Von Daniel Deckers
06. Juni 2007 Am Abend des 1. Mai empfängt der Tower des Flughafens der mauretanischen Hafenstadt Nouadhibou einen Funkspruch. Die Besatzung einer zweimotorigen Cessna bittet wegen technischer Probleme um Landeerlaubnis. Um 21.23 Uhr kommt die Maschine auf einem entlegenen Teil des Flughafens zum Stillstand. Als die Flughafenfeuerwehr eintrifft, lassen die Piloten in Panik die Motoren an und fliegen davon. Am Boden bleiben 21 Pakete mit insgesamt 600 Kilogramm Kokain zurück.
Das Vorkommnis gibt den Behörden Rätsel auf. Wurde das Kokain aus dem Flugzeug ausgeladen, oder sollte es, aus dem Hafen kommend, auf dem Luftweg weitertransportiert werden? Nur eines ist gewiss. Obwohl das Flugzeug mit Zusatztanks ausgerüstet war, geht die Cessna mit der fiktiven Kennung N983 SERA etwa hundertfünfzig Kilometer von Nouadhibou entfernt in der Wüste nieder.
Weniger als 36 Stunden später werden ein Mauretanier sowie ein Marokkaner unter dem Vorwurf verhaftet, an dem Kokainschmuggel beteiligt zu sein. Ein dritter Tatverdächtiger, so berichtet es die mauretanische Nachrichtenagentur Al Akhbar, sei flüchtig: Es handele sich um einen Sohn eines ehemaligen mauretanischen Staatspräsidenten.
Afrika ist die neue Rauschgiftfront
Das bizarre Vorkommnis könnte als Teil eines neuen James-Bond-Drehbuchs durchgehen, doch illustriert es eine dramatische Entwicklung, die der italienische Diplomat Antonio Maria Costa mit den Worten bezeichnet, Westafrika sei unter Feuer. Costa ist Direktor des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Wien. Doch muss er nicht drastische Worte wählen, um die Geberstaaten, vor allem die europäischen, für seine Arbeit zu gewinnen? Und zeichnet der jüngste World Drug Report nicht ein vergleichsweise undramatisches Bild des Kokainschmuggels in Afrika? Im Jahr 2005 entfielen von den Kokain-Sicherstellungen in der ganzen Welt auf Afrika gerade einmal ein Prozent.
Im Generalsekretariat von Interpol kennt man diese Zahl auch. Doch die Wortwahl des Kriminalisten Steve Brown ist nicht weniger drastisch. Afrika ist die neue Rauschgiftfront, sagt Brown. Auf dem Tisch liegt ein Interpol Cocaine Alert, eine Warnung, die am 2. Februar allen Verbindungsbüros zur Verfügung gestellt wurde. Von Kokain-Sicherstellungen am Flughafen der marokkanischen Hafenstadt Casablanca ist darin die Rede und von einer steigenden Zahl von Afrikanern aus Conakry und Bamako, den Hauptstädten Guineas und Malis, die mit Royal Air Maroc vorzugsweise nach Spanien fliegen wollten - alle mit fünfzig bis hundert Päckchen Kokain im Darm.
Nahezu alle Kuriere seien männlich, einige besäßen die malische Staatsbürgerschaft und eine spanische Aufenthaltserlaubnis. Die meisten indes seien Nigerianer - wie an jenem 10. Dezember 2006, als die niederländischen Sicherheitskräfte am Flughafen Schiphol unter den Passagieren eines Fluges von Casablanca 32 Kokainschmuggler entdeckten, darunter 28 Nigerianer.
Nigerianische communities als Drehscheiben
Die Schrotflinten-Methode ist nicht neu: Möglichst viele Kuriere auf einem Flug, um möglichst vielen ein Durchkommen zu ermöglichen, so gelangte lange Zeit viel Kokain auf direktem Weg von den Niederländischen Antillen nach Amsterdam. Seit die Holländer sogenannte 100-Prozent-Kontrollen in Schiphol vornehmen, ist der Kokainschmuggel auf dieser Route stark zurückgegangen.
Nicht ungewöhnlich ist auch die Beteiligung von Nigerianern. Seit Mitte der achtziger Jahre sind Westafrikaner mit einem nigerianischen Pass im internationalen Rauschgiftschmuggel aktiv. Von Thailand bis Großbritannien, von den Vereinigten Staaten bis Südafrika dienen nigerianische communities als Logistik-Drehscheiben vorzugsweise für den Transport von Heroin von Asien über Ost- sowie Westafrika in die Vereinigten Staaten.
Doch neu ist für Brown, dass seit kurzem nahezu alle Staaten in Westafrika rund um den Golf von Guinea und entlang der Atlantikküste in den Kokainschmuggel von Südamerika nach Europa eingebunden werden: Ghana und Senegal, Guinea-Bissau und Mauretanien, ja selbst Marokko und Libyen.
Schmuggel risikoreicher
Auch im Europäischen Polizeiamt (Europol) in Den Haag ist man längst mit diesem Thema befasst. Dank besserer Überwachung des direkten Seewegs von der Karibik nach Westeuropa durch die Marine verschiedener europäischer Staaten und besserer Kontrollen in den europäischen Häfen sei der Transport großen Mengen Kokains von kolumbianischen, venezolanischen Häfen oder den Niederländischen Antillen durch die Karibik risikoreicher geworden, erläutert Richard Weijenburg, der Leiter der Rauschgiftabteilung von Europol.
Auch die Methode, größere Kokainmengen auf hoher See auf kleinere Schiffe wie portugiesische Fischkutter oder niederländische Hochseeyachten umzuladen, sei längst nicht mehr so risikoarm wie in den neunziger Jahren, heißt es in Den Haag. Körperschmuggler haben auf Direktflügen von Südamerika nach Europa ebenfalls kaum noch Chancen, ihre gefährliche Fracht sicher an den Bestimmungsort zu bringen.
Preisverfall und starker Euro
Warum also nicht den Weg über Afrika wählen und das Kokain dort so lange zwischenlagern, bis es seine Abnehmer in Europa gefunden hat und in kleineren Mengen entweder über den Atlantik oder den kombinierten Land-/Luftweg über Nordafrika nach Europa transportiert werden kann? Lukrativer als derzeit war Europa für die Kokainproduzenten in Kolumbien, Bolivien und Peru und die international agierenden Schmugglerringe nie. Denn seit einigen Jahren geht die Nachfrage nach Kokain in den Vereinigten Staaten zurück. Ein Preisverfall ist die Folge.
Gleichzeitig hat die Nachfrage nach dem Rauschgift in Europa, allen voran in Großbritannien und in Spanien, Rekordhöhe erreicht. Diese Entwicklung kommt in Zeiten eines starken Euro zumal den kolumbianischen Kriminellen doppelt gelegen. Die haben nämlich ihre Vorherrschaft im Kokain-Transit durch Zentralamerika und im Großhandel innerhalb der Vereinigten Staaten seit Ende der neunziger Jahre an die Mexikaner verloren. Anstatt sich aus dem gewinnbringenden Rauschgifthandel zurückzuziehen, besannen sie sich auf die Kontakte, die sie in den achtziger und neunziger Jahren unfreiwillig in europäischen und amerikanischen Gefängnissen mit Nigerianern geknüpft hatten, und verlegten sich auf den Ausbau der Afrika-Route für südamerikanisches Kokain nach Westeuropa.
Fischfang längst unrentabel
Mit unauffälligeren mexikanischen oder venezolanischen Pässen versehen, gründeten Kolumbianer in den vergangenen Jahren in vielen Hafenstädten rund um den Golf von Guinea kleine Fischerei- oder Transportunternehmen, um ihrem Aufenthalt einen legalen Anstrich zu geben. Freilich: Die Überfischung der Fanggründe vor Westafrika durch Schiffe aus Asien und einigen Ländern Osteuropas und die hohen Betriebskosten der oft völlig heruntergekommenen einheimischen Schiffe haben den Fischfang längst unrentabel gemacht, sagt ein ranghoher senegalesischer Rauschgiftfahnder, der aus Sorge um seine Sicherheit seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.
Das Bild, das der Polizeioffizier zeichnet, ist bestürzend. Hin und wieder sprechen die Schmuggler die einheimischen Besitzer einer kleinen Flotte von Fischerbooten oder einzelner Boote an, wobei diese selten auf deren Angebot eingehen, das Kokain auf ihren Schiffen in die Häfen zu transportieren, sagt er. In der Regel kaufen die europäischen Schmuggler die alten Boote und versprechen, sie auf eigene Kosten wieder seetüchtig zu machen. Da sie aber wissen, dass die Schiffe jeden Moment beschlagnahmt werden können, kümmern sie sich um deren Zustand nicht.
Die afrikanischen Fischer aber treibt die schiere Not, von ihrer Arbeit noch halbwegs leben zu können. Also fahren sie einige hundert Seemeilen auf den Atlantik hinaus, wo sie das Rauschgift von sogenannten Mutterschiffen übernehmen, die mehrere Tonnen Kokain an Bord haben.
Schwache Kontrollen bei Luftfracht
In kleinen Häfen wird das Kokain angelandet und in Privathäusern oder Fabrikgebäuden so lange zwischengelagert, bis der Weitertransport nach Europa verabredet ist und die Ware ihren Weg nimmt - wieder mit kleinen Fischerbooten oder Kuttern hinaus auf den Atlantik, in Stückgutfrachtern oder in Containern auf Handelsschiffen verborgen, auf dem Luftweg in den Eingeweiden von Körperschmugglern oder per FedEx, UPS, DHL als Luftfracht. Wo Zeit Geld ist und die Sendungen im Weltmaßstab binnen weniger Stunden umgeladen und weitertransportiert werden müssen, bleiben die Kontrollen auf der Strecke, heißt es bei Interpol.
Nur auf den Kapverdischen Inseln und im Senegal scheint es mit Unterstützung europäischer Regierungen und von UNODC gelungen zu sein, der kriminellen Energie der Rauschgiftschmuggler halbwegs funktionierende Sicherheitskräfte entgegenzusetzen. In Dakar steht sogar eine Anlage, mittels der Seecontainer - wie in europäischen Häfen auch - durchleuchtet werden können - es ist allerdings die einzige in der gesamten Region.
Schlecht bezahlte Polizisten
Umso stärker bedroht sind die Nachbarländer von Mauretanien im Norden über Gambia, Guinea-Bissau, Guinea, Sierra Leone und Liberia über die Elfenbeinküste und Ghana bis nach Togo im Süden. Schlecht bezahlte Polizisten, die oft monatelang kein Gehalt beziehen und wenn sie überhaupt über Fahrzeuge verfügen, das Benzin zum Teil aus der eigenen Tasche bezahlen müssen, korrupte Verwaltungsbeamte und Politiker, die über die neuen Profitmöglichkeiten alles andere als unglücklich sind - ein besseres Umfeld als Westafrika für kriminelle Machenschaften vom Kokainschmuggel über abgelegene Flugfelder bis zur Geldwäsche in Metropolen wie Dakar oder der nigerianischen Hauptstadt Lagos lässt sich schlechterdings nicht denken. Die Polizei des westafrikanischen Musterlandes Ghana wurde in den vergangenen Monaten durch mehrere Skandale im Zusammenhang mit der Bestechung bis in die höchsten Ränge erschüttert.
Nach allem, was man bei Interpol aus Mittelamerika und Osteuropa weiß, ist nicht damit zu rechnen, dass das Rauschgift nur aufbewahrt und dann weitertransportiert wird. In Mittelamerika bezahlten die Kokainschmuggler längst nicht mehr mit Dollar, sondern mit Rauschgift, heißt es in Lyon. Das aber muss unter der ansässigen Bevölkerung zu Geld gemacht werden. So weit scheint es in Westafrika noch nicht gekommen zu sein. Aber es wäre fahrlässig, nicht mit einer Ausbreitung des Rauschgiftgebrauchs auch dort zu rechnen.
Geben Sie mir 20 Millionen Dollar
Die Erfahrungen in Mittelamerika lehren auch, dass dort, wo es um Rauschgift und um viel Geld geht, immer auch mit Korruption und einer Eskalation von Gewalt zu rechnen ist, und sei es unter rivalisierenden Gruppen. Bandenkriege wurden aus Westafrika bislang nicht berichtet. Doch die Korruption, die mit dem Rauschgifttransit einhergeht, hat inzwischen nicht nur in den armen Staaten der Region bedrohliche Ausmaße angenommen.
In den vergangenen Monaten wurden in Ghana mehrere hohe Polizeioffiziere der Zusammenarbeit mit den Kokain-Kriminellen überführt. Das dürfte aber nur die Spitze des Eisbergs sein. Um die Gefahr zu illustrieren, die von der Rauschgiftkriminalität für die ohnehin notorisch schwachen Staaten Westafrikas ausgeht, ließ sich neulich ein ranghoher Politiker aus der Region mit den Worten vernehmen: Geben Sie mir 20 Millionen Dollar, und Sie werden mich nicht mehr Herr Minister nennen, sondern Herr Präsident.
Zwanzig Prozent werden durch Afrika geschmuggelt
Mag denn auch im vorvergangenen Jahr nur ein Prozent oder etwa vier Tonnen des weltweit sichergestellten Kokains in Westafrika aus dem Verkehr gezogen worden sein, so schnellen die Sicherstellungsraten mittlerweile nach oben: Im Februar 2006 drei Tonnen Kokain auf dem Fischtrawler Bahia Azul, der, von Dakar kommend, mit einem mexikanischen Kapitän, einem Ukrainer und ghanaischen Matrosen an Bord Kurs auf die Kanarischen Inseln genommen hatte, 1,9 Tonnen in einem Lagerhaus in einer ghanaischen Hafenstadt im Mai 2006, 14 Tonnen an Bord eines aus Peru stammenden Schiffes im Juni 2006 - das dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein.
Auch UNODC-Direktor Costa macht sich keine Illusionen: Zwanzig Prozent des für Europa bestimmten Kokains werden mittlerweile durch Afrika geschmuggelt, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Cessna, die zu Beginn dieses Monats in der mauretanischen Wüste niederging, kam im Übrigen wohl auf direktem Weg aus Venezuela. Über einen der beiden verdächtigen Mauretanier führt die Spur weiter nach Deutschland: Der Sohn des ehemaligen Staatspräsidenten ist hier als Asylbewerber anerkannt.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
