um die Welt.

Nationalistische Töne

Seitdem hat Saakaschwili den kleinen, strategisch bedeutsamen Kaukasusstaat einem Reformprozess unterzogen, der seinesgleichen sucht: Die Wirtschaft wächst, die Steuereinnahmen steigen, sogar die Universitäten und Krankenhäuser werden privatisiert. Manchmal wird dabei der Rechtsstaat bis an seine Grenzen gedehnt: Die Medien haben es nicht leicht, Menschenrechtler berichten über Misshandlungen in den Gefängnissen.

Vor allem aber sind es entschieden nationalistische Töne, mit denen der 39 Jahre alte Saakaschwili seine Landsleute für sich zu gewinnen versucht: Die Jugend verbringt die Sommer in patriotischen Zeltlagern, der Militärhaushalt stieg seit Schewardnadses Sturz um das Zehnfache. Moskau zieht seine letzten Soldaten endlich aus Georgien ab. Im Umgang mit dem mächtigen Nachbarn ist vom kaukasischen Heißsporn Saakaschwili jetzt noch mehr denn je auch Geschick gefragt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

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