Isaf-General Kasdorf im Interview

„Auch über Panzer nachdenken“

Rollen deutsche Panzer bald auch im Süden Afghanistans?

Rollen deutsche Panzer bald auch im Süden Afghanistans?

17. Januar 2008 Der deutsche Isaf-General Bruno Kasdorf spricht im F.A.Z.-Interview über künftige Aufgaben der Bundeswehr und die Bewegungen der Aufständischen.

Herr General, wie lautet Ihre Bilanz nach gut einem Jahr als Chef des Stabes, also als rechte Hand des Kommandeurs der Afghanistanschutztruppe Isaf?

General Bruno Kasdorf

General Bruno Kasdorf

Die Isaf-Bilanz sehe ich positiv. Wir haben von Anfang an die Initiative ergreifen können. Die Taliban hatten angekündigt, im Frühjahr eine großen Offensive zu starten. Das haben wir unterlaufen. Zusätzlich hat die afghanische Armee deutlich an Kapazität gewonnen. Ein gutes Beispiel ist die Operation in Musa Qala gewesen, wo die afghanische Armee tatsächlich in Führung war und wir sie dabei unterstützt haben.

Aber die schöne Erfolgsbilanz ist etwas getrübt durch die Tatsache, dass die Zahl von Anschlägen und bewaffneten Auseinandersetzungen so hoch war wie noch nie für Isaf?

Das sehe ich nicht so. Wir haben mehr Vorfälle, ja, aber durchaus auch provoziert durch aktives Vorgehen der Isaf. Wir haben 2007 mit ungefähr 31.000 Soldaten angefangen. Jetzt sind wir bei rund 43.000. Das ist schon eine gewaltige Zunahme. Wir haben dadurch in Gebieten operieren können, wo wir vorher kaum präsent waren. Und: 70 Prozent der Vorfälle haben in zehn Prozent der Distrikte stattgefunden. Da relativiert sich eine solche Aussage.

Wird die Isaf dieses Jahr noch aktiver werden, so dass man mit einer weiteren Zunahme von Vorfällen wird rechnen müssen?

Ich erwarte einen weiteren Zuwachs an Fähigkeiten und Umfang bei der afghanischen Armee. Die Afghanen werden 2008 in der Lage sein, noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Es wird 2008 durchaus wieder harte Auseinandersetzungen geben. Es wird weiterhin zäh bleiben, aber wir müssen das durchstehen und wir werden auch weiter Fortschritte sehen.

Wird der Druck von Al Qaida in Afghanistan zunehmen, wenn die Extremisten im Irak, wie es derzeit den Anschein hat, zurückgedrängt werden?

Das ist tatsächlich die Frage, ob Al Qaida und ähnliche Organisationen die Kräfte dort herausnehmen und hier herüberverlegen. Bisher haben wir keine Anzeichen dafür. Was ich feststellen kann, sind erhebliche Verluste bei den Aufständischen, besonders auch in den Reihen der Führer. Daher würde ich mich wundern, wenn der Druck von der Seite erhöht werden würde. Eigentlich müsste das Gegenteil eintreten.

Ist innerhalb von Afghanistan eine Verschiebung der Aufstandsaktivitäten stärker in den Norden und Westen zu erwarten – auch als Reaktion auf den zunehmenden Druck der Nato im Süden und Osten?

Wir haben es schon mit einer Bewegung zu tun. Wenn die Aufständischen an einer Stelle Druck erfahren, werden sie anderswo versuchen, Unruhe zu stiften. Ansätze dazu haben wir jetzt im Westen und teilweise auch im Norden gesehen. Glücklicherweise haben wir in der Operation „Harekate Yolo“ Anfang Dezember deutlich gemacht, wie konsequent auch im Norden vorgegangen wird.

Wie muss sich die Bundeswehr, die ihren Schwerpunkt und das Regionalkommando im Norden hat, auf die künftigen Entwicklungen einstellen?

Wir lernen alle gemeinsam, wie wir uns auf bestimmte Aktivitäten einstellen müssen. Auch die Bundeswehr. Da geht es um Ausbildung, auch um Ausrüstung. Man muss überlegen, welche Rolle schwere Ausrüstung künftig spielt. Wir sehen den Einsatz von Panzern und Panzerhaubitzen im Süden, was letztendlich nutzt, um eigenes Leben zu schützen. Ohne dass ich einen Panzerkrieg herbeireden möchte: Wenn man da drinsitzt, hat man einen besseren Schutz. Und hat gleichzeitig abschreckende Wirkung.

Es ist die Rede davon, dass die Aufgabe der Quick Reaction Force im Regionalkommando Nord, die bislang die Norweger wahrnehmen, auf die Bundeswehr zukommt. Was ist die Aufgabe dieser schnellen Eingreiftruppe?

Es gibt die Diskussion über den Abzug von Kräften der Alliierten aus der Nordregion und darüber, wie das kompensiert werden kann. Solange das innerhalb des Mandatsrahmens ist, kann es durchaus sein, dass die eine oder andere Aufgabe auch auf die Bundeswehr zukommt. Die Quick Reaction Force ist die Reserve des Regionalkommandeurs im Norden. Dort, wo es brennt, werden diese Kräfte eingesetzt. Das kommt schon öfters vor: zur Verstärkung, auch zur Aufklärung oder zur Unterstützung der afghanischen Armee wie kürzlich bei dem Einsatz „Harekate Yolo“.

Das war ein offensiver Einsatz?

Ich würde eher von einem proaktiven Vorgehen sprechen.

Wie schädlich ist das Nebeneinander der Schutztruppe Isaf und der Anti-Terror-Operation OEF?

Es gibt den militärischen Grundsatz, dass in einem Raum möglichst einer führen sollte. Wir haben hier Strukturen, die anders gewachsen sind, und wir haben eine ganz gute Organisation hinbekommen, wie wir zusammenwirken. OEF hat anerkannt, dass der Raum hier der Isaf „gehört“. Isaf macht die Vorgaben. Das hat die Konsequenz, dass von OEF nichts gemacht wird ohne unsere Zustimmung.

Ist das sogenannte Targeting, gezieltes Ausschalten gegnerischer Kämpfer, ein Vorgehen der Isaf wie von OEF?

Das gibt es in beiden Operationen. Das ist Teil des Targeting, das ist Teil der Operationsführung.

Das heißt, dass man es in bestimmten Situationen nicht darauf ankommen lässt, dass man Personen gefangen nimmt, sondern es darum geht, sie zu töten.

Es ist erstmal unser Ziel, die Personen gefangen zu setzen. Aber es kann natürlich auch durchaus sein, dass bestimmte Personen gezielt ausgeschaltet werden.

Könnte diese Aufgabe mit der Quick Reaction Force im Nordsektor verbunden sein?

Das sehe ich weniger so. Außerdem kommt es sehr darauf an, wie – neben den Rules of Engagement, die wir von der Nato haben – die einzelne Nation ihre eigenen Kräfte sieht und definiert. Und da kann es durchaus nationale Besonderheiten geben.

Gilt das auch für den Umgang mit Gefangenen?

Wir halten uns an die Regeln, die wir von der Nato haben und die vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz überprüft wurden. Das ist eine Sache, die uns durchaus immer umtreibt, wo allerdings vor allem die Nationen gefordert sind, wie sie sich mit ihrem Kontingent in solchen Situationen verhalten.

Gibt es da auch andere Gepflogenheiten als bei den Deutschen, die ihre Gefangenen innerhalb von 96 Stunden an die afghanischen Behörden ausliefern müssen?

Die 96 Stunden sind eine Richtlinie, die wir von der Nato haben. Wir sind die Assistance Force, die die Afghanen unterstützen. Wir gehen davon aus, dass wir es hier mit einem souveränen Staat zu tun haben. Daher sind dies die Organe, die ihre Verantwortung dann wieder für ihre Staatsbürger übernehmen. Aber es gibt durchaus auch Regelungen einzelner Staaten, die sagen, wir sind damit so nicht einverstanden, wir wollen nicht, dass übergeben wird. Und dann gibt es bilaterale Abkommen einzelner Staaten mit Afghanistan. Ich weiß, dass sich Deutschland auch um ein solches Abkommen bemüht.

Seitens der westlichen Staaten könnte es zweierlei Vorbehalte geben: einerseits die Sorge, dass Gefangene gefoltert werden, andererseits, dass man sie möglicherweise bald wiedersieht – frei und bewaffnet?

Es gibt diese Vorbehalte. Mir persönlich sind aber keine Fälle bekannt, in denen die Afghanen jemanden misshandelt hätten. Ich weiß, dass es durchaus auch die Klage gab, dass man jemanden festgenommen hat, der relativ schnell wieder auf freiem Fuß war.

Verstärken will die Bundeswehr auch die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte mit den sogenannten Operational Monitoring and Liaision Team (OMLT). Werden künftig deutsche Ausbilder dann auch mit den Afghanen in den Einsatz gehen müssen – auch in anderen Regionen?

Ich kann nur sagen, was die Erwartungshaltung hier bei der Isaf und der Nato ist. Sie lautet, wenn ein OMLT gestellt wird, dass das ohne Einschränkung zur Verfügung steht.

Gibt es ein „Fenster“, das sich schließt, wenn sich nicht in diesem Jahr deutliche Fortschritte einstellen?

Nein, das sehe ich nicht so. Die Umfragen hier in Afghanistan sind durchaus positiv, es werden Fortschritte gerade auch bei der Sicherheit gesehen. Wir haben den Rückhalt hier und auch die Geduld, die erforderlich ist, um das durchzustehen. Wir werden sicherlich noch eine Zeitspanne von vier bis fünf Jahren brauchen, ehe wir deutlich anders positioniert sind. Die andere Frage ist: Wie sieht das eigentlich mit unserer eigenen Bevölkerung aus? Ist die bereit, das so lange durchzustehen und die Unterstützung zu gewähren. Das ist immer eine ganz schwierige Angelegenheit. Es war für mich eine besondere Erfahrung, wie wesentlich die Öffentlichkeitsarbeit ist und wie geschickt unsere Gegner vorgegangen sind. Wir haben eine Menge angestellt, um uns besser zu positionieren, aber ich denke, dass wir da auch noch weiter zulegen müssen, um deutlich zu machen, welche Fortschritte erzielt worden sind.

Das Gespräch führte Stephan Löwenstein



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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