Fall Litwinenko

War Kowtun der Polonium-Kurier?

Von Frank Pergande, Hamburg

11. Dezember 2006 Über den neuen James-Bond-Film, der seit drei Wochen in Deutschland läuft, können die Hamburger sagen: Da haben wir bei uns aber noch ganz andere Geschichten, und die sind auch noch wahr.

Da kommt jemand mit einer Aeroflot-Maschine aus Moskau nach Hamburg und hat radioaktives Material bei sich, Polonium 210. Der Mann scheint in Geschäften unterwegs, hat aber auch Kontakte zum russischen Geheimdienst. Auf dem Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel wird er erwartet und mit einem schwarzen Mercedes in die Stadt gebracht. Der Mercedes hat ein paar Wochen später einen Unfall. Totalschaden.

Drei Tage lang in Hamburg und Umgebung

Jener Mann aus Rußland hält sich drei Tage lang in Hamburg und Umgebung auf. Offenbar findet er in jeder Nacht ein anderes Quartier, als wolle er seine Spuren verwischen. Am 1. November besteigt er ein Flugzeug von Germanwings und fliegt nach London. Dort trifft er sich noch am selben Tag in der Bar des Luxushotels „Millennium“ mit zwei Leuten, Russen wie er.

Einer von ihnen ist Alexander Litwinenko, ein Kritiker der Politik des russischen Präsidenten und früherer Mann des Geheimdienstes. Litwinenko fühlt sich am Abend desselben Tages schlecht. Er wird ins Krankenhaus gebracht und stirbt drei Wochen später an der Vergiftung mit Polonium 210.

Ein Zeitungsbericht machte die Polizei aufmerksam

Der Mann aus Hamburg verschwindet wieder, offenbar direkt zurück nach Moskau. Zumindest gibt es keinen Hinweis, daß er noch einmal nach Hamburg gereist sein könnte. In Moskau jedenfalls soll er später ins Krankenhaus gekommen sein, auch er vergiftet durch Polonium. Der Mann heißt Dimitri Kowtun.

Auf seine Spur kam die Hamburger Polizei vor einer Woche. Bis dahin hatten die Hamburger mit den Ermittlungen über den Tod Litwinenkos nichts zu tun. Ein Zeitungsbericht aber machte sie aufmerksam. Darin war die Rede davon, daß Kowtun einer der Männer gewesen sein soll, die in der Hotelrunde gesessen hatten. Die Hamburger Polizei prüfte nun, ob dieser Kowtun der Mann ist, der in Hamburg lebt oder doch wenigstens gelebt hat.

Seit Jahren nicht gesehen

Diese Stelle ist ein wenig merkwürdig: Was genau hat die Polizei auf Kowtun aufmerksam gemacht? Es lag gegen ihn nichts vor, versichert die Polizei. Aber er war ihr bekannt. Zum Zweck der Gefahrenabwehr sollte geprüft werden, ob es nicht womöglich auch Polonium-Spuren in Hamburg gibt. Am Freitag begann der Polizeieinsatz. Extra zu diesem Zweck kamen Mitarbeiter der Zentralen Unterstützungsgruppe des Bundes per Hubschrauber angereist.

Kowtun war in der Erzbergerstraße 4 in Hamburg-Ottensen gemeldet. Dorthin fuhren die Ermittler am Freitag abend zuerst. Im Hauseingang begegnete ihnen zufällig die ehemalige Frau Kowtuns, die gerade mit ihrem Lebensgefährtem und ihrem Kind das Haus verlassen wollte. Die Polizei untersuchte zuerst Kowtuns Wohnung. Die Beamten waren sich da aber schon ziemlich sicher, daß sie nichts finden würden. Denn Kowtun war hier zwar gemeldet, aber schon seit Jahren nicht gesehen worden.

Spuren von Polonium am Stuhl und am Bett

Offenbar hatte die ehemalige Ehefrau schon gesagt, daß Kowtun bei ihr gewesen war. Nun wurde auch ihre Wohnung überprüft. Und dort fanden sich tatsächlich Spuren einer Strahlenquelle auf dem Sofa, wo Kowtun geschlafen hatte, und im Bad. Seit Sonntag ist auch klar, daß es sich, wie zuvor schon geahnt, um Polonium 210 handelt (siehe auch: Polizei bestätigt Polonium-Spuren „definitiv“).

In der Erzbergerstraße 4 stellte sich heraus, daß Kowtun auch bei der ehemaligen Schwiegermutter in Haselau im Landkreis Pinneberg (Schleswig-Holstein) eine Nacht geschlafen hatte. Es ist ein schönes, reetgedecktes Anwesen. Auch dort fanden sich Spuren von Polonium am Stuhl und am Bett. Wo Kowtun die dritte Nacht zugebracht hat, die erste seines Hamburg-Aufenthalts, wußten die Ermittler am Sonntag noch nicht. Auf jeden Fall war Kowtun beim Ausländeramt in Hamburg-Altona. Er hatte bislang ein Bleiberecht für Deutschland. Er mußte eine Unterschrift leisten - und prompt wurden Poloniumspuren auch auf der Akte entdeckt.

Frisch gewaschen in den Flieger?

Alle Personen, mit denen Kowtun während seines Hamburg-Aufenthalts Kontakte hatte und die bislang ausfindig gemacht werden konnten, waren, wie es beim eingeschalteten Bundesamt für Strahlenschutz heißt, „sauber“, also ohne radioaktive Spuren. Wer sonst noch Kontakt hatte, soll sich bei der Polizei melden. Gerade einmal ein Dutzend Anrufe gingen auf der dafür geschalteten Nummer seit Samstag ein. Vier Anrufer waren Kowtun tatsächlich begegnet. Die Ermittler suchten nun auch das Flugzeug, mit dem Kowtun nach London geflogen war. Es wurde in Köln gefunden, untersucht und wieder freigegeben: kein Polonium. In jedem Fall aber ist Kowtun mit der Maschine geflogen.

Entweder wurden die Spuren von Polonium beseitigt, weil das Flugzeug in der Zwischenzeit gründlich gereinigt worden ist. Oder Kowtun hatte die Maschine frisch gewaschen und mit frischer Kleidung bestiegen. Auch dann ist es möglich, daß er keine Spuren hinterlassen hat. Noch interessanter wäre, ob es in der Maschine von Aeroflot Poloniumspuren gibt. Eine entsprechende Anfrage an Rußland wurde bislang nicht beantwortet.

Scotland Yard unterstützt die Hamburger Ermittlungen

Auch über den jetzigen Aufenthaltsort und Zustand Kowtuns geben die Russen keine Auskunft. Die Nachrichtenagentur Interfax hatte gemeldet, Kowtun liege im Sterben. Für die Hamburger Staatsanwaltschaft ist Kowtun inzwischen ein Täter, allerdings nicht wegen des Mordes, sondern weil er unerlaubt radioaktive Substanzen bei sich trug. Ist er aber auch der Mörder Litwinenkos? „Das geben die Ermittlungen bislang nicht her“, heißt es übereinstimmend von Polizei, Staatsanwaltschaft und Bundesamt für Strahlenschutz.

Auch ist nicht klar, wie Kowtun das Polonium mit sich trug. In seinem Körper? Die Ermittler halten das für unwahrscheinlich. An seiner Kleidung? Das würde bedeuten, daß er in Moskau mit dem Polonium in Berührung gekommen ist. Beim Einpacken der Substanz? Oder nur beim Kontakt mit anderen? Die letzte Möglichkeit: Kowtun hat das Polonium nach London gebracht, um Litwinenko zu vergiften. Die Ermittlungen dauern an. Inzwischen ist auch ein Mann von Scotland Yard in Hamburg angekommen.



Text: F.A.Z., 11.12.2006, Nr. 288 / Seite 2
Bildmaterial: ddp, dpa

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