Südafrika

Heimkehr in panischer Angst

Von Thomas Scheen, Johannesburg

22. Mai 2008 Es sind Szenen, wie man sie bislang nur aus Kongo oder Kenia kannte: Zu Tausenden drängen sich seit Tagen die Opfer der fremdenfeindlichen Übergriffe in Südafrika in Kirchen, Gemeindesälen und Polizeistationen. Die Flüchtlinge besitzen häufig nicht mehr als das, was sie am Leib tragen, nachdem die Angreifer ihnen alles abgenommen haben bis hin zu ihren Personalausweisen. Es gibt kaum Wasser, keine sanitäre Einrichtungen und bestenfalls eine Mahlzeit am Tag.

42 Tote und mehr als 16.000 Obdachlose lautet die offizielle Bilanz der seit fast zwei Wochen dauernden Raserei gegen alles, was nicht südafrikanisch ist. Begonnen hatten die Ausschreitungen am 11. Mai in dem Slum Alexandra, um sich anschließend auf etwa 20 Elendsviertel im Norden, Westen und Süden der Metropole Johannesburg auszuweiten. Die Einheimischen werfen den Ausländern vor, ihnen die Arbeitsplätze wegzunehmen und kriminell zu sein. Die inoffizielle Arbeitslosenrate in Südafrika liegt bei 40 Prozent. 43 Prozent der etwa 45 Millionen Südafrikaner leben unterhalb der Armutsgrenze.

Es drohen Ausschreitungen in anderen Städten

Obwohl sich die Lage in den Johannesburger Elendsvierteln in den vergangenen beiden Tagen deutlich entschärft hat, drohen nun Ausschreitungen in anderen Städten. In der Hafenstadt Durban war es am Mittwoch zu einer ausländerfeindlichen Demonstrationen gekommen, die allerdings schnell unter Kontrolle gebracht werden konnte. In der Industriestadt Secunda in der Provinz Mpumalanga wurde nach Angaben der Polizei am Donnerstag ein Moçambiquaner durch Schüsse verletzt. Zwei Busse wurden in Brand gesteckt sowie mehrere Geschäfte, die Einwanderern aus Zimbabwe und Somalia gehören sollen.

Die südafrikanische Regierung billigte am Mittwochabend den seit Tagen geforderten Einsatz der Armee. Das ist der erste Einsatz der südafrikanischen Armee im Inneren seit dem Ende der Apartheid 1994. Mbeki selbst wollte sich dazu nicht äußern und reiste am Mittwochabend zu einem Treffen der Afrikanischen Union nach Tansania.

Gleichwohl relativierte die Sprecherin der südafrikanischen Polizei, Sally de Beer, den Einsatz der Streitkräfte. Es gehe dabei in erster Linie um Material und Ausrüstung für die Polizei, unter anderem Hubschrauber und Transportfahrzeuge. Soldaten würden ausschließlich zur logistischen Unterstützung der Polizei eingesetzt. In Johannesburg werden seit Tagen Sondereinheiten der Polizei aus allen Landesteilen zusammengezogen. Militärpatrouillen in Townships stünden nicht zur Debatte, sagte de Beer.

Die Züge zur Grenze sind überfüllt

Obwohl die südafrikanische Regierung die Gewalt einmütig verurteilt und eine Deportation der Ausländer in ihre Herkunftsländer kategorisch ausgeschlossen hat, haben sich viele der Flüchtlinge aus schierer Angst um ihr Leben mittlerweile auf den Heimweg gemacht. Die staatliche Eisenbahngesellschaft Transnet meldete, dass ihre Züge nach Komatipoort an der Grenze zu Moçambique seit Tagen regelrecht gestürmt würden. Aus Angst vor weiteren Übergriffen fahren die Züge mittlerweile unter Polizeischutz.

Ungeachtet der Sicherheitsgarantien der Südafrikaner hat die moçambiquanische Regierung zusätzlich Busse gemietet, um ihre Landsleute, die vor allem in der Polizeistation von Primrose im Westen Johannesburgs Schutz gesucht haben, nach Maputo zu bringen. Wie viele Moçambiquaner in Südafrika leben, ist unbekannt. Schätzungen gehen von einer Million aus.

Die Mehrzahl der Flüchtlinge in Johannesburg stammt aber aus Zimbabwe. Bis zu drei Millionen Zimbabwer sollen seit Beginn der Krise in ihrem Land im Jahr 2000 nach Südafrika geflüchtet sein. Für diese Menschen stehen keine Busse bereit, und die zimbabwische Regierung hat bislang auch keine Anstalten gemacht, ihren Landsleuten in irgendeiner Form helfen zu wollen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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