Karadzic

Familiensache

Von Michael Martens, Belgrad

Ljiljana Zelen-Karadzic bittet ihren Mann öffentlich, sich zu stellen

Ljiljana Zelen-Karadzic bittet ihren Mann öffentlich, sich zu stellen

31. Juli 2005 Wenn der Balkan wie in diesen Wochen unter einer Hitzeglocke liegt, heißt es wieder, er sei gesehen worden. In einem Restaurant im serbisch beherrschten Osten Bosniens etwa, wo er mit seiner Frau in aller Seelenruhe gespeist habe, oder in Kutte und mit wallendem Bart hinter den Mauern eines orthodoxen Klosters.

An Berichten über den Aufenthaltsort des seit Jahren als untergetaucht geltenden mutmaßlichen Kriegsverbrechers Radovan Karadzic, der im Juli 1995 vom Haager UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien angeklagt wurde, mangelt es nicht. Die bosnische Tageszeitung „Dnevni Avaz“ füllt seit Jahren ihr Sommerloch damit.

Die Familie ändert ihre Strategie

Die Berichte von Begegnungen mit dem ehemaligen politischen Führer der bosnischen Serben seien das „balkanische Gegenstück zu Geschichten über das Ungeheuer von Loch Ness“, hieß es vor kurzem zu den vagen Ortungen des Mannes, der als politisch verantwortlich für die größten Massaker gilt, die sich seit 1946 in Europa ereignet haben. Auch im August 2005 füllt der Fall Karadzic die Titelseiten der Zeitungen in Sarajevo und Belgrad.

In einem aufsehenerregenden Appell hat sich Ljiljana Zelen-Karadzic, die Ehefrau des Gesuchten, an ihren Mann gewandt und ihn angefleht, sich dem Tribunal in Den Haag zu stellen. „Radovan, falls du lebst, mich hören und frei entscheiden kannst, stell dich um deiner Familie willen“, sagte Frau Karadzic sichtlich aufgewühlt in einer Ansprache, die am vergangenen Donnerstag in den Abendnachrichten der Belgrader Fernsehsender ausgestrahlt wurde.

Sie forderte ihren Mann auf, sich für die Seinen zu opfern, weil das Leben der Familie Karadzic bedroht sei. Viel Aufmerksamkeit erhielt Frau Karadzic auch deshalb, weil ihre letzte Äußerung deutlich abwich. Bisher haben nahe Familienmitglieder meist sinngemäß beteuert, Karadzic werde sein Versteckspiel nicht beenden.

Schlußinszenierung eines Fluchtmüden?

Noch im Februar dieses Jahres hatte Ljiljana Zelen-Karadzic, die von dem Aufenthaltsort des Flüchtigen keine Kenntnis haben will, in einem Interview mit der in Banja Luka erscheinenden Tageszeitung „Nezavisne Novine“ im Grundton ihres Einverständnisses gesagt, ihr Mann werde sich nie stellen. Auch könne niemand in der Familie ihn anweisen, nach Den Haag zu gehen. Womöglich ist der psychologische Druck auf die Karadzic' inzwischen allerdings tatsächlich so stark, daß der Familienrat sich zu dem jüngsten Schritt entschieden hat.

In dem zur bosnischen Serbenrepublik gehörenden Städtchen Pale, das in den Jahren des Bosnien-Krieges von 1992 bis 1995 die „Residenz“ Karadzic' war und bis heute Wohnort der Familie ist, finden seit Jahren regelmäßig Razzien von Truppen der internationalen Militärmission gegen Anwesen der Familie statt. Auch Karadzic' Sohn Aleksandar wurde einmal festgenommen und für zehn Tage an einem geheimgehaltenen Ort befragt.

Schon wenige Stunden nach der Ausstrahlung des Interviews tauchten in Serbien und Bosnien-Hercegovina aber auch andere Vermutungen zu der Frage auf, was Frau Karadzic zu ihrem Schritt veranlaßt haben könnte. Die Belgrader Tageszeitung „Politika“ zitierte die Vermutung, Karadzic sei gezwungen, sein Versteckspiel aufzugeben, und benötige ein Alibi für eine selbstlos wirkende Schlußinszenierung.

Aufruf scheint vielversprechender als Fahndung

Die Vermutung, er selbst habe seine Frau zu ihren Äußerungen aufgefordert, wird damit erklärt, er könne seine Dauerflucht nicht länger finanzieren oder sei so krank, daß ein Leben im Untergrund ihm nicht länger möglich sei. Sollte also der Aufruf von Ljiljana Zelen-Karadzic den Erfolg bringen, der den internationalen Truppen in Bosnien-Hercegovina ein Jahrzehnt lang verwehrt blieb? Vielversprechender als etwa amerikanische Fahndungsplakate erscheint der neue Versuch auf jeden Fall.

Auf den Plakaten wird eine Belohnung von fünf Millionen Dollar für Hinweise versprochen, die zur Ergreifung des ehemaligen Präsidenten der bosnischen Serbenrepublik beitragen. Mit solchen Aufrufen sind auf dem Balkan indes schon andere gescheitert. Manche Antiquariate zwischen Skopje und Novi Sad haben Nachdrucke eines historischen Plakats im Angebot, auf dem eine Belohnung von 100.000 Reichsmark in Gold ausgelobt wird für Hinweise zur Ergreifung eines „bolschewistischen Agenten“, der Tito gerufen wurde.

Text: F.A.Z., 01.08.2005
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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