Von Markus Bickel, Beirut
16. Juli 2008 Bassam Kuntar kann den Moment der Rückkehr kaum noch erwarten. Ein Traum wird wahr, sagt der 31 Jahre alte Bruder Samir Kuntars, der an diesem Mttwochmorgen aus Israel nach Libanon überstellt werden soll. Als das einstige Mitglied der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) wegen des Mordes an einem israelischen Familienvater, dessen Tochter und eines Polizisten im April 1979 verhaftet wurde, war Bassam noch ein Kleinkind - Samir kennt er nur aus Erzählungen von dessen Anwalt oder seiner Mutter Siham.
Fast dreißig Jahre lang musste die 69 Jahre alte Frau sich mit den Fotos ihres Sohnes aus dem Gefängnis in Israel, die in ihrem Wohnzimmer stehen, trösten, ehe sie Bassam heute wieder in die Arme schließen kann.
Feiern im ganzen Land
Die Vorbereitungen für die Rückkehrfeier des am längsten in Israel inhaftierten libanesischen Gefangenen laufen schon seit Anfang Juli auf Hochtouren, sagt Samir Kuntar im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Einen Großteil davon hat die Hizbullah übernommen. Von tief im Süden des Landes bis hoch in die Hauptstadt Beirut sind Straßen und Plätze geschmückt.
Freiheit für den Helden und Gefangenen Samir Kuntar steht auf Plakaten in den Küstenstädten Tyr und Sidon, oder auch Freiheit kommt mit Blut, nicht mit Tränen. Die Botschaft ist eindeutig: Ohne die bewaffneten Aktionen der Hizbullah gegen Israel wäre Kuntar nicht frei gekommen.
Seit seinem Antritt als Generalsekretär der Hizbullah im Februar 1992 hatte Hassan Nasrallah das Schicksal des 1980 zu 542 Jahren Verurteilten und anderer in Israel inhaftierter Gefangener untrennbar mit dem bewaffneten Kampf der schiitischen Partei Gottes verknüpft. Wir glauben, dass die Freilassung der Häftlinge aus israelischen Gefängnissen unsere legitime, brüderliche und moralische Verantwortung ist, ganz ohne konfessionelle oder parteiische Vorurteile, sagte er im Herbst 1992 in einem Zeitungsinterview.
Keine saubere Operation
Unmittelbar nach Ende des Zweiten Libanon-Krieges 2006 dann schilderte Nasrallah gegenüber dem Fernsehsender New TV die Bemühungen seiner Kämpfer, weitere israelische Soldaten zu entführen, um Kuntar und andere Gefangene freizupressen. Ein Versuch war im Oktober 2005 gescheitert, als vier Hizbullah-Kämpfer beim Angriff auf eine israelische Patrouille umkamen. Danach begannen die Vorbereitungen für die Entführung, die am 12. Juli 2006 den Krieg auslöste; vier oder fünf Monate haben diese laut Nasrallah gedauert.
Der Name der Operation war Programm: Eingelöstes Versprechen. Da jedoch nicht nur die beiden Soldaten Ehud Goldwasser und Eldas Regev gefangen genommen, sondern acht weitere Israelis bei Gefechten getötet wurden, sei das Ziel einer sauberen Operation misslungen, gestand Nasrallah ein. Es ist etwas passiert, was wir nicht beabsichtigt haben. Die Rückkehr Kuntars und der anderen vier Gefangenen in den Libanon rückt den auf die Geiselnahme folgenden, 33 Tage dauernden Krieg in den Hintergrund - und stellt so etwas wie eine zweite Befreiung nach dem Rückzug israelischer Truppen aus dem Südlibanon vor acht Jahren dar.
Angesichts des Erfolges schließt die Hizbullah die Entführung weiterer israelischer Soldaten auch als Option für die Zukunft nicht aus. Kein Kommentar, antwortete Nasrallah in der ersten Juli-Woche auf einer zur Bekanntgabe des Deals mit Israel einberufenen Pressekonferenz auf die Frage, ob seine Organisation künftig auf derartige Aktionen verzichten werde.
Politischer Triumph Nasrallahs
Die Erfahrung lehrt, dass Land durch Diplomatie nicht befreit wird, fügte er mit Verweis auf die weiterhin von Israel besetzten Schebaa-Farmen hinzu. Außerdem bleibe der Libanon bedroht. Der Abschluss des Gefangenenaustauschs dürfe daher nicht als politische Einigung mit Israel gewertet werden, sondern lediglich als humanitäre Aktion.
Einen politischen Triumph Nasrallahs freilich bedeutet Kuntars Freilassung schon. Sie reiht sich ein in die Serie nationaler Erfolge, die die zu Beginn der achtziger Jahre von Iran aufgebaute Parteimiliz seit Anfang des Jahrtausends feiern kann: Dem Rückzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon im Mai 2000 folgten der große Gefangenenaustausch im Januar 2004 und der von Nasrallah als göttlicher Sieg gepriesene Krieg gegen Israel 2006. Als Geschenk an die Libanesen bezeichnete Nasrallah Anfang Juli die bevorstehende Freilassung Kuntars.
Schon dass die Feierlichkeiten von der Hizbullah organisiert werden, macht jedoch deutlich, dass sie ihre Vormachtstellung im Verhältnis zu Israel nicht an den libanesischen Staat abzugeben bereit ist. Bis zum Schluss blieb die Gefangenenfragte in den Händen der Nasrallah-Organisation, nicht in denen der Regierung in Beirut.
Der Kampf geht weiter
Ibrahim al Amin, Chefredakteur der der Hizbullah nahe stehenden Tageszeitung al Akhbar hält die Konfrontation mit Israel deshalb auch nicht für beendet. So könne die anhaltende Verletzung libanesischen Luftraums durch die israelische Luftwaffe schon bald als Motiv herhalten für neue bewaffnete Aktionen der schiitischen Parteimiliz, sagte er dieser Zeitung. Auch die Ermordung des Hizbullah-Mitgründers Imad Mughniyeh im Februar dieses Jahres in Damaskus würden Nasrallah und seine Kader nicht unbeantwortet lassen.
Immer wieder in ihrer nun mehr als zweieinhalb Jahrzehnte dauernden Geschichte hat die Hizbullah neue Gründe für den Fortbestand ihrer Bewaffnung gefunden. So blieb die Befreiung der in israelischen Gefängnissen inhaftierten Libanesen selbst nach dem Rückzug israelischer Truppen aus dem Südlibanon im Mai 2000 auf der Tagesordnung.
Und nach der Freilassung von 35 arabischen Gefangenen 2004, von denen lediglich elf Hizbullah-Mitglieder waren, wiederholte Nasrallah seine Kernbotschaft: Diejenigen, die behaupten, solche Austauschaktionen seien der Beleg dafür, dass friedliche Methoden erfolgreich und produktiv sein können, irrten. Eine bewaffnete Operation - die Gefangennahme drei israelischer Soldaten - sei der Schlüssel zum Erfolg gewesen, nicht friedliche Methoden, die auf Schwäche, auf Unterwerfung beruhten.
Feier in den Heimatgemeinden
Auch Bassam Kuntar preist den bewaffneten Widerstand der Hizbullah, der nach fast drei Jahrzehnten die Freilassung seines Bruders erreicht habe. Morgen, am Tag nach der Ankunft Kuntars und vier von Israel während des Krieges 2006 gefangener Hizbullah-Kämpfer, soll in dessen Heimatort eine Feier für den säkular geprägten Drusen stattfinden. In Aabey, gelegen im drusisch-christlich besiedelten Schuf-Gebirge südwestlich von Beirut, würden die wichtigsten drusischen Geistlichen des Landes seinen Bruder wie einen hohen Würdenträger ehren, erzählt Samir Kuntar stolz. Auch die anderen Rückkehrer würden den Tag danach in ihren Herkunftsgemeinden feiern.
So war es schon im Januar 2004, beim großen Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hizbullah: am Beiruter Flughafen der große Empfang in Anwesenheit von Präsident, Ministerpräsident und Parlamentspräsident - am Tag danach der stillere Triumph in der Provinz. Obwohl Israels Ministerpräsident Ariel Scharon damals die Freilassung Kuntars in letzter Minute verhinderte - er wollte ihn als Faustpfand behalten, um Informationen über den 1986 über dem Libanon abgeschossenen Navigator Ron Arad zu erlangen -, stand der 45 Jahre alte Gefangene in Nasrallahs Rede zur Freilassung der Gefangenen im Mittelpunkt: Ich sage Samir, der nun die Hauptsorge der Hizbullah ist, und all unseren Brüdern, die im selben Boot sitzen wie Samir: Wir werden keinen von ihn aufgeben oder vergessen.
Gut vier Jahre später kann der Hizbullah-Generalsekretär darauf verweisen, sein Versprechen gehalten zu haben. Mit Gottes Hilfe und Wohlwollen ist der Libanon das erste in den arabisch-israelischen Konflikt involvierte arabische Land, das die Gefangenenfrage abgeschlossen hat, sagte er bei der Bekanntgabe des Gefangenenaustauschs Anfang Juli. Angesichts seiner symbolischen Bedeutung, seiner Erfahrung und seiner Persönlichkeit sei Samir Kuntar qualifiziert dafür, eine große nationale Rolle zu spielen. Die Entscheidung darüber müsse er aber selbst treffen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP