Gaskrise

Europas Streben nach Unabhängigkeit

Von Nikolas Busse, Brüssel

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08. Januar 2009 Die Gaskrise erinnert Europa an seine Achillesferse: Die EU ist mittlerweile zwar die größte Volkswirtschaft der Welt, zugleich aber in ihrer Energieversorgung weitgehend auf Importe angewiesen. Das betrifft nicht nur Gas, sondern auch andere Rohstoffe.

Beim Gas hat die Produktion in der EU 2001 ihren Höhepunkt überschritten, beim Öl sogar schon im Jahr 1999. Heute stammen mehr als fünfzig Prozent des europäischen Energieverbrauchs aus Einfuhren, beim Gas sind es mehr als 60 Prozent. Nach einer Schätzung, die die EU-Kommission im April vergangenen Jahres erstellen ließ, wird der Importanteil bis 2030 wahrscheinlich auf zwei Drittel steigen. 95 Prozent ihres Ölbedarfs und mehr als 80 Prozent ihres Gasverbrauchs werden die EU-Staaten dann voraussichtlich von Drittstaaten kaufen müssen.

Russland dürfte einer der wichtigsten Lieferanten bleiben

Bis zu sechzig Prozent des EU-Gasimports könnten in zwanzig Jahren von dort stammen, schätzt die Kommission. Im Jahr 2006, aus dem die letzten veröffentlichten Statistiken stammen, waren es noch 42 Prozent. Die EU hat derzeit nur zwei andere große Lieferanten: Norwegen mit einem Anteil von 24,2 Prozent und Algerien mit 18,2 Prozent. Dieses Problem ist seit langem bekannt. Schon im Jahr 2000, vor den ersten Gaskriegen zwischen Russland und der Ukraine, erstellte die EU-Kommission ein sogenanntes "Grünbuch" über die Energiesicherheit, in dem die EU als "Gulliver in Ketten" beschrieben wurde - so angewiesen ist Europa auf auswärtige Energielieferungen. Seitdem unternimmt die EU, angetrieben vor allem durch die Kommission, immer wieder neue Versuche, diese Abhängigkeit ein wenig zu mildern.

Eines der bisher konkretesten Projekte dazu ist der Bau der Pipeline Nabucco, die von der Türkei aus nach Österreich führen soll. Sie soll Russland umgehen, um Europa einen direkten Zugang zu den großen Gasvorkommen im kaspischen Raum und im Nahen Osten zu gewähren. Aus Turkmenistan und dem Irak gibt es bereits erste Lieferzusagen. Interessant wäre auch ein Bezug aus Iran, das nach Russland die weltweit zweitgrößten Gasreserven besitzt. Allerdings müsste dazu erst einmal der Atomstreit beigelegt werden.

Ausbau der erneuerbaren Energien

Der Klimaschutz ist nach dem Verständnis der EU Teil dieser Politik. Denn der Ausbau der erneuerbaren Energien auf 20 Prozent am Energieverbrauch bis 2020, den die Mitgliedstaaten verabredet haben, soll nicht nur die Erderwärmung bekämpfen, sondern auch neue heimische Energiequellen schaffen. Heute stammen erst neun Prozent des Energieverbrauchs in der EU aus erneuerbaren Quellen. Allerdings wären dann immer noch 80 Prozent der europäischen Energie aus herkömmlichen Brennstoffen zu decken. Für die Gasversorgung hat die Kommission deshalb kürzlich vorgeschlagen, mehr Flüssiggasterminals in der EU zu bauen. Das gäbe Zugang zu neuen Lieferanten in Übersee.

Alle diese Bemühungen laufen letztlich auf ein Ziel hinaus: Europa will sich mehr Bezugsquellen verschaffen, da sich an der Importabhängigkeit in den nächsten Jahrzehnten wohl nichts ändern lässt. Allerdings treten immer wieder interne Differenzen auf, die eine gemeinsame Politik erschweren. Einer der großen Streitpunkte der vergangenen Jahre war die Frage, ob die Ostseepipeline gebaut werden soll, die russische Gasfelder unter Umgehung Osteuropas direkt mit Deutschland verbinden soll.

Russischen Erpressungsversuchen hilflos ausgeliefert?

Offiziell ist der Bau für die EU ein wichtiges Projekt, weil damit nicht nur Deutschland, sondern auch die Benelux-Staaten, Schweden und vielleicht Frankreich und Großbritannien mit russischem Gas versorgt werden könnten. Ein Vorteil dieser Pipeline wäre, dass sie Transitländer wie die Ukraine umginge. In Polen ist das Vorhaben allerdings auf erbitterten Widerstand gestoßen, weil Warschau fürchtet, dass es russischen Erpressungsversuchen hilflos ausgeliefert wäre, wenn das Land nicht mehr für den Gastransit nach Westeuropa gebraucht wird.

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Da kommen grundsätzliche geopolitische Meinungsverschiedenheiten zum Ausdruck, die sich auch bei Themen wie Georgien-Krieg und Raketenabwehr in der EU beobachten lassen: Deutschland und Frankreich sind um ein enges Verhältnis zu Russland bemüht, während in den EU-Staaten, die früher Mitglied des Warschauer Paktes waren, großes Misstrauen gegenüber Moskau herrscht. In Polen reagierte man deshalb auf die jüngste Gaskrise wieder mit Kritik an der oft als zu nachgiebig empfundenen Russland-Politik der EU.

Reizthema Nuklearenergie

Eine einheitliche europäische Energiepolitik wird zudem immer wieder von unterschiedlichen Energiestrukturen in den 27 Mitgliedstaaten behindert, was sich nicht nur am Umgang mit dem Reizthema Nuklearenergie bemerkbar macht: In Frankreich ist sie der wichtigste Energieträger, in Großbritannien sollen neue Atomkraftwerke gebaut werden, Deutschland hat den Ausstieg beschlossen. Auch der Grad der Importabhängigkeit ist von Land zu Land sehr verschieden. Großbritannien und die Niederlande etwa verfügen noch über große Gasvorkommen, Bulgarien ist dagegen vollständig von den russischen Lieferungen über die Ukraine abhängig.

Nimmt man andere Energieträger hinzu, dann ergibt sich ein sehr gemischtes Bild. Kleine Mitgliedstaaten wie Zypern, Malta und Luxemburg müssen ihre Energie komplett im Ausland kaufen. Polen dagegen ist mit einer Abhängigkeit von etwa 20 Prozent noch am autarksten; das Land verfügt über eine große heimische Kohleförderung. Deutschland liegt mit 61 Prozent über dem EU-Durchschnitt von etwa 54 Prozent.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., reuters

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