05. September 2004 Rußland hat am Sonntag um die vermutlich 400 Toten des Geiseldramas in der Schule im nordossetischen Beslan getrauert. Die offizielle Totenzahl wurde in der Nacht zum Montag von 335 auf 338 korrigiert, doch wurden noch zahlreiche Menschen vermißt. In Beslan nahmen am Sonntag hunderte Bewohner Abschied von den ersten zwanzig Todesopfern.
Vor der Schule legten die Angehörigen Blumen und gefüllte Wasserflaschen nieder zur Erinnerung an die Kinder, die zum Schluß ohne Wasser in der Schule von mehr als 30 Terroristen gefangengehalten worden waren. Von den Terroristen wurden nach Angaben des Inlandsgeheimdienstes FSB 30 getötet, drei konnten entkommen, drei wurden festgenommen. Sie hätten wichtige Aussagen gemacht, hieß es, ohne daß Einzelheiten mitgeteilt wurden.
Angriff auf Rußland
Die Geiselnahme war von Magomed Jewlojew, einem 25 Jahre alten Anhänger des bekanntesten tschetschenischen Terroristen Schamil Bassajew angeführt worden. Auch er wurde in der Schule getötet. Präsident Putin hatte am Samstag morgen Verletzte in Beslan besucht. Er sagte, daß jeder, der mit solchen Taten Sympathie empfinde, selbst als Terrorist betrachtet werde. Ziel der Geiselnehmer sei es gewesen, Haß unter den Völkern des Kaukasus zu säen und die ganze Region zum Aufruhr zu bringen.
In einer Fernsehansprache am Samstag abend gestand Putin Fehler ein. Man habe die Gefährlichkeit der Entwicklungen im Land unterschätzt und habe auf die Bedrohung nicht angemessen reagieren können. "Wir haben Schwäche gezeigt, und Schwache werden geschlagen", sagte Putin. Er kündigte eine Reform von Streitkräften, Polizei und Geheimdiensten an, deren Zusammenarbeit verbessert werden müsse. Die Geiselnahme sei "ein Angriff auf Rußland" gewesen, eine "direkte Intervention des internationalen Terrorismus". Putin sprach auch von einem "totalen Krieg" gegen Rußland. Es gebe nur eine Wahl: zu kämpfen oder vor den Terroristen zu kapitulieren, sagte Putin, der für diesen Montag und für Dienstag Staatstrauer anordnete. Die Angaben über die Opfer des Blutbades vom Freitag schwankten auch noch am Sonntag. Während man in einer Leichenhalle allein von 394 Toten sprach, lagen die offiziellen Zahlen niedriger. Zudem wurden mehr als zweihundert Menschen vermißt.
Bush sichert Unterstützung zu

Eine Mutter besucht mit ihrem Kind den Ort des Grauens - die ausgebrannte Turnhalle der Schule in Beslan
In Moskau wollte der Föderationsrat über eine Verschärfung der Anti-Terror-Gesetze beraten. "Es geht beispielsweise um härtere Strafen für den Transport von Sprengstoffen, Unterstützung von Terroristen und der Vorbereitung von Terroranschlägen", erklärte Senator Stanislaw Wawilow die Pläne der Regionenvertretung. Der liberale russische Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow forderte einen unabhängigen Untersuchungsausschuß. Sonst werde das russische Volk "die Wahrheit nie erfahren", sagte der Duma-Abgeordnete.
Der blutige Ausgang des Geiseldramas rief weltweit Erschütterung hervor. Der amerikanische Präsident Bush sicherte Rußland Unterstützung beim Kampf gegen Terroristen zu. "Wir haben das Entsetzen des Terrorismus in Rußland gesehen, und ich kann die herzzereißende Furcht der Mütter und Väter dieser russischen Kinder nachfühlen", sagte er. Das Blutbad in Beslan rufe "grausam das Wesen der Terroristen in Erinnerung, mit denen wir es zu tun haben". Deshalb müsse Amerika "stark und wachsam und unnachgiebig" sein. "Wir müssen sie ihrer gerechten Strafe zuführen", sagte Bush.
Spirale von Haß und Gewalt darf nicht Oberhand gewinnen"
Papst Johannes Paul II. äußerten sich entsetzt, warnte aber zugleich Moskau indirekt vor einer weiteren Zuspitzung der Lage im Kaukasus: "Die Spirale von Haß und Gewalt darf nicht die Oberhand gewinnen." Bundeskanzler Schröder (SPD) lehnte es ab, die Tschetschenien-Politik des russischen Präsidenten öffentlich zu kritisieren. Verantwortlich seien die Terroristen, sagte Schröder am Samstag. Außerdem sei jetzt nicht die Zeit für Ratschläge. "Wir haben immer vertreten, daß es eine politische Lösung geben muß." Terroristen, die auf fliehende Kinder schießen, könnten keine Verhandlungspartner sein.
Text: mwe., Frankfurter Allgemeine Zeitung, dpa
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, F.A.Z., REUTERS