Gefechte im Libanon

Der Krieg der anderen

Von Markus Bickel, Tripoli

Der Sarg eines getöteten libanesischen Soldaten wird durch Tripoli getragen

Der Sarg eines getöteten libanesischen Soldaten wird durch Tripoli getragen

22. Mai 2007 Rana Ainbi kann es noch immer nicht fassen. „Diese Männer behaupten von sich, Muslime sein“, schimpft die 53 Jahre alte Frau, „dabei sind sie in Wirklichkeit nichts als Verbrecher“. Gemeinsam mit ihrem Mann Ibrahim steht sie auf dem Balkon ihrer Wohnung im Tripoliter Stadtviertel Zahiriyya. Die Decke des Balkons ist voller Einschusslöcher, schlaff hängt die libanesische Fahne mit der grünen Zeder von der Häuserwand im vierten Stock des schlichten Wohnhauses.

Seit über dreißig Jahren schon wohnt das Ehepaar hier, doch was am Wochenende passierte, haben es nach eigenem Bekunden selbst während des Bürgerkrieges zwischen 1975 und 1990 nicht erlebt: Nur zwei Etagen tiefer hatten sich den ganzen Sonntag über drei militante Islamisten verschanzt, von den libanesischen Behörden als Mitglieder der im vergangenen November gegründeten Organisation Fatah al-Islam bezeichnet. Erst nach stundenlangen Gefechten mit der libanesischen Armee gaben sich die selbsternannten Gotteskrieger geschlagen: Einer der Kämpfer sprengte sich im Hausflur mit einem Bombengürtel in den Tod, die beiden anderen Kämpfer wurden im Kugelhagel der Soldaten getötet.

Der Hausflur von Einschusslöchern durchsiebt

Zwei Tage später sind die Spuren in der Maderis-Straße noch immer nicht beseitigt. Die Wucht der Explosion des Sprengstoffs brachte im Erdgeschoss des schlichten Wohnhauses eine ganze Treppenstufe zum Zerbersten, bis in die zweite Etage ist das gelb gestrichene Treppenhaus von Einschusslöchern übersät, Kabel ragen aus der Wand. Wutentbrannt kommt eine mit Kopftuch bedeckte Frau durch die Eingangstür gelaufen, ihren kleinen Sohn an der Hand. „Machen Muslime so etwas?“ ruft sie voller Empörung. „Binden sich gläubige Menschen Sprengstoff um den Bauch?“ Ihre drei älteren Söhne dienten in der libanesischen Armee, das sei der geeignete Ort für anständige Libanesen, sagt sie – „für Christen wie für Muslime“.

In gleich drei Häusern in der von Autowerkstätten und kleinen Handwerksbetrieben gesäumten Maderis-Straße suchten die Islamisten am Wochenende Unterschlupf. Schräg gegenüber des Wohnhauses der Ainbis fließt Wasser aus dem Eingang eines der Verstecke. Plakate mit den Fotos des vor etwas mehr als zwei Jahren ermordeten früheren Ministerpräsidenten Rafik Hariri und seinem Sohn Saad, dem sunnitischen Mehrheitsführer im Parlament, hängen neben der geöffneten Tür. Auch hier ist der Hausflur von Einschusslöchern durchsiebt. Ein Polizist befragt die Nachbarn nach den Ereignissen.

„Damit muss endlich Schluss sein“

Überall auf der nur hundert Meter langen Maderis-Straße stehen an diesem Dienstag Anwohner und Arbeiter in kleinen Gruppen zusammen und rekonstruieren das, was am Wochenende passiert ist – die schlimmsten Gefechte im nordlibanesischen Tripoli seit Ende des Bürgerkrieges 1990. In einem scheint man sich eins zu sein: Mit den so genannten muslimischen Kämpfern will keiner etwas zu tun haben. „Wir sind hier alle Nachbarn“, sagt Jahija Kamar Ad-Diin, der direkt gegenüber des Wohnhauses der Ainbis eine Autowerkstatt unterhält. „Und wir unterstützen die Armee, unabhängig davon, ob wir politisch hinter der Regierung oder der Opposition stehen.“

Ad-Diins Haltung speist sich aus eigener Erfahrung: Den ganzen Bürgerkrieg über war der 1954 geborene Automechaniker selbst Soldat in seiner Heimatstadt Tripoli. Für ihn stellt die Armee das wichtigste Symbol nationaler Einheit dar, das die Zedernrepublik hat. „Immer haben äußere Kräfte versucht, sich den Libanon zu unterwerfen – seien es die Syrer, seien es die Palästinenser“, sagt der Vater von vier Töchtern. „Damit muss endlich Schluss sein.“ Auch das harrsche Vorgehen der Armee im knapp fünfzehn Kilometer nördlich von Tripoli gelegenen Palästinenserlager, wo sich rund 200 Fatah al-Islam-Kämpfer verschanzt haben, unterstützt er rückhaltlos. „Es kann nicht sein, dass andere ihre Kriege auf unserer Erde durchführen.“

Donnern der Artillerie über dem Palästinenserlager

Die nördliche Ausfahrtsstraße aus der historischen Hafenstadt Richtung syrischer Grenze wird an diesem Dienstag von Checkpoints der Armee verstellt, die die durchfahrenden Autos streng kontrollieren. Etwa zwei Kilometer vor der Einfahrt zum 40.000 Einwohner beherbegenden Palästinenserlager Nahr al-Barid ist kein Durchkommen mehr. Auf einem Gebäude links der Straßensperre haben sich Kamerateams und Fotografen verschanzt, hinter einem grün bewachsenen Hügel steigen mehrere schwarze Rauchsäulen empor. Und den ganzen Vormittag über schallt das dumpfe Donnern der Armeeartillerie über die hügelige Landschaft. Auch vom Meer beschießt die Marine das am Ufer gelegene Lager.

Noch am Montagabend herrschte Hoffnung, die Kämpfer von Fatah al-Islam würden einem Waffenstillstand zustimmen. Doch keine zwölf Stunden später hat sich die Situation nicht nur in Nahr al-Barid dramatisch verschlechtert: Auch in Tripoli, wo am Montag die Waffen schwiegen, brechen am Vormittag erneut Kämpfe aus. Mutmaßliche Fatah al-Islam-Mitglieder beschießen Regierungseinheiten auf der großen Ausgehmeile „Miyeten“, die schon am Sonntag Schauplatz von Gefechten war. Die von Cafés und Boutiquen gesäumte vierspurige Straße liegt nur zwei Kreuzungen von der Maderis-Straße entfernt. „Fahren Sie nicht dorthin, auf den Dächern lauern Sniper“, warnt ad-Diin vor der Weiterfahrt.

„Die wahren Muslime, das sind wir“

Die Ankündigung der Regierung von Premierminister Fuad Siniora, Fatah al-Islam zu zerschlagen, hält der Automechaniker für eine reine Absichtserklärung. „Diese Angelegenheit ist noch lange nicht erledigt“, sagt er, während er sich vor seinem Laden eine Zigarette anzündet. Zumal die militanten Islamisten weiter Unterstützung aus Syrien erhielten, wie er glaubt: „Die syrische Armee mag 2005 den Libanon verlassen haben, aber ihr Geheimdienst Mukhabarat ist immer noch unter uns.“ Und der unterstütze die in Tripoli seit Jahren stark vertretenen, mit saudi-arabischen Geldern geförderten, streng religiösen salafitischen Gemeinschaften.

„Wir brauchen Assad hier genauso wenig wie die vermeintlichen muslimischen Kämpfer“, sagt auch Rana Ainbi, die inzwischen vor ihr Haus getreten ist und sich mit ein paar Nachbarn unterhält. „Die wahren Muslime, das sind wir.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS

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