19. Mai 2004 Vier von den sieben amerikanischen Reservisten, denen wegen der Mißhandlung irakischer Gefangener im Gefängnis von Abu Ghraib Verstöße gegen das Militärstrafgesetzbuch (Uniform Code of Military Justice) vorgeworfen werden, müssen sich von diesem Mittwoch an in Bagdad vor Militärgerichten verantworten. Alle Beschuldigten gehören der 372. Militärkompanie der Heeresreserve aus Cresaptown im amerikanischen Bundesstaat Maryland an.
Bilder von nackten Gefangenen
Der erste Prozeß findet an diesem Mittwoch gegen den 24 Jahre alte Jeremy Sivits statt. Er ist gelernter Kraftfahrzeugmechaniker, der seinen Lebensunterhalt vor dem Militärdienst vorwiegend als Hilfskraft bei McDonald's verdiente. Dem verheirateten Reservisten wird Verabredung zur Mißhandlung von Gefangenen und Pflichtversäumnis vorgeworfen, da er es fahrlässig unterlassen habe, Inhaftierte vor Mißhandlung und Grausamkeiten zu schützen. Ihm droht schlimmstenfalls eine Freiheitsstrafe von einem Jahr. Sivits wird vor allem vorgeworfen, im November Bilder von nackten und zu einer Pyramide gestapelten Gefangenen gemacht zu haben.
Schon vor dem Prozeß gegen ihn gab es Meldungen, der Soldat habe sich zur Zusammenarbeit mit den militärischen Ermittlern bereit erklärt und werde sich in Erwartung einer milden Strafe schuldig bekennen. Es wird zudem vermutet, daß er in späteren Prozessen gegen Kameraden seiner Einheit aussagen wird, von denen er einige bereits schwer belastete. Bei seiner Vernehmung im Januar sagte er, im Gegensatz zu diesen habe er die Demütigungen und Mißhandlungen von Gefangenen nicht komisch gefunden. Doch habe er mit jedermann befreundet sein wollen und deshalb Stillschweigen bewahrt. Befehle Vorgesetzter zu den Mißhandlungen hat es nach Angaben von Sivits nicht gegeben.
Sieben Straftaten
In den drei anderen Fällen wird an diesem Mittwoch die Anklage verlesen; die Verfahren sollen später beginnen. Der 35 Jahre alte Charles Graner aus Uniontown, Pennsylvania, muß sich wegen sieben Straftaten verantworten. Ihm werden Mißhandlung von Inhaftierten, Körperverletzung, unzüchtiges Verhalten, Verabredung zur Mißhandlung von Gefangenen, Pflichtverletzung, Behinderung der Justiz und Ehebruch vorgeworfen. Der letzte Anklagepunkt bezieht sich auf eine sexuelle Beziehung zu der 21 Jahre alten Reservistin Lynndie England, die mit Graner neben mißhandelten Gefangenen posierte und von ihm ein Kind erwartet.
Graner, der früher bei der Marineinfanterie diente und diese als Obergefreiter verließ, arbeitete einige Jahre als Wachmann in einem Hochsicherheitsgefängnis. Nach Aussagen von Sivits, der Graner als einen der Rädelsführer der Mißhandlungen darstellte, hat dieser Gefangene in Abu Ghraib gezwungen, sich zu entkleiden, und sich über die darauffolgenden Demütigungen lustig gemacht. Einen Inhaftierten, der gezögert habe, sich auszuziehen, habe er derart hart mit der Faust an die Schläfe geschlagen, daß der Mann ohnmächtig geworden sei. Außerdem habe Graner sadistische Freude daran gehabt, einem Häftling auf dessen Schußwunden zu schlagen. Der Anwalt des Unteroffiziers sagte, Sivits versuche die Verantwortung für die Taten auf die anderen Angeklagten abzuwälzen. Im übrigen hätten Graner und die anderen beschuldigten Militärpolizisten auf Anweisung militärischer und ziviler Ermittler gehandelt.
Nur Befehle befolgt
Der 26 Jahre alten Feldwebel Javal Davis aus Nottingham, Maryland, muß sich ebenfalls wegen schwerer Verfehlungen verantworten. Er ist wegen Mißhandlung von Gefangenen und Körperverletzung angeklagt. Außerdem werden ihm Verabredung zur Mißhandlung, Pflichtversäumnis und Falschaussage gegenüber einem Ermittler vorgeworfen. Nach der Anklageschrift hat Davis, der einzige Farbige unter den bisher Angeklagten, gefesselte Gefangene aufeinandergetürmt und ist dann auf deren Körper gesprungen. Der Soldat, der seit fast sieben Jahr beim Heer und seit 13 Monaten im Irak ist, rechtfertigte sein Verhalten damit, daß die Militärpolizei Anweisungen bekommen habe, sich die Inhaftierten vor Verhören vorzunehmen.
Auch Davis' Anwalt behauptet, sein Mandant habe nur Befehle befolgt. Als der Feldwebel Zweifel an manchen Verhörmethoden geäußert habe, sei ihm gesagt worden, die Ermittler brauchten weitere Informationen von den Gefangenen und als Soldat habe er, Davis, zu gehorchen. Bei seiner Vernehmung vor einigen Monaten hatte der Militärpolizist angegeben, er sei im Zusammenhang mit Verhören von Gefangenen Zeuge von Vorfällen geworden, die er "moralisch" in Frage gestellt habe. Doch habe man ihm und seinen Kameraden mitgeteilt, daß der militärische Geheimdienst nach anderen Regeln arbeite als die Militärpolizei. Davis arbeitet im zivilen Leben als Verkäufer.
Elektroden an den Händen
Oberfeldwebel Ivan Chip Frederick aus Buckingham, Virginia, ist mit 37 Jahren der Älteste unter den angeklagten Militärpolizisten und wurde von Sivits als einer der Anführer bei der Mißhandlung von Gefangenen beschrieben. Der Oberfeldwebel, der zuvor als Gefängniswächter arbeitete und mit einer Gefängniswärterin verheiratet ist, ist aufgrund der Vorfälle in Abu Ghraib wegen Körperverletzung, Mißhandlung, Verabredung zur Mißhandlung sowie Pflichtversäumnis angeklagt. Außerdem wird ihm unzüchtiges Verhalten vorgeworfen. Dieser Anklagepunkt bezieht sich auf Vorwürfe, Frederick habe Gefangenen Masturbation befohlen.
Außerdem soll der Oberfeldwebel unter jenen Soldaten gewesen sein, die die Marter für einen auf einer Kiste stehenden Gefangenen mit Elektroden an den Händen ersonnen. Dem Häftling, über dessen Kopf man einen Sack gestülpt hatte, war angedroht worden, er werde einen tödlichen elektrischen Schlag erhalten, wenn er von der Kiste falle. Wie Graner und Davis behauptet auch Frederick, Werkzeug militärischer Ermittler gewesen zu sein. Über deren angebliche Methoden schrieb er in einem Brief an Verwandte, daß ein Häftling an den Folgen eines Verhörs gestorben sei, was die Ermittler versucht hätten zu vertuschen. Als er, Frederick, gegenüber einem Vorgesetzten kritische Fragen zum Umgang mit den Gefangenen in Abu Ghraib gestellt habe, sei ihm geantwortet worden, er solle sich keine Sorgen machen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2004 / Nr. 116
Bildmaterial: AP