25. Juli 2008 Es war nur ein Kindergeburtstag, zu dem die christliche Familie eingeladen hatte. Doch eine Gruppe wütender bärtiger Männer stürmte vor wenigen Wochen das Haus unweit der Universität von Peshawar. Sie prügelten auf die Gäste ein, zwangen 17 von ihnen in ihre Fahrzeuge und rasten in Richtung Khyber-Pass davon. Einen halben Tag später kamen sie wieder frei. Dabei hatten sie noch Glück: Als ein "Missverständnis" bedauerte die Islamistengruppe Lashkar-e-Islam die Entführung; man habe geglaubt, es habe sich um eine "vulgäre" Veranstaltung von Muslimen gehandelt. Stammesführer und die Regierung in Islamabad hatten sich für die Freilassung der Christen eingesetzt.
In der pakistanischen Northwest Frontier Province (NWFP) unweit der Grenze zu Afghanistan führen sich die militanten Muslime wie die wahren Herrscher auf. Auch mit einer weiteren Militäroffensive gelingt es der pakistanischen Regierung nicht, sie in die Schranken zu weisen. In Peshawar trifft der Zorn radikaler Muslime die dort lebenden mehr als 300 christlichen Familien genauso wie Sikhs und säkulare Muslime, deren Frauen sich nicht verschleiern oder gern DVDs kaufen.
Aber auch aus vielen anderen Teilen der Islamischen Republik Pakistan, wo die Bevölkerung zu 96 Prozent aus Muslimen besteht, werden Übergriffe gemeldet: Im Juni auf Hindus aus der Hafenstadt Karachi und zuvor auf mehrere Christen in der Provinz Punjab. In Faisalabad vertrieben Sunniten vor kurzem mehr als 20 Studenten, die der Ahmadiyya-Minderheit angehören, von der medizinischen Hochschule; dieser vom offiziellen Islam ausgegrenzten muslimischen Gruppe gehören zwischen zwei und vier Millionen Menschen an. Die größten Verluste mussten in den vergangenen Jahren jedoch die Schiiten hinnehmen. Sie stellen zwischen zehn und zwanzig Prozent der Bevölkerung. Sunnitische Terroristen griffen sie immer wieder während des Aschura-Fests an. Hindus und Christen klagen zudem darüber, dass sie oft mit brutaler Gewalt gezwungen würden, zum Islam überzutreten: Allein in Sindh berichten Hindu-Organisationen, dass jedes Jahr 15 bis 20 Familien gezwungen würden zu konvertieren - oft aus einer finanziellen Notlage heraus, weil sie hoch verschuldet sind.
Zu sexueller Gewalt kommt es, wenn Mädchen und Frauen zum Übertritt zum Islam gezwungen werden. "Die Jüngsten sind 13 Jahre alt, sie werden entführt, oft vergewaltigt und gezwungen, zum Islam zu konvertieren. Dann werden sie verheiratet", berichtet Joseph Francis, der Gründer der pakistanischen Menschenrechtsorganisation Claas. In einem geheimen Schutzhaus in Lahore versuchen er und seine Mitarbeiter besonders christlichen Mädchen und Frauen zu helfen. "Christen sind die wichtigsten Ziele der Fundamentalisten und der religiösen Parteien", beobachtet Francis, der selbst Christ ist. Ihre Lage habe sich in den vergangenen Jahren weiter verschlechtert. Seit den Terroranschlägen vom "11. September" bekomme die kleine christliche Minderheit die tiefe Abneigung der meisten Pakistaner gegen Amerika zu spüren. Kurz nach den Attentaten hatten amerikanisch geführte Truppen im Nachbarland Afghanistan die Taliban vertrieben; eng arbeitet Washington mit dem pakistanischen Präsidenten Musharraf zusammen. Die Christen sehen viele Pakistaner als die Vorhut des Westens. Aber es kam auch schon zu Angriffen auf sie, wenn Israel gegen Palästinenser vorging oder Mohammed-Karikaturen in Dänemark erschienen.
Bei ihren Angriffen auf Nichtmuslime fühlen sich radikale Muslime noch durch das pakistanische Recht gerechtfertigt. "Wer durch geschriebene oder gesprochene Worte, durch sichtbare Zeichen, eine mittelbare oder unmittelbare Unterstellung, versteckte Anspielung oder Andeutung den geheiligten Namen des heiligen Propheten Mohammed besudelt, ist mit dem Tod oder einer lebenslangen Freiheitsstrafe sowie gegebenenfalls auch durch Verhängung einer Geldbuße zu bestrafen", steht im pakistanischen Blasphemiegesetz. Seit das Gesetz 1986 in Kraft trat, seien mehr als 900 Pakistaner wegen Gotteslästerung angeklagt worden, darunter deutlich mehr Christen, als es ihrem Bevölkerungsanteil von rund zwei Prozent entspreche, heißt es bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt: Obwohl bisher kein Todesurteil vollstreckt worden sei, hätten militante Islamisten mindestens 25 Personen gezielt getötet. Es kam schon vor, dass Mithäftlinge und Gefängniswärter wegen Blasphemievorwürfen Angeklagte umbrachten.
Oft wagen Sicherheitskräfte nicht einzugreifen, und Anwälte wie Richter fürchten selbst Repressionen. Das zeigt zum Beispiel das Schicksal des Christen Younis Masih: Er hatte 2005 in Lahore Muslime, die ein religiöses Fest feierten, zu später Stunde gebeten, leiser zu singen, weil seine Familie um einen Verwandten trauerte. Am nächsten Tag wurde er von einer Gruppe Muslimen überfallen und so lange geschlagen, bis die Angreifer glaubten, er sei tot. Als er die Täter anzeigte, beschuldigten diese ihn, den Propheten Mohammed beleidigt zu haben. Ein Gericht schenkte diesem Vorwurf Glauben und verurteilte ihn zum Tod; dazu zu einer Geldstrafe von mehr als 1000 Euro. Nach Angaben von Amnesty International wurde er seitdem mehrfach im Gefängnis zusammengeschlagen, sein Anwalt überlebte nur knapp einen Anschlag.
Immer wieder sind die Blasphemievorwürfe und die vagen Formulierungen des Paragraphen jedoch nur ein Vorwand für weltliche Motive. Sie würden vorgeschoben, um religiöse Minderheiten zu drangsalieren und politisch zu verfolgen, berichtet etwa Amnesty International. In Chack Chattah in der Provinz Punjab lehnte etwa Ende 2007 der Arzt Robin Sardar Bahin den Wunsch eines Schuhhändlers ab, vor dem von ihm geleiteten Krankenhaus einen Verkaufsstand einzurichten. Dieser warf dem christlichen Leiter der Klinik daraufhin vor, den Propheten Mohammed beleidigt zu haben. Der Arzt ist nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte weiter in Haft.
Die neue Regierung unter Ministerpräsident Gilani hat wie zuvor schon Präsident Musharraf zwar versprochen, mehr für die Minderheiten zu tun, aber es ist kaum etwas geschehen. "Stattdessen verhandelt die Regierung mit Fanatikern, die Christen und andere angreifen", beklagt Menschenrechtler Francis. Erst vor wenigen Tagen schlossen die regionalen Behörden eine Art Stillhalteabkommen mit der Islamistengruppe Lashkar-e-Islam, die im Juni die Christen entführt hatte. In der pakistanischen Presse wurde danach darüber diskutiert, wohin sich das Land entwickelt hat - zum Unguten, wie etwa der Leitartikler in der Tageszeitung "The News" schreibt: "Wenn in Pakistan die dynamische Gesellschaft wieder entstehen soll, die hier einst existierte und in der alle religiösen Gruppen ihre Rolle spielen können, muss die Regierung alles tun, um die diskriminierenden Gesetze zu beseitigen, und Nichtmuslime zu wirklich gleichberechtigten Staatsbürgern machen."
Text: F.A.Z.