Flutkatastrophe

Flagge zeigen im Hinterhof

Von Jochen Buchsteiner, Jakarta

03. Januar 2005 Viele Flutopfer staunen über ihre Retter: Neben den erwarteten Ärzten und Hilfsarbeitern sehen sie vermehrt Soldaten - oft aus weit entfernten Ländern.

Die internationalen Rettungsmaßnahmen haben in Asien militärische Bewegungen in Gang gesetzt, die zuweilen an Invasionen erinnern. Mit Hubschraubern, Flugzeugen und Kriegsschiffen wird Material und Hilfe herangeschafft. Dabei leiten die Helfer in Uniform nicht nur humanitäre Motive.

Politische Ziele

Zu den Ländern, die mit ihrem Rettungseinsatz auch politische Ziele verfolgen, gehören Indien und Amerika. Indien, das selbst zu den am stärksten betroffenen Ländern zählt, stellte früh klar, daß es Hilfe von außen nicht nötig hat. Ein entsprechendes Telefonangebot des amerikanischen Präsidenten Bush lehnte der indische Ministerpräsident Manmohan Singh freundlich ab. Indien unterhält neben China die größte Armee Asiens. Mehr als eine Million Mann stehen auf dem Subkontinent unter Waffen. Heer, Marine und Luftwaffe besitzen vergleichsweise modernes Gerät. Die Ressourcen reichten aus, um sich alleine zu helfen, hieß es in Delhi.

Parallel zu den Einsätzen auf heimischem Boden, vor allem in Tamil Nadu und auf den strategisch wichtigen Andamanen und Nikobaren, betätigten sich die indischen Soldaten in der Nachbarschaft: auf den Malediven, in Indonesien und - mit Hilfsgeldern - im deutlich reicheren Thailand. Fünf Schiffe entsandte die indische Marine allein nach Sri Lanka, zwei davon nach Trinkomalee, an die politisch sensible Ostküste, wo tamilische Rebellen und Regierungssoldaten um die Vorherrschaft kämpfen. Auch sechs Militärhubschrauber sind auf der südlich von Indien gelegenen Insel im Einsatz. Insgesamt sollen mehr als 1.000 indische Soldaten bei den Rettungsmaßnahmen zum Einsatz kommen.

Hilfe für den Hinterhof

Indien habe seine Truppen nach Sri Lanka geschickt, noch bevor sie in den indischen Notstandsgebieten aktiv wurden, bemerkte am Montag spitz die Zeitung "Sudar Oli" aus Colombo und nannte den Grund gleich mit: "Weil es nicht wollte, daß andere Mächte einen Fuß in seinen Hinterhof setzen." In der Tat beklagten Hilfsarbeiter und Diplomaten in den vergangenen Tagen, daß Indien sein Engagement in den eigenen Notstandsgebieten zugunsten ferner Einsätze vernachlässigt habe.

Geholfen hat es offenbar nicht. Colombo hieß inzwischen die Hilfe von 1.500 amerikanischen Soldaten willkommen. Während manche Zeitungen in Sri Lanka berichteten, Indien sei in die Entscheidung Colombos einbezogen gewesen, zitiert die (den Tamilen nahestehende) "Sudar Oli" Quellen, die von einem Zerwürfnis sprechen. Colombo nutze die Lage, seine Beziehungen zu Amerika aufzubessern und sich so aus der Umklammerung des übermächtigen Nachbarn zu lösen.

An einem Strang

Offiziell ziehen Indien und die Vereinigten Staaten an einem Strang. Der amerikanische Präsident Bush hatte Indien zusammen mit Japan und Australien genannt, als er kurz nach dem Seebeben seine Verbündeten für die Rettungsaktion vorstellte. Auch das offizielle Delhi beschwor unlängst wieder die "strategische Partnerschaft", die Indien und Amerika verbinde. Delhi, das sich derzeit um einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bemüht, sieht sich von einer engen Zusammenarbeit mit Washington aufgewertet. "Indien versucht seit einiger Zeit den Eindruck zu vermitteln, es sei eine Regionalmacht und eine glaubwürdige Macht in dem Sinne, daß sie einspringen kann, wenn es erforderlich ist", sagt Udai Bashkar vom "Institut for Defence Studies and Analyses" in Delhi. "Beide Ziele werden mit dem gegenwärtigen Einsatz erreicht."

Der indische Politikwissenschaftler Raja Mohan spricht im Zusammenhang mit der militärischen Hilfsoperation von einer "möglichen Transformation der Geopolitik im Indischen Ozean". Erstmals arbeiteten die beiden größten Flotten in dem Meer zusammen, was die beiden Mächte einander näher bringe und Indien weiter aus seiner Isolation befreie.

Das Image aufpolieren

Die Vereinigten Staaten, die ihre Seemacht nicht unter Beweis stellen müssen, sehen derzeit vor allem die Möglichkeit, ihr Image in Asien aufzupolieren, das seit den Invasionen in Afghanistan und im Irak gelitten hat. Der Flugzeugträger "Abraham Lincoln" liegt inzwischen, begleitet von vier weiteren Schiffen, vor der Nordwestküste Sumatras. 6.500 Mann sind nach Informationen der "Jakarta Post" an Bord.

Die Hubschrauber, die von der Flotte transportiert werden, helfen seit Sonntag in den Katastrophengebieten von Aceh. Auch medizinische Rettungsteams sind von Bord und in die Notstandsregionen gegangen. Gegen die Aktion der Vereinigten Staaten verblassen die Maßnahmen der Australier und Neuseeländer. Was Washington im Nordwesten Sumatras begonnen habe, sei die "größte militärische Aktion der Amerikaner im südlichen Asien seit dem Vietnamkrieg", schrieb das Blatt aus Jakarta. Im Laufe der Woche werden auch der scheidende amerikanische Außenminister Colin Powell und der Gouverneur von Florida, George W. Bushs Bruder Jeb, in Indonesien erwartet. Sie dürfen sich auf einen herzlichen Empfang im größten muslimischen Land der Welt freuen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2005, Nr. 2

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