Von Bernhard Heimrich, London
19. Januar 2005 Wenige Tage nachdem ein amerikanisches Kriegsgericht einen Soldaten wegen der Folterung irakischer Zivilisten zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt hat, haben nun auch britische Militärrichter die jüngste Vergangenheit aufzuarbeiten.
Vor einem Kriegsgericht in einer britischen Kaserne in Osnabrück werden drei Soldaten der Rheinarmee beschuldigt, in einem Lager bei Basra im Mai 2003 ähnlichen Mißbrauch verübt zu haben, wie er aus dem amerikanischen Gefängnis Abu Ghraib bei Bagdad bekanntgeworden ist.
Sorge über die Wirkung der Fotos
Heute wie damals kann der uniformierte Ankläger den Richtern anstößige Fotos auf den Tisch legen. In London hat General Jackson, der Oberbefehlshaber der Armee, in einer persönlichen Stellungnahme jede Art von Mißhandlung durch britische Soldaten verurteilt. Politiker äußern Sorge über die möglichen Wirkungen der Fotos, die nun wieder in den Medien der arabischen Welt verbreitet werden.
Auch mehrere britische Zeitungen veröffentlichten am Mittwoch die Bilder. Schande und Schock lauteten einige der Überschriften über den Bildern, auf denen nackte Iraker zu sehen sind, die offenbar sexuelle Handlungen simulierten. Auf anderen Fotos werden Gefangene offenkundig geschlagen und mißhandelt. Die drei Soldaten haben sich für nicht schuldig erklärt.
Anders als im Fall Abu Ghraib gibt es bislang keine Vorwürfe systematischer Folter bei den britischen Truppen. Dennoch dürften die Bilder zur einem Wutausbruch in der arabischen Welt führen und den Ruf der britischen Armee beschmutzen, schreibt die Times". Die Financial Times sieht aus dem Skandal neue politische Risiken für Blair erwachsen, dessen enge Allianz mit den Vereinigten Staaten im Irakkrieg bei der Mehrheit der Briten auf Kritik gestoßen war. Die Debatte über den Irakkrieg könnte nun wieder angefacht werden und Labour-Wähler gegen die Regierung aufbringen - weniger als vier Monate vor den erwarteten Wahlen in Großbritannien, hieß es.
Empfindlich getroffen
Das Osnabrücker Verfahren wird drei bis vier Wochen dauern. General Jacksons Erklärung war ungewöhnlich, denn das Kriegsgericht war gerade erst eröffnet worden. Stellungnahmen zu laufenden Verfahren sind in Großbritannien aus juristischen Gründen strengstens verpönt. Deshalb war Jacksons Erklärung auch persönlich und grundsätzlich formuliert; er hat vorgeblich nicht als oberster Dienstherr dieser Angeklagten gesprochen.
Die Armee scheint auch deshalb so empfindlich getroffen, weil sie glaubt, sie übe ihre Besatzungsmacht zivilisierter aus als die nur für den rohen Krieg ausgebildeten amerikanischen Soldaten. Schon immer spukt in der britisch-amerikanischen Verwandtschaft die herablassende Vorstellung, die Briten seien für die Amerikaner, was in der Antike die Griechen für die Römer gewesen seien: ein zivilisatorisches Korrektiv für das brutale Machtdenken. Dieses Selbstverständnis wird jetzt ausgerechnet in einer ehemaligen Kaserne der deutschen Wehrmacht in Osnabrück schmerzlich seziert.
Codename Brotkorb
Die Vorfälle hatten sich ereignet, als kurz nach der Entmachtung Saddam Husseins britische Soldaten den Auftrag erhielten, irakische Plünderer dingfest zu machen und ihnen eine Lehre zu erteilen. Ort des Geschehens war ein britisches Nachschublager bei Basra mit Codenamen Brotkorb; das Unternehmen hatte den Namen Ali Baba. Nachdem die Soldaten den ganzen heißen Tag lang Plünderer verjagt hatten, die britische Vorräte für die irakische Zivilbevölkerung stehlen wollten, erging der Befehl, an einigen Gefangenen ein Exempel zu statuieren.
Das taten die Soldaten offensichtlich in derselben Art, wie Amerikaner es in Abu Ghraib trieben. In beiden Fällen wurde der Skandal nur deshalb ruchbar, weil die Folterer es offenbar nicht lassen konnten, Fotos von sich und ihren Beutemenschen zu machen und sich mit ihnen zu brüsten.
Schockierende Bilder
Im britischen Fall waren es, dem gewohnten technischen Rückstand entsprechend, nicht digitale Aufnahmen, sondern immer noch die Variante der guten alten Zeit: Ein Soldat brachte in seinem englischen Heimatstädtchen arglos seinen Film zum Entwickeln. Der Drogist erschrak, als er die Aufnahmen sah, und rief die Polizei; die gab den Film stracks der Armee weiter.
Der Anklagevertreter Nick Clapham legte dem Gericht 22 Fotos vor, auf denen die Mißhandlungen zu sehen sind. Es ist unbestreitbar, daß diese Bilder etwas Schockierendes und Abstoßendes zeigen, sagte er. In dem Fall hatte bereits ein britisches Militärgericht im niedersächsischen Bergen gegen einen 19jährigen Soldaten des gleichen Regiments verhandelt, der das Geschehen in der Halle fotografiert haben soll. Der Vorsitzende Richter hatte jedoch eine Nachrichtensperre über den Prozeß verhängt, damit die Jury aus Militärangehörigen in Osnabrück nicht beeinflußt wird
Text: FAZ.NET mit Material von Hr.; Reuters/AP
Bildmaterial: AP