Benedikt in Amerika

Päpstlicher Geburtstag im Weißen Haus

Von Matthias Rüb, Washington

Begrüßung auf dem Militärflughafen Andrews

Begrüßung auf dem Militärflughafen Andrews

16. April 2008 Barbara Blaine hat im Januar an den Papst geschrieben. Bisher ist keine Antwort gekommen. Die 51 Jahre alte Angestellte verschiedener katholischer Sozialdienste in Chicago und zeitlebens praktizierende Katholikin ist Gründerin und Vorsitzende des „Survivors Network for those Abused by Priests“ (Snap). Dieses „Überlebenden-Netz für von Priestern Missbrauchte“ hat nach eigenen Angaben 8000 Mitglieder und ist eine der Selbsthilfegruppen und Interessenvertretungen von Missbrauchsopfern der katholischen Kirche. Snap wird auch während des Papstbesuches die Stimme erheben - „nicht mit dem Megafon oder sonst wie störend“, wie Frau Blaine versichert. „Aber wir wollen die Leute wissen lassen, dass der Skandal um sexuellen Missbrauch noch nicht Geschichte ist.“

Vor wenigen Tagen haben Snap und andere Gruppen 19 weiße Papierkreuze auf den Bürgersteig vor dem Kapitol gelegt. Darauf waren die Fotos von Missbrauchsopfern zu sehen. Um einige der Fotos waren schwarze Rahmen gemalt. Es waren die Fotos jener Opfer, die sich später das Leben nahmen, weil sie „nie damit fertig wurden, was ihnen angetan wurde“, erklärt Becky Ianni, die zur kleinen Schar der Protestanten gehörte. Bei Barbara Blaine begann der Missbrauch durch ihren Priester, als sie zwölf Jahre alt war; Becky Ianni wurde schon mit neun Jahren missbraucht.

„Wir werden Pädophile vom heiligen Dienst absolut ausschließen“

Nun ist Papst Benedikt XVI. zu seinem sechstägigen Besuch in den Vereinigten Staaten eingetroffen. Das Oberhaupt der katholischen Kirche wurde auf dem Militärflughafen Andrews von Präsident George W. Bush und seiner Frau Laura begrüßt. An diesem Mittwoch trifft der Papst Bush im Weißen Haus.

Schon auf dem Flug von Rom nach Washington äußerte sich Benedikt XVI. „tief beschämt“ über die Serie von Missbrauchsfällen in Amerika. Die Kirche werde alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, damit es nie wieder zu solchem Kindesmissbrauch durch Würdenträger komme. „Wir werden Pädophile vom heiligen Dienst absolut ausschließen“, sagte der Papst.

12.000 Opfer in fünfzig Jahren

Es ist umstritten, ob die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten die schwerste Krise ihrer Geschichte inzwischen durch Reue, Schadenersatzzahlungen und Bitten um Vergebung überwunden hat oder ob sie weiter ihre eigene Unversehrtheit über jene der in ihre Obhut gestellten Schutzbedürftigen stellt. Die amerikanische Bischofskonferenz ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es glaubwürdige Berichte über mehr als 5000 Priester gibt, die sich seit 1950 an etwa 12.000 Kindern vergriffen haben. Bisher hatte die Kirche rund zwei Milliarden Dollar für Schadenersatz und Anwaltskosten aufzubringen.

Obwohl die größten Sammelklagen-Prozesse inzwischen mit Vergleichen beendet sind, werden weitere Gerichtsverfahren auf die Kirche zukommen. Sechs Diözesen haben wegen der Zahlungen ein Konkursverfahren eingeleitet, Hunderte Priester wurden entfernt, in Kirchen und Schulen wurde eine Art Frühwarnsystem eingerichtet, um weitere Missbrauchsfälle zu verhindern.

Dass Papst Benedikt XVI. bei seinem ersten Besuch als Pontifex in den Vereinigten Staaten nicht nach Boston reist und mithin das Epizentrum des amerikanischen Missbrauchsskandals meidet - Kardinal Bernard Law trat hier im Dezember 2002 als Erzbischof zurück, weil er schuldige Priester gedeckt hatte -, kreiden ihm viele Missbrauchsopfer an. Zudem sei Kardinal Law, der noch von Johannes Paul II. nach Rom berufen und für den Verlust seiner Erzdiözese mit allerlei neuen Ämtern entschädigt wurde, das Negativbeispiel für den Umgang des Vatikans mit dem Missbrauchsskandal: Kein Bischof sei je wegen der Beihilfe zu einer Straftat gemaßregelt oder gar bestraft worden, kritisieren Organisationen wie Snap.

„Nur der Papst kann einen Bischof maßregeln“

Ihre 19 Kreuze auf dem Bürgersteig vor dem Kapitol stünden für die 19 amerikanischen Bischöfe, die sich selbst des Missbrauchs von Kindern schuldig gemacht hätten, sagt Barbara Blaine. 13 dieser Bischöfe lebten noch, drei von ihnen seien gar noch immer im Amt. „Bischöfe können Priester entfernen, aber nur der Papst kann einen Bischof maßregeln“, sagt Terence McKiernan von der Bostoner Organisation „Bishop Accountability“ und fordert vom Papst, dass er seinen amerikanischen Bischöfen auch als „Manager“ einer großen Organisation gegenübertreten müsse.

Beschäftigen wird Benedikt neben dem Missbrauchsskandal und bankrotten Diözesen der Priestermangel, der zur Schließung von Kirchen und katholischen Schulen führt. Von den gut 18.600 katholischen Gemeinden des Landes waren im vergangenen Jahr mehr als 3200 ohne eigenen Priester, heißt es in einer Untersuchung der Georgetown-Universität in Washington. Mehr als 800 katholische Gemeinden wurden seit 1995 aufgelöst, die meisten seit dem Jahr 2000.

Inzwischen hat sich eine veritable Graswurzelbewegung katholischer Laien gebildet, die mit Kirchenbesetzungen und Mahnwachen ihre von Verkauf oder Abriss bedrohten Gotteshäuser verteidigen. Im vergangenen Jahr wurden gerade einmal 456 Priester geweiht, weniger als halb so viel wie zum Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahre 1965. Das Durchschnittsalter aktiver katholischer Priester liegt bei 60 Jahren, die Zahl der Nonnen ging von ehedem 180.000 auf jetzt 63.000 zurück.

Fast jeder vierte Amerikaner ist Katholik

Als die dreizehn britischen Kolonien 1776 ihre Unabhängigkeit von der englischen Krone erklärten, waren weniger als ein Prozent ihrer Einwohner Katholiken. Heute sind die Vereinigten Staaten nach Brasilien und Mexiko das Land mit den meisten Katholiken: rund 70 Millionen Menschen. Damit ist fast jeder vierte Amerikaner Katholik, die katholische Kirche ist zudem die größte Glaubensgemeinschaft unter allen Konfessionen und Denominationen. Was sich als Krise der innerstädtischen Pfarrgemeinden und Konfessionsschulen darstellt, ist die Folge des demographischen Wandels.

Die wohlhabenden Nachfahren der irischen, polnischen, italienischen und auch deutschen Einwanderer sind aus den Städten längst in die Vorstädte hinausgezogen, während die hispanischen Immigranten, die das Wachstum der katholischen Kirche seit Jahren antreiben und auch künftig beschleunigen werden, weniger kompakt siedeln und jedenfalls nicht in Massen in die Innenstädte ziehen. Fast jeder zweite Einwanderer, der seit 2000 ins Land kam, ist (hispanischer) Katholik, und wenn sich die Zahl der Latinos in Amerika bis 2050 nach den Erwartungen der Demographen von derzeit gut 42 Millionen auf dann 130 Millionen verdreifachen wird, werden auch der Einfluss und Gewicht der katholischen Kirche weiter wachsen.

Schon jetzt bietet die Kirche freilich kein Bild des Niedergangs. 30 bis 40 Prozent der amerikanischen Katholiken besuchen wöchentlich die Messe, in Europa sind es durchschnittlich gerade einmal zehn Prozent. Seit 1993 haben die amerikanischen Katholiken ihren Pfarreien und Diözesen jährlich etwa 8,7 Milliarden Dollar an Kollekten und Spenden gegeben. Etwa 2,5 Millionen Schüler aller Konfessionen besuchen katholische Bildungseinrichtungen, zu denen außer Kindergärten auch ein Netz von 6200 Grund- und 1300 weiterführenden Schulen sowie 200 Universitäten und Colleges gehört.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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