25. April 2008 Ein halbes Jahr nach dem Luftangriff auf einen möglicherweise von Nordkorea gelieferten Reaktor hat sich die amerikanische Regierung am Donnerstag erstmals zu dem Vorfall geäußert. FAZ.NET sprach mit George Friedman, dem Geschäftsführer von Stratfor, einem der führenden Politik-Analyseinstitute in den Vereinigten Staaten. Mit ihm sprach Markus Bickel.
Herr Friedman, CIA-Chef Michael Hayden hat dem Kongress Bilder vorgelegt, die belegen sollen, dass Nordkorea Syrien mit Nukleartechnik ausgestattet hat. Hält diese Kooperation an?
Es ist schwer zu sagen, wie groß die Zusammenarbeit wirklich war - und ist. Es gibt Berichte über eine geringe Anzahl nordkoreanischer Arbeiter in Syrien. Um einen Reaktor zu bauen, bräuchte es jedoch mehr als das, und die Syrer bräuchten Ingenieure und Techniker, die sie aber nicht haben. Deshalb ist unklar, wie ernst es den Syrern wirklich mit dem Aufbau eines Nuklearprogramms war.
Hat der israelische Angriff auf die Anlage im vergangenen Herbst Syriens Nuklearpläne zunichte gemacht?
Damit scheint zumindest zerstört worden zu sein, was da war. Wenn es dort ein Nuklearprogramm gab, gibt es das heute nicht mehr. Mit dieser vagen Auskunft will ich Ihrer Frage nicht ausweichen - es ist einfach unklar, was sich an dem bombardierten Ort befand und warum er bombardiert wurde. Es könnte sein, dass es eine Nuklearanlage noch nicht gab, und das Ziel lediglich darin bestand, vorhandenes Vorstufenmaterial zu zerstören, bevor es zusammengesetzt werden konnte.
Die Regierung in Damaskus behauptet, bei dem Angriff sei lediglich ein Lager für strategische Raketen zerstört worden.
Der ganze Vorgang ist sehr eigenartig. Zum einen ist es seltsam, dass Israel den Angriff geheim halten will. Wenn Syrien tatsächlich versuchen sollte, zu einer Nuklearmacht zu werden, würde das schließlich eine erhebliche Bedrohung für die Region darstellen - und wäre durchaus geeignet, Verständnis für einen israelischen Angriff zu wecken. Das gleiche gilt für die Vereinigten Staaten.
Die Syrer wiederum haben äußerst gelassen auf die Bombardierung reagiert, in ihren öffentlichen Äußerungen ebenso wie in Handlungen. Wenn es sich wirklich um einen Angriff auf eine Militäranlage aus der Luft oder von Land gehandelt haben sollte, müsste man in Damaskus eigentlich außer sich sein vor Wut. Dort aber wurde der Vorfall eher heruntergespielt. Das ist das Eigenartige. Das und das israelische Schweigen.
Hat Syrien denn wirklich Interesse an einem Nuklearprogramm?
Die Frage ist eher, ob das syrische Regime Nuklearwaffen wirklich zu dem Preis erlangen wollte, dass das Jahre dauern und mit Sicherheit aufgedeckt und zerstört werden würde. Das ist das große Rätsel. Schließlich müssten Ressourcen aufgebracht werden, die Syrien bislang nicht hat - und das unter Risiken, die Syrien eigentlich nicht auf sich nehmen kann. Handelte es sich dabei doch um ein Programm, das frühestens in einem Jahrzehnt erste Ergebnisse gezeitigt hätte.
Welche Rolle spielt Iran in dem syrisch-nordkoreanischen Deal?
Es gab Berichte über unregelmäßige Mitarbeit iranischer Fachkräfte, aber die lassen sich zur Zeit nicht bestätigen. Es erscheint unwahrscheinlich, dass Iran ausgerechnet mit Syrien zusammenarbeiten würde, um einen Reaktor zu bauen. Teheran würde wenig dadurch gewinnen, und die Entwicklung eines wirklich ernsthaften Programms wäre mit Damaskus wohl auch nicht möglich.
War Russland beteiligt?
Angesichts der Tatsache, dass das syrische Nuklearprogramm, sollte es überhaupt entwickelt worden sein, nicht sehr weit fortgeschritten war, glauben wir nicht, dass es sich dabei um ein multinationales Unterfangen handelte. Deshalb dürfte die Russen auch nichts damit zu tun haben.
Syrische Facharbeiter haben Mitte des Monats in Russland ein neues Luftabwehrsystem begutachtet. Könnten diese Waffen in einem möglichen iranisch-amerikanischen Konflikt zum Einsatz kommen.
Die Lieferung eines fortgeschrittenen russischen Luftabwehrsystems würde in der Tat eine unmittelbare und ernste Gefahr für Israel und die Vereinigten Staaten darstellen. Zugleich würde damit der Preis für einen Luftangriff aus Syrien hochgetrieben. Syriens nationale Sicherheit würde damit erheblich erhöht - und ihre Vorsichtsmaßnahmen sicherlich verringert. Das System wurde jedoch bislang nicht ausgeliefert, nicht zuletzt, um es als Verhandlungsmasse zu verwenden: im Streit mit dem Westen um einen Nato-Beitritt Georgiens und der Ukraine und anderer Themen.
Gibt es Pläne Syriens oder Irans, ihren regionalen Verbündeten, die libanesische Hizbullah, mit Nuklearwaffen auszustatten?
Die Syrer haben kein Interesse daran, dass nuklearer Sprengstoff in die Kontrolle der Hizbullah gerät. Die Auswirkungen eines Atomschlags gegen Israel könnten schließlich letztlich auch Syrien betreffen. Zudem dürfte Syrien zum Ziel einer israelischen Gegenreaktion werden. Da weder der Iran noch Syrien über Nuklearwaffen verfügen, können beide Staaten zur Zeit ohnehin nicht zur Verfügung stellen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, Reuters