Afghanistan

Die Plünderer riefen laut: Tod Karzai! Tod Amerika!

Von Ahmad Taheri

Soldaten der Bundeswehr in Kabul

Soldaten der Bundeswehr in Kabul

04. Juni 2006 Die Lehmmauern des Guesthouse im besseren Kabuler Stadtteil Shahr-e No sind hoch und oben mit Stacheldraht versehen. Endlich macht ein Mann mit geschulterter Kalaschnikow die Tür einen kleinen Spalt auf. Nachdem er sich überzeugt hat, daß es sich bei dem Besucher um einen Journalisten aus Deutschland handelt, öffnet er die Tür. Am Ende des Gartens mit den gepflegten Blumenbeeten sieht man das Werk der Zerstörung: drei niedergebrannte Villen, gebaut in den sechziger Jahren zu Zeiten von Zahir Schah. Vier bewaffnete Wächter mit traurigen Gesichtern lungern herum. Nur der weißbärtige Gärtner tut seine tägliche Arbeit: Er gießt die Blumen.

"Ich war hier", sagt einer der Wächter, "als die Leute kamen. Zwei von uns standen vor dem Haus. Plötzlich stürmten die Diebe das Gästehaus." Wie viele waren es? "Hier waren es hundert oder zweihundert, ich weiß es nicht", erwidert der Paschtune aus Dschalalabad. "Einige waren aus diesem Viertel, aber die meisten waren Schomali", fügt er hinzu. "Schomali", die "Nordler", nennt man die Bewohner der Region nördlich von Kabul.

„Wir waren machtlos, denn sie waren viele“

Im Wohnviertel der Schomali hatte am Montag ein amerikanisches Fahrzeug 22 Autos gerammt. Dabei kamen drei bis sieben Menschen ums Leben; die genaue Zahl weiß keiner. Nach Aussage von Tom Koenigs, dem Leiter der UN-Mission in Kabul, starben an diesem Tag 17 Menschen, hundert wurden verletzt. Ein afghanischer Polizist, der in die Menge geschossen hatte, wurde von Jugendlichen gelyncht. Man übergoß den Mann mit Benzin und zündete ihn an.

"Sie riefen ,Tod Amerika, Tod Karzai'", sagt der paschtunische Wächter des Gästehauses, in dem viele Leute aus dem Westen wohnen. "Manche trugen das Bild von Ahmad Schah Massud." Also des ermordeten Führers der Tadschiken, der noch immer sehr populär ist. Der Wächter schüttelt verächtlich den Kopf. "Wir waren machtlos, denn sie waren viele. Ein paar junge Männer haben meinem Bruder die Kalaschnikow weggenommen." Zum Glück, so erzählt der etwa vierzig Jahre alte Wächter, war gerade kein Gast im Haus. "So betraten sie die Zimmer und nahmen alles mit: Computer, Laptops, Fotokameras, Koffer und andere Sachen. Dann schütteten sie Benzin in die Räume und zündeten alles an."

Kein Befehl, sich einzumischen

Fünf weitere Herbergen für Ausländer wurden, wie man später erfuhr, ebenfalls niedergebrannt. Die Demonstranten, die auf einige hundert angewachsen waren, zogen durch die Hauptstraße von Shahr-e No. Es war, wie ein afghanischer Augenzeuge berichtet, weit und breit kein afghanischer Polizist zu sehen. Die Ordnungshüter wollten anscheinend das Schicksal ihres gelynchten Kollegen nicht teilen.

Gewöhnlich wimmelt es in Shahr-e No von Sicherheitskräften, denn hier befinden sich die meisten ausländischen Hilfsorganisationen. "Waren Sie am Montag hier?" - "Ja", antwortet ein Polizist, der vor einer staatlichen Einrichtung Wache hält. "Und warum haben Sie nicht eingegriffen?" Er schaut den Gast eine Weile an und sagt: "Sahib, ich bin doch nicht verrückt. Ich habe sechs Kinder und bekomme monatlich nur 80 Dollar." Außerdem sei "von oben" kein Befehl gekommen, sich einzumischen, sagt er.

Karzai - für viele nur ein Handlanger Washingtons

Mit "von oben" meint der wackere Mann den Polizeichef von Kabul, Dschamil Dschunbesch. Der oberste Ordnungshüter der Hauptstadt ist ein Tadschike aus der Westprovinz Farah, der für seine Brutalität bekannt und berüchtigt ist. Vor einiger Zeit folterte er einen angeblichen Terroristen eigenhändig zu Tode, was bei den Menschenrechtsorganisationen zu heftiger Empörung führte. Um seinen Posten zu behalten, gab sich Dschunbesch fortan als sanftmütiger "Freund und Helfer" der Bevölkerung. Den Plünderern und Brandschatzern ließ er am Montag aber freie Hand, erst am Tag danach vollzog er die Wende: Präsident Karzai habe befohlen durchzugreifen. Jetzt kenne er mit den Übeltätern kein Erbarmen mehr, verkündete er im staatlichen Fernsehen.

Doch sein plötzlicher Gehorsam nützte ihm wenig: Hamid Karzai entließ oder versetzte am Samstag dutzende Offiziere, wie aus dem Innenministerium mitgeteilt wurde - und auch Dschunbesch war darunter. So will der Präsident der Kritik an seinen allzu passiven Ordnungshütern begegnen. Immerhin waren die Unruhen vom Montag die schwersten seit dem Sturz der Taliban vor fast fünf Jahren. Doch rügte Karzai, der in den Augen vieler nur ein Handlanger Washingtons ist, auch die amerikanischen Truppen: Denn die hätten das Feuer eröffnet - "und wir verurteilen das scharf".

Hoffentlich kommen die Amerikaner für den Schaden auf

Mit Gewalt waren die Demonstranten auch in eine vornehme Einkaufsgalerie eingedrungen. Dort versorgen sich die Neureichen von Kabul mit Luxuswaren - ausländische Anzüge für die Herren, Roben aus Seide für die Damen, dazu ausgesprochen geschmacklose afghanische Goldwaren. Dieser Tempel des neuen Reichtums liegt einen Steinwurf entfernt von einem erbärmlichen baumbestandenen Garten, der sich "Park" nennt. In diesem "Park" lungern Tag um Tag abgemagerte Jugendliche herum. Von hier aus, so wird erzählt, habe sich eine Schar dem Aufruhr angeschlossen. "Ich war dabei", sagt ein junger Bursche, etwa 15 Jahre alt. "Ich nahm einen Fernseher, der war aber sehr schwer", erzählt der schmächtige junge Mann.

Inmitten der Geschäfte steht ein riesiger Fernseher, dessen Bildschirm so groß ist wie eine Kinoleinwand. Die Scheibe ist zerschlagen. "Den mitzunehmen haben sie nicht geschafft", sagt der Geschäftsführer. Auf zwölftausend Dollar beziffert er den Schaden. "Hoffentlich kommen die Amerikaner oder die Regierung dafür auf", sagt er. Im Verlauf des Tages wurden Gebäude von Nichtregierungsorganisationen zerstört, darunter das Haus der Hilfsorganisation Care International, die seit Jahren den Afghanen hilft.

Warum wurde der Fernsehsender Ariana angegriffen?

Auf dem Vorplatz des Hotels Interconti stehen die Fahrer zusammen und warten auf die Gäste. Sie können ihre heimliche Freude nicht verbergen, denn seit Montag geht es mit ihrem Geschäft bergauf: Im Fünfsternehotel Sirena, das Agha Khan, dem Führer der Ismaeliten, gehört, sind etliche Scheiben eingeschlagen worden. Die Ladengalerie des Hotels wurde geplündert. Seitdem, sagt einer der Fahrer, seien neun Russen und zwölf Iraner ins Interconti umgezogen. „Das ist doch gut für uns“, sagt der Fahrer. Einer seiner Kollegen meint, den Ismaeliten geschehe es recht, denn sie seien keine richtigen Muslime. Im Volksmund werden sie Tscheragh-Kos, auf deutsch „Lampenlöscher“, genannt. Die einfachen Afghanen glauben, die Ismaeliten löschten zur nächtlichen Stunde die Lichter und betrieben Gruppensex.

Bis heute bleibt es ein Rätsel, warum ausgerechnet der Fernsehsender Ariana angegriffen wurde. Ariana ist eine private Anstalt und gehört Asdullah Bayat, einem steinreichen Afghanen. Der Privatsender hatte kurz vor dem blutigen Montag über die Vereinten Nationen und die Nichtregierungsorganisationen hergezogen. Deren Mitglieder lebten „mit afghanischen Geldern“ in Saus und Braus, während die armen Afghanen am Hungertuch nagten. Diese Meinung teilen viele in der Bevölkerung. Warum wurde ein Sender, der gegen die Protzsucht der Ausländer wütet, Ziel des Demonstrantenzorns? Abgesehen von gelegentlichen populistischen Sendungen, gaukelt die Anstalt dem Volk eine virtuelle Welt des Reichtums und des Luxus vor. Die jungen Moderatoren sind modisch gekleidet. Die Leute aus armen Verhältnissen sehen zu Hause oder in den Teehäusern also ein prächtiges Bild, eine Welt, von der sie träumen, an der sie jedoch niemals teilhaben können. Das Fernsehprogramm selbst gilt als Spiegelbild des Reichtums. Man bewundert und man haßt zugleich den TV-Sender Ariana, der neben einer weiteren Anstalt - Tolu mit Namen - die meisten Zuschauer hat.

Vor dem 11. September lebten in Kabul etwa eine Million Menschen. Inzwischen sind es schon drei Millionen. Einerseits sind viele Afghanen aus Pakistan oder Iran zurückgekehrt, oder sie kommen aus den umliegenden Dörfern auf der Suche nach Arbeit. Andererseits gibt es durch das viele Geld, das nach Afghanistan fließt, einige steinreiche Leute, die ihr Vermögen zur Schau stellen. Auch der Rauschgifthandel trägt zu ihrem Wohlstand bei. So ist Kabul ein gedeihlicher Boden für soziale Konflikte. Doch der afghanische Unmut gegen die Obrigkeit ist kurzatmig. Eine Tradition gut organisierter Demonstrationen gibt es in diesem Land nicht. Schon jetzt liest man in der afghanischen Presse nichts mehr über den blutigen Montag.

Wird es in Kabul einen Bürgerkrieg geben? „Wer hier vom Bürgerkrieg redet, hat niemals einen erlebt“, sagt Tom Koenigs, der aus Frankfurt stammende UN-Botschafter in Kabul. Es sei natürlich in einer großen Stadt, die eine blutige Vergangenheit hinter sich hat, daß es gelegentlich Unruhen gebe. Im Süden, so Koenigs, gebe es einen Krieg gegen die Terroristen. Im Norden herrsche verhältnismäßige Ruhe. In Kabul sollten die Amerikaner in ihrem Verhalten gegenüber der Bevölkerung aber etwas behutsamer vorgehen, rät er. „Durch ein zu schnell fahrendes Militärfahrzeug kann soviel Unheil angerichtet werden.“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.06.2006, Nr. 22 / Seite 2
Bildmaterial: AP

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