Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
20. Dezember 2007 Nach 23 Tagen der Nahrungsverweigerung ist der 61 Jahre alte katholische Bischof Luiz Flávio Cappio aus der brasilianischen Diözese Barra in die Intensivstation eines Krankenhauses der Stadt Petrolina eingeliefert worden. Damit sei der Hungerstreik vorerst beendet, mit dem der Geistliche gegen die Umleitung des Flusses São Francisco, des drittgrößten Stroms Brasiliens in den Nordosten, protestiert hatte, sagte ein Arzt. Cappio war ohnmächtig geworden, als er von der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs Brasiliens erfuhr, dass die Bauarbeiten weitergeführt werden dürften. Das ist eine große Enttäuschung hatte der Bischof noch gesagt, bevor er in Ohnmacht fiel.
Mit der Verlegung des Flusses soll in einem Trockengebiet im Nordosten Brasiliens die Wasserversorgung sichergestellt werden. Nach Meinung des Geistlichen würde sie aber schwere Umweltschäden verursachen. Außerdem begünstige sie Großgrundbesitzer auf Kosten von Kleinbauern. Der Protest des Bischofs hat Umweltschützer und sogar den Vatikan auf den Plan gerufen und die Regierung des Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva in Bedrängnis gebracht.
Ein Mann von tiefer Spiritualität
Lula hatte aufgrund einer anderen Gerichtsentscheidung zunächst die Aussetzung der Arbeiten, die drei Milliarden Dollar kosten sollen, bis zum 7. Januar angekündigt. Immer mehr soziale und religiöse Organisationen und Gemeinschaften, darunter die Caritas, der Eingeborenen-Missionsrat und die Landlosenbewegung, unterstützten den Bischof in seinem Protest. In zehn brasilianischen Städten wurde zu Protestaktionen und Messen als Beginn einer gemeinsamen adventlichen Fastenaktion organisiert. Die brasilianischen Bischöfe hatten Katholiken und andere Personen guten Willens aufgerufen, sich an dem Hungerstreik zu beteiligen. Hunderte brasilianischer Katholiken und Umweltschützer folgten dem Aufruf aus Solidarität zu Cappio. Der Bischof, der dem Franziskaner-Orden angehört, verwies darauf, dass Lula im Wahlkampf noch gegen das Projekt gewesen sei.
Cappio ist kein Selbstmörder, sagte der brasilianische Theologe Fernando Altemeyer, der den Bischof kennt. Er ist ein Mann von tiefer Spiritualität. Im Buch Jonas ändert Gott seine Meinung, weil das Volk fastet, vielleicht ändert Lula ja auch seine Meinung, sagte der Theologe. Bislang hat der Staatschef aber zu erkennen gegeben, dass er der Auffassung bleiben wolle, die Verlegung des Flusslaufs und der Bau zweier Kanäle seien von großem Nutzen für mindestens vier Bundesstaaten.
Vatikan war gegen den Hungerstreik
Mit der Entscheidung des Obersten Gerichts und dem zumindest vorläufigen Ende des Hungerstreiks ist der Konflikt aber noch lange nicht ausgestanden. Bischof Cappio hat den Segen der brasilianischen Bischofskonferenz für seinen Protest, allerdings nicht für seinen Hungerstreik, gegen den sich auch der Vatikan ausgesprochen hatte. Aus der Umgebung des Geistlichen verlautete, dass er möglicherweise von neuem fasten werde. Dies sei allein seine persönliche Entscheidung, wenn er wieder bei Bewusstsein sei.
Die Regierung Lula zeigte sich bereit, den Beginn der Bauarbeiten möglicherweise um zwei Monate hinauszuzögern, um das Projekt der Bevölkerung besser zu erklären. Dessen ungeachtet will der Minister für öffentliche Bauvorhaben, Geddel Vieira, in Kürze den Gewinner der Ausschreibung für das erste Baulos bekanntgeben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP