Aschura-Fest

Ein gefundenes Fressen

Von Ahmad Taheri, Maschad

09. Februar 2006 Die ostiranische Stadt Maschad trägt zur Zeit Schwarz. Überall wehen schwarze Fahnen mit roten Streifen: die Farben der Trauer und des Martyriums. In schwarzen Zelten am Rande der Straßen schenken schwarzgekleidete junge Männer heißen Tee aus. In den Takiyas, den religiösen Versammlungshäusern, werden Speisen verteilt, die von betuchten Basarleuten gespendet worden sind.

Zehntausende fromme Schiiten sind aus anderen iranischen Städten oder aus dem Ausland gekommen, um in der heiligen Stadt dem Fest Aschura beizuwohnen. In Maschad ist der achte schiitische Imam Ali Ibn Musa al Reza begraben. Seine mit Gold und Mosaiken geschmückte Ruhestätte ist das prächtigste aller Heiligtümer der Schia.

Siegeshymnen weichen Klageliedern

„Hussein, Hussein“ skandieren Tausende schwarzgewandete Männer auf dem Platz der Märtyrer unweit des Heiligtums. In Reih und Glied schreiten die Männer zum Mausoleum, während sie sich mit beiden Händen an die Brust schlagen. Reich verzierte Standarten zeigen, zu welcher Gilde sie gehören. Im Hof des Heiligtums sind alle Völkerschaften der Region vertreten.

Aschura, der zehnte Tag des islamischen Monats Muharram, ist der wichtigste Feiertag der Schiiten. An diesem Tag wurde Hussein, der dritte schiitische Imam und Enkelsohn des Propheten, mit seinen 72 Begleitern in der Nähe des heutigen Kerbela im Irak von einem mächtigen Omajadenheer niedergemetzelt.

Die religiöse Inbrunst ist lebendig

In diesem Jahr, wie es der Zufall will, fällt die Trauer um Hussein mit dem Jahrestag der islamischen Revolution zusammen. Denn der Muharram wird nach dem Mondkalender, der Jahrestag der Revolution nach dem Sonnenkalender berechnet. Die Trauer hat indes über die Freude gesiegt, die Siegeshymnen der Revolution sind den Klageliedern gewichen.

Wer meint, wegen der tyrannischen Herrschaft der Ajatollahs habe sich das Volk von der traditionellen Gläubigkeit abgewendet, wird in diesen Tagen eines Besseren belehrt. Die religiöse Inbrunst ist lebendig wie eh und je.

Eine Frage der „nationalen Ehre“

Die religiöse Stimmung wollen die Ajatollahs wieder für politische Zwecke nutzen. Für Samstag wurde eine Großversammlung angekündigt. Der Aufmarsch „von Millionen Gläubigen“, die Hussein lieben, soll dem Willen des Volkes Ausdruck verleihen, daß es „den unverschämten Forderungen des Westens“ im Atomstreit nicht nachgeben wird.

Seit Monaten versucht die Teheraner Führung das iranische Atomprogramm zu einer Frage der „nationalen Ehre“ hochzustilisieren, ähnlich der Nationalisierung des Öls Anfang der fünfziger Jahre unter dem damaligen Ministerpräsidenten Mohammad Mossadeq.

Kein Atom-Konsens im Land

Doch anders als im Kampf um das Öl und den iranischen Reichtum gibt es keinen nationalen Konsens über die nuklearen Aktivitäten der Islamischen Republik. Hinter vorgehaltener Hand meinen viele Wissenschaftler und Intellektuelle, der Preis für die iranischen Ambitionen sei politisch und wirtschaftlich zu hoch.

Unter dem einfachen Volk herrscht indes ein gewisser Zweckoptimismus. Nur wenige glauben an Sanktionen oder gar an eine militärische Auseinandersetzung. Irgendwie werde man sich einigen, hört man öfter. Außer vielleicht den Revolutionsgarden oder den Basitschi, den paramilitärischen Einheiten, ist offenbar keiner bereit, für die Urananreicherung Kopf und Kragen zu riskieren.

Im Namen des Propheten auf Trab bringen

So sind die Karikaturen über den Propheten Mohammed für die schiitischen Falken ein gefundenes Fressen. Man hofft, man könne das Volk, das von dem ewigen Streit mit dem Westen ermüdet ist, im Namen des Propheten auf Trab bringen. Tag und Nacht zeigt das iranische Fernsehen Bilder der Demonstrationen gegen „die schändlichen Karikaturen“ zwischen den „Ufern des Atlantiks“ und den „Gestaden des Pazifiks“.

In den vergangenen Tagen stürmten schwarzgekleidete junge Männer die dänische Botschaft in Teheran. Vor den Augen der Polizisten flogen die Steine. Einige versuchten, über die Mauer der Botschaft zu klettern. „Die Botschafter von Dänemark muß ausgewiesen werden“, skandierten die Demonstranten. Der Revolutionsführer Ajatollah Chamenei sah hinter den Zeichnungen die „Hand des Zionismus“.

Wettbewerb der Karikaturen

Der Sieg der Hamas in Palästina habe die „zionistische Besatzungsmacht in Zorn versetzt“, und diese wolle sich jetzt an der islamischen Gemeinschaft rächen, meint die islamistische Presse. Eine Reihe von Großajatollahs von Ghom verurteilte mit barschen Worten die westliche Presse, die den Gesandten Allahs beleidigt habe.

Zu guter Letzt kündigte die Zeitung „Hamschahri“, auf Deutsch „Die Mitbürger“, einen internationalen Wettbewerb für Karikaturen über den Holocaust an. Die zwölf besten Karikaturen werden, so die Zeitung, mit einer Goldmünze im Wert von 120 Euro ausgezeichnet.

Das vielgelesene Blatt gehört dem Teheraner Stadtrat, dem Mahmud Ahmadineschad vorstand, bevor er Präsident wurde. Nun leiten seine Kameraden aus den Zeiten des Kriegs gegen den Irak diese Zeitung.



Bildmaterial: AP, REUTERS

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