Fall Litwinenko

Der Agent und Putin

Von Markus Wehner

Wer hat Alexander Litwinenko umgebracht? Für viele im Westen ist das klar. Hatte der nach Großbritannien geflohene ehemalige russische Geheimagent nicht im Fall der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja recherchiert? War er nicht mit Gegnern von Präsident Wladimir Putin, wie dem im Londoner Exil lebenden Geschäftsmann Boris Beresowskij, verbandelt?

Der Kreml selbst hat durch die lange Hand seiner Dienste Rache an dem Verräter geübt, lautet die These. Schließlich wurde Litwinenko durch ein radioaktives Element getötet, das nicht in der Apotheke oder im Baumarkt zu erhalten ist. Aber hätte ein Geheimdienst ein solches Mittel eingesetzt, wenn er einen Gegner unauffällig töten wollte? Und warum sollte ein Dienst Litwinenko ermorden? Schlüssig wäre das, wenn der Verrat wichtiger Staatsgeheimnisse drohte – das ist eher unwahrscheinlich. Auch die Abschreckung von Nachahmern überzeugt nicht als Motiv, denn der Drang russischer Agenten, in den Westen überzulaufen, ist begrenzt.

An einem Gesichtsverlust kann Putin wenig liegen

Zudem ist das Risiko groß, daß ein Mord doch auf den Dienst zurückschlägt. An einem Gesichtsverlust kann dem Kreml, kann Putin nicht gelegen sein, will er doch zeigen, daß sein Land eine Demokratie ist. In Rußland interpretieren kremltreue Politiker den Mord – wie schon im Fall Politkowskaja – denn als Versuch, dem Image Putins zu schaden: eine ins Gegenteil gewendete Verschwörungstheorie.

Vielleicht ist alles komplizierter. Der Giftmord könnte ein Racheakt einer Person oder Gruppe aus dem Graufeld russischer Dienste und mafioser Strukturen sein, deren Kreise Litwinenko oder seine Verbündeten störten. In Rußland sind weiter unterschiedliche Mächte am Werk. Um ihre Interessen durchsetzen, bedienen sie sich oft der Gewalt – weniger etwa der Medien. Damit hat Putin dann doch etwas zu tun.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

Spekulationen

Wurde Litwinenko früher vergiftet?

Andrej Lugowoj behauptet, der frühere Geheimdienstagent Litwinenko sei bereits Mitte Oktober vergiftet worden. Derweil prüft die Hamburger Soko die Echtheit eines Interviews mit Dmitrij Kowtun.

Fall Litwinenko

Kowtuns Spuren

Die radioaktiven Spuren, die der russische Geschäftsmann Dmitrij Kowtun hinterlassen hat, deuten darauf hin, daß er an der Vergiftung des Ex-Spions Litwinenko beteiligt war. Aber sicher ist nichts: Kowtun ist der große Unbekannte in dem Kriminalfall.

Fall Litwinenko

Entwarnung in Hamburg

In der Giftmordaffäre um den russischen Ex-Spion Litwinenko sind Menschen aus dem Hamburger Umfeld seines Kontaktmanns Kowtun offenbar doch nicht verstrahlt worden. Die frühere Frau Kowtuns, ihr Lebensgefährte sowie zwei Kinder seien lediglich zur Vorsorge in ein Krankenhaus gebracht worden, teilte das Bundesamt für Strahlenschutz mit.

Fall Litwinenko

Woher stammt das Polonium?

Die jüngsten Vergiftungsfälle und die Funde von Polonium-Spuren in zwei Wohnungen in Hamburg werfen die Frage auf, woher das radioaktive Material nun letztlich stammt, mit dem Alexander Litwinenko vergiftet wurde und andere Personen in Kontakt kamen.

Fall Litwinenko

Merkel fordert zügige Aufklärung

Die Kanzlerin mahnt Rußland mit Nachdruck zur Mitarbeit im Fall Litwinenko an. Zur jüngsten Mordserie an russischen Journalisten, Politikern und Geschäftsleuten sagte sie: „Das ist kein gutes Zeichen, das muß sich ändern.“

Fall Litwinenko

War Kowtun der Polonium-Kurier?

Radioaktive Rückstände im Haus der früheren Ehefrau und in einer Reetdach-Villa: Dimitri Kowtun sorgt für Polonium-Spuren in Hamburg. Er könnte das radioaktive Material nach London gebracht haben, mit dem Alexander Litwinenko vergiftet wurde. Frank Pergande berichtet aus Hamburg.

Hamburg

Polizei bestätigt Polonium-Spuren „definitiv“

Bei den in Norddeutschland entdeckten radioaktiven Spuren handelt es sich nach Angaben der Einsatzleitung „definitiv“ um Polonium. Unterdessen äußerte die Witwe Litwinenkos den Verdacht, daß russische Behörden für den Tod ihres Mannes verantwortlich sein könnten.

Litwinenko-Mord

Ein Flugzeug, ein Mietshaus, ein Anwesen

Radioaktive Spuren in einem Hamburger Mietshaus und im Landkreis Pinneberg, Untersuchungen in einer „Germanwings“-Maschine: Im Mordfall am ehemaligen russischen Geheimdienstagenten Litwinenko wird auch in Deutschland ermittelt.

Mordfall Litwinenko

Hunderte Hotelgäste sollen auf Polonium untersucht werden

Die britische Gesundheitsbehörde will 200 Gäste eines Londoner Hotels medizinisch untersuchen lassen, nachdem sieben Hotelangestellte positiv auf das radioaktive Polonium getestet worden sind. In dem Hotel hatte sich der tödlich vergiftete Kreml-Kritiker Litwinenko aufgehalten.

Fall Litwinenko

Zweideutige Poloniumspuren

Das Gift, mit dem Alexander Litwinenko getötet wurde, hinterließ Spuren - auch an Menschen, mit denen er nach seiner Vergiftung Kontakt hatte. Doch führen diese Hinweise auch zu dem Täter oder zu weiteren Opfern?

Fall Litwinenko

Beresowskij kennt die Gefahr

Vom „Paten des Kremls“ zum scharfen Kritiker: Welche Rolle spielt Boris Beresowskij bei dem Anschlag auf den früheren KGB-Mann Litwinenko? Der Wirtschaftsboß suchte von jeher erfolgreich die Nähe zu den Mächtigen der Welt.

Fall Litwinenko

„Sie werden alle töten, die sie für ihre Feinde halten“

Ahmed Sakajew war ein Freund Litwinenkos und sein Nachbar. Der tschetschenische Exilpolitiker nahm den Ex-Spion am Abend der Vergiftung in seinem Auto mit nach Hause. Sakajewim im Gespräch mit der Sonntagszeitung über Putin, Polonium und die Angst.

Litwinenkos Tod

Die radioaktive Visitenkarte

Der Giftmord an dem früheren Spion Alexander Litwinenko lähmt die Vernunft und läßt Gespenster von der Leine. Nichts gedeiht in einem Klima der Angst besser als Verschwörungstheorien. Kerstin Holm berichtet aus Moskau.

Polonium-210

Nicht leicht nachzuweisen

Eine Substanz wie Polonium-210 ist gar nicht so leicht nachzuweisen, zumal dann, wenn sie lediglich in Spuren vorkommt. Die Ermittlungen im Fall Litwinenko sorgen für große Beunruhigung.

Auf Befehl vergiftet?

Der mysteriöse Tod des einstigen Spions Litwinenko

Nach Art des Berufsstands hat der frühere Geheimagent Litwinenko das wichtigste Geheimnis seines Lebens mit sich genommen: die Ursache seines Todes. Führt die Spur in den Kreml oder eher in die russische Wirtschaftswelt?

Affäre um vergifteten Agenten

Botschaft an Putin: „Sie sind barbarisch“

Der frühere russische Agent Litwinenko, der den Folgen einer mysteriösen Vergiftung erlag, hatte kurz vor seinem Tod schwere Vorwürfe gegen den russischen Präsidenten erhoben. „Sie haben sich als genauso barbarisch und unbarmherzig erwiesen, wie die meisten ihrer Kritiker behauptet haben.“