
Ich mag mich nicht mehr in jedem Detail korrekt erinnern, aber Huntington stellt in seinem Buch seine These wie ein Pradigma à la Thomas Kuhn vor: Ist dieses Paradigma in der Lage, Phaenomene die wir beobachten, richtig vorherzusagen. Genauso wie in der Physik, ist dies Paradigma an sich "wertfrei", (dh Paradigmen erfuellen einen bestimmten Erkenntnisbedarf vor dem Hintergrund einer gegebenen Kenntnismenge). Und siehe da, das Huntington "paradigma" gibt uns bessere Vorhersagen als zB das Fukuyama Paradigma. Sonst nichts! Eine wie auch immer geartete "Bewertung" des Beobachtungsgegenstands (Kultur X oder Kultur Y ) ist hier vollkommen gegenstandslos. Huntington beschreibt einen allgemeinen Mechanismus, den man erfolgreich mit bekannten politischen Scenarien als Model (im mathematisch/logischen Sinne) instantiieren kann. Es gibt viele Vorwuerfe gegen Huntington, aber wenige, die mit Textzitaten gestutzt sind. Ganz anderer Punkt: US Amerikanische Aussenpolitik hat seit fast 40 Jahren (Kissinger, Fukuyama, Huntington, Rice (die immerhin das beste Werk zur Deutschen Einheit geschrieben hat) eine sehr hohe akademische Qualitaet in der Aussenpolitik gehabt. Wie sieht das bei uns aus ?

Ein großer Geist und Analytiker, der unserer Welt verloren geht. Differenziert, nüchtern, plausibel: Huntington bietet mit "Clash of Civilizations" definitiv eine der besten und umfassendsten weltpolitischen Analysen, die die westliche Literatur zu bieten hat. Eine seine zentralen Aussagen, nämlich die, dass die westliche Kultur nicht universal ist und keineswegs eine Welt des allumfassenden Friedens hervorbringen wird, sollte in die Bildungspläne von Schulen eingegliedert werden um der um sich greifenden Ignoranz und Naivität Einhalt zu gebieten. Huntington vermag es einen Überblick über Weltgeschehen zu schaffen, der sowohl die Vergangenheit zu erklären, als auch die Zukunft glaubwürdig zu beschreiben vermag. Es ist sehr schade, dass wir nicht mehr von ihm lesen werden. Möge er in Frieden ruhen.

Huntington war ein eifriger Leser Sepnglers. Wer die heutige und morgige Welt verstehen will, muß "Jahre der Entscheidung" lesen.

Zunaechst ging es mir um die minderwertige Beweisfuehrung der Thesen Huntingtons, die einer Diffamierung gleichkommt. Das kann man belegen, wenngleich nicht hier. Und wenn ich versuchen wollte, eine Kritik an der islamischen Welt zu tabuisieren, so waere dies wohl angesichts der Realitaet ein laecherliches Unterfangen. Allerdings denke ich in der Tat, dass die Sicht des Westens auf die Islamische Welt einer dauerhaften Schieflage unterliegt und letztere im Westen einer unterschwelligen Diffamierung ausgesetzt ist, die sich schon in der Wortwahl ausdrueckt. Das hat Gruende, die will ich nicht bestreiten, gerade auch in der neueren Geschichte, doch Huntingtons Erfolg ist m.E. durch diese Diskurslage moeglich gemacht worden und hat sie dann verstaerkt.

von 1993 im englischen original lesen möchte, findet sie hier: http://history.club.fatih.edu.tr/103%20Huntington%20Clash%20of%20Civilizations%20full%20text.htm Nach der Lektüre wird klar, dass die Behauptung Huntington sein ein "Demagoge" oder "Hetzer" unredlich ist. Jede These bedarf einer Zuspitzung; darauf herumzureiten hieße auch Marx, Freud, Popper u.v.a.m. als "Hetzer" abtun zu müssen

Huntingtons Werk vom Kampf der Kulturen ist nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes ein Meilenstein in der politikstrategischen Debatte. Es ist der Versuch, die nun nicht mehr bipolare, sondern komplizierte und interdependente Welt in ihrer Komplexität zu reduzieren und zu verstehen. Eine neue Strategie bedarf eines neuen Paradigmas und einer sachlich differenzierten strategischen Diskussion. In den USA gibt es die Köpfe, die hierzu beitragen - doch gibt es sie heute auch (noch) in Europa? Wohl eher nicht. Von Brandherd zu Brandherd eilend gleicht das hiesige politisch-operative Geschäft vielmehr einem Reparaturdienst - ohne Vision, ohne Nachhaltigkeit. Es braucht mehr streitbare Geister - Huntingtons Tod ist dahingehend ein Verlust.

erkenne ich in Ihrer Geichsetzung Huntingtons mit dem Chef-Ideologen des NS-Regimes zu recht, den Versuch, die notwendige Kritik an den politisch-kulturellen Zuständen des islamischen Kulturkreises zu tabuisieren? Diese Masche können Sie sich sparen, sie zieht nicht mehr.

Der riesige Einfluss von Huntingtons Thesen ueber den "clash of civilisations" ist detutlich sichtbar, und er scheint retrospektiv eine gewisse perverse Bestaetigung erfahren zu haben, jedenfalls in den Augen derer, die die Welt so sehen wollen. Doch sein Buch mit diesem Titel ist ein wissenschaftlich absolut minderwertiges Werk, seine Sicht der islamischen Welt (um die geht es darin ja vor allem) is brutal und primitiv verfaelschend und vereinfachend, motiviert von Vorurteilen und Diffamierung (etwa wenn er alte Zivilisationen als von Staemmen beherrscht abtut). Ich wuerde sein Werk mit Alfred Rosenbergs "Mythos des 20ten jahrhunderts" vergleichen: auch hier findet sich ein grosser Einfluss und eine anscheinende Bestaetigung seiner Sichtweisen (die natuerlich 1945 hinweggefegt wurden) und eine grundlegende Verneinung des Seins des Anderen. Vielleicht ist Rosenbergs Buch allerdings differenzierter gewesen als Huntingtons plumpe Thesen. Ich halte sie fuer intellektuellen Giftmuell.

Das Tragische an Huntington's Erfolg ist, dass er einerseits die Pappenheimer in den US-Regierungen kannte, die traditionsgemäss gern mit Aufwieglern und Separatisten zusammengearbeitet haben, da dadurch Einflusssphären gesichert werden konnten. Andererseits hat er die christliche Feindesliebe über Bord geworfen und damit eine wichtige Bastion geräumt. Ungebildete Deutsche dürften in Huntington zudem schon lange einen zweiten Führer erkannt haben, der ihnen die Leitkultur zurückbringt, welche ja wegen Hitler immerhin für einige Jahrzehnte ein Tabu war. Das Unbehagen an Huntington, es wird nicht schwinden, jedenfalls nicht, solange er als wichtiger Kopf in einer von Verteilungskämpfen geprägten Zeit, vergöttert wird.

genau wie sein Widersacher Huntington - mittelfristig. Die Frage ist nur, wie lange die Antagonisten der westlichen Kultur, namentlich der Islam, benötigen, um aufklärerische Wirkungen aufzunehmen, zu verarbeiten und umzusetzen. Auf diesem Weg kann natürlich einiges geschehen. Solange müssen wir hoffen, helfen - und notfalls entschieden handeln. Genau das offenbar hat Huntington als naheliegend vorausgeahnt. Zu Recht, wie wir gegenwärtig annehmen müssen. Alles andere wäre Selbstmord - langfristig.

"Anders als die irdischen Weltanschauungen, die ihre Anhänger und Gegner lediglich mit diesseitigen Aussichten in Schach halten können, versprechen die größten Religionen „ewige“ und damit unwiderlegbare Belohnung oder Strafe, was offensichtlich ganz andere Bindungswirkungen unter den Massen zu entfalten vermag." Schonmal von Vorstellung und Wahrnehmung gehört? Vorstellung allein ist real. Ihre Verbindung mit etwas ausserhalb dieser wird als Einkalng mit "der Realität" bezeichnet, als Überprüfung der eigenen Vorstellung. Aber diese Überprüfung selbst ist schon ein CLASH zwischen der Realität der Vorstellung, also der neuronalen Struktur und der Struktur der Welt.

Obwohl die Franzosen gern Zivilisation und Kultur gleichsetzen bzw. verwechseln, sind es dennoch zweierlei völlig verschiedene Dinge im Amerikanischen wie auch im Deutschen. Der Titel "Clash of Civilizations" ist mithin total falsch übersetzt mit "Kampf der Kulturen". Wenn Huntington das wirklich gemeint hätte, dann hätte er natürlich sein Buch "Clash of Cultures" benannt. Doch offensichtlich meinte er das eben gerade NICHT.

Immerhin ist die innere Stabilität des europäisch-amerikanischen Finanzspekulationsfeudalismus inzwischen derart erodiert, dass es sicherlich nur noch eines lauen Lüftchens bedarf, um diese frühere "Kultur" zu Staub zerfallen zu lassen. Huntington war US-Amerikaner. Als solcher braucht er sich die Fehleinschätzung des inzwischen innerlich völlig zerfallenen Besitzbürgerfeudalismus nicht vorhalten lassen. Die reale Struktur dieser "Kultur" hat Jack London schon 1903-1908 als Vision aufs Papier geschrieben. Der Titel dieser Arbeit lautet "The Iron Heel" und erhebt keinen Anspruch darauf, eine bedeutende Lehre zu sein. Es ist nur ein "Sience Fiction" Roman.

Es ist eine bemerkenswerte Koinzidenz, daß die Nachricht vom Tod des Mr. Huntington genau unterhalb der Meldung des Tages plaziert ist. Dieser Zufall (oder ist er das nicht?) ist gleichsam eine Bestätigung der wesentlichen These des Wissenschaftlers. Möge er in Frieden ruhen.

werden Historiker den Schlußsatz in seinem Werk zitieren: "Der Westen muß gemeinsam marschieren, sonst wird er einzeln geschlagen". Und dann wird gefragt werden, wie konnte es soweit kommen. Fragen wir doch heute die verantwortlichen Politiker, oder wählen sie ab, solange das noch geht.

Es fällt auf, dass sein vielleicht ebenso bekanntestes wie umstrittendstes Buch, "Clash of Civilisations", mit "Kampf der Kulturen" eigentlich falsch übersetzt ist. Treffender wäre m.E. "Zusammenprall der Kulturkreise". In diesem Sinn war Huntigton Anfang der '90er ein richtungsweisender Denker. Das nämliche Buch enthält einige Fehler (so behauptet er z.B. die BRD habe 1991 als erstes Kroatiens Unabhängigkeit anerkannt, dabei war es Island) hat sich aber mit seiner Kernthese als weitaus stimmiger erwiesen, als es unzählige 'Experten' aus Politik, Islamwissenschaft usw. usf. wahrhaben wollten.